Meinung
21.01.2017

Hirngemalt

Mit "BrainPaint" muss unser Denkorgan jetzt auch noch als digitaler Pinsel herhalten.

Eine der unterschätztesten alternativen Energiequellen ist jenes Konglomerat aus handgesägten Geisteshaltungen, das unter der Bezeichnung New Age zusammengefasst wird. Es lässt sich damit so viel heiße Luft produzieren, dass man durch den Abwärmegewinn problemlos ein paar Atomkraftwerke abschalten könnte. Warum lässt man diese Leute nicht einfach in Gasturbinen hineinreden? Da Turbinen recht laut sind, hätte das den zusätzlichen Vorteil, dass man nicht mehr hört, was sie reden.

Über die eigentümlichen Ansichten der New Ager würde man, wäre das Internet eckig, an jeder Ecke des Internets stolpern. Das Internet aber ist nicht eckig, es ähnelt in seiner faszinierenden Art von Durcheinander eher einem Fraktal.

Er hat Fraktal gesagt!

Das Fraktal, liebe Kinder, wurde in den achtziger Jahren von Benoit B. Mandelbrot erfunden, als er sich dadurch eingeschränkt fühlte, dass es nur vier Dimensionen gibt. (Wofür steht das B. in Benoit B. Mandelbrot? Für Benoit B. Mandelbrot). Seither gibt es so viele Dimensionen wie man möchte, worüber sich schon damals nicht nur theoretische Mathematiker freuten, sondern beispielsweise auch Sparkassendirektoren in Kleinstädten, die im Foyer ihrer Institute Ausstellungen mit wahnsinnsbunten Fraktalen im Posterformat eröffnen konnten. Fraktale sehen ein bisschen so aus, wie sich ein Krankenkassasachbearbeiter einen Drogenrausch vorstellt: farbenfroh, irgendwie merkwürdig und von einer Spitzendeckchenästhetik, die rätselhafterweise als Chaos durchgeht.

Erklärt wird nichts

Hier kommt jetzt BrainPaint ins Spiel, „ein Neurofeedback-System auf dem neuesten Stand, das aufgrund systematischer Berechnungen auf Basis von Messwerten Hilfe zur Verbesserung der von der Gehirnfunktion ausgehenden Aktivitäten bietet.” Die Software „vermittelt Wissen und Erfahrung von Spitzenforschern”, allen voran die jahrzehntelange Erfahrung von Bill Scott, der das Programm entwickelt hat. Erklärt wird nichts, stattdessen werden Worte in den Raum gestellt, die sich nach etwas anhören: „SMR-Training“, „Alpha-Theta-Training“, „Slow Cortical Potential-Training“.

EEG und Katzen

1929 entwickelte der deutsche Neurologe Hans Berger das Elektroenzephalogramm (EEG), mit dem sich elektrische Potentialschwankungen an Elektroden messen ließen, die am Schädel angebracht sind. Die Frequenzkurven weisen auf unterschiedliche Arten des Bewusstseinstonus wie „wach”, „schlafend”, „gestresst” oder „entspannt” hin. In der Medizin werden EEGs etwa bei der Bestimmung der Narkosetiefe oder des Hirntods und in der Schlafmedizin eingesetzt.

1967 brachte der amerikanische Mediziner Barry Sterman Katzen bei, ihre EEG-Wellen zu modifizieren und entdeckte später per Zufall, dass die trainierten Katzen resistent gegen epileptische Anfälle waren. Seither gibt es Leute, die glauben, dass EEG-Wellentraining - vornehmer Neurofeedback genannt - die Fähigkeiten des Gehirns verbessern kann. Seit einem halben Jahrhundert wird damit experimentiert, bisher ist es bei vagen Hinweisen auf mögliche Wirkungen geblieben. Einen Nachweis dafür gibt es immer noch nicht.

Mathematisch anspruchsvollener Kitsch

Zur Gehirnoptimierung malt BrainPaint statt schlichter, linearer Hirnstromkurven effektvolle fraktale Filamente auf den Bildschirm. Die Bilder erinnern an das Protoplasma aus Stanislaw Lems Roman „Solaris“, das einen ganzen Planeten überzieht und komplexe, kilometerhohe Ausformungen bildet. Wissenschaftler in einer umlaufenden Raumstation versuchen in dem Buch seit Jahrzehnten vergeblich, sie als Äußerungen einer fremden Intelligenz zu enträtseln.

So sitzt man da und schaut sich mathematisch anspruchsvollen Kitsch an, der suggeriert, man könne sein Bewusstsein grafisch verfeinern. Um aus solcher Wolkigkeit ein vermarktbares Produkt zu machen, wird auf jene Mischung aus verheißungsvoller Rhetorik und Hochpreispolitik zurückgegriffen, die typisch ist für viele New Age-Darbietungen: „BrainPaint verwandelt Gehirnsignale in wunderbare, interaktive, dynamische Kunst, die deinem Gehirn wertvolles Feedback zur Verbesserung seiner Funktionen gibt. Zum ersten Mal kann das Gehirn sich selbst in Aktion sehen.“

Ein Werk der Liebe

Die nötige Soft- und Hardware kann man nur mieten – sie ist „nicht als kommerzielle Anwendung entwickelt worden“, vielmehr ein Werk der Liebe, „befeuert von Bill Scotts Leidenschaft, die Sprache des Gehirns zu lernen, seinen Klienten zu helfen und dem Feld des EEG-Biofeedback mehr Glaubwürdigkeit und Aufmerksamkeit zu verschaffen.” Das Werk der Liebe kann für 675 Dollar pro Monat geleast werden. Das sei günstiger als die 16 mindestens nötigen 30-Minuten-Sitzungen mit einem Neurofeedback-Therapeuten, der 260 Dollar die Stunde nimmt, rechnet Scott dem an computerisierter Denkverstärkung interessierten Zeitgenossen vor.

In die Karten schauen lassen möchte er sich dabei aber nicht. BrainPaint stelle „sehr spezielle Hardware-Anforderungen” (einen ganz gewöhnlichen PC). Und man darf vermuten, dass es sich mit BrainPaint-ähnlich verhält wie mit den Mind Machines, die in den neunziger Jahren modern waren, in ihrem Inneren Technik von gestern zum Preis von übermorgen.