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Peter Glaser: Zukunftsreich Ein Zeitalter auf Speed.

Foto: Light Impression, fotolia
Der ganze Computerzauber basiert auf einer einfachen Formel: Dummheit mal Geschwindigkeit. Ein Computer kann nicht mal bis zwei zählen – das aber in atemberaubendem Tempo.

In der Früh kurz nach Neun auf der Autobahn.

Früher war ein Stau auf der Autobahn eine ruhige Sache. Man stand, Ende. Gelegentlich lief einer Amok, wie Michael Douglas in „Falling Down". Meist aber saß man mit ausgekuppelter Strebsamkeit in seinem Kraftfahrgehäuse und hatte den Blick aus den Augen hängen, wie Wäsche zum Trocknen. Heute finden wir uns in der paradoxen Lage, zu fahren, wenn wir stehen möchten - bei der Parkplatzsuche - und zu stehen, wenn wir fahren wollen - im Stau (weswegen Datenverkehr inzwischen so beliebt ist, wo es diese Probleme kaum noch gibt).

Mülüt, sagte das Smartphone von V. Er ist Computerguru, ein alter Freund. Wichtiger Server abgestürzt, sagte das Smartphone. Ich war mit V. unterwegs, um einen Vortrag über die frühen Jahre des Onlineseins zu halten, die Zeit der 300-Baud-Modems. Damals konnte man noch zu Fuß neben den Buchstaben am Bildschirm hergehen. Opa erzählt aus dem Kriech. Ich sah, dass wir zu spät kommen würden, rief den Veranstalter an und schlug vor, den Vortrag via Handy anzufangen. Die Leute waren einverstanden und hängten Lautsprecher an ihr Telefon.

Der Wagen überschlug sich ein paarmal
„Scheu und unberührt lebt das europäische Gleithörnchen in den sibirischen Wäldern", sagte unser Autoradio. V. hatte per Ferndiagnose den Server wieder in Gang gesetzt. Ein Stück weg von der Autobahn stand ein Mann im Gras und machte Tai-Chi. Ich nahm mein Smartphone und begann mit meinem Vortrag. „Die Älteren unter den Zuhörern werden sich vielleicht noch an eine Zeit erinnern, als es im Fernsehen einen sogenannten Sendeschluß gab...“

Wir fuhren einen Mietwagen, nicht V.‘s Porsche 968. Ein paar Tage vorher war er vor meinem Schreibtisch aufgetaucht und hatte eine Handvoll würfeliger Glasscherben neben die Tastatur gekippt und erzählt, wie er auf einem schnurgeraden Autobahnstück in einer sachten Senke ins Schleudern geraten war. Der Wagen hatte sich ein paarmal überschlagen und ein Stück Wald abgemäht, der Fahrer war unverletzt geblieben.

tacho _ zukunftsreich
Foto: Light Impression, fotolia

Geschwindigkeit macht Gegenwärtig
V. schätzt Geschwindigkeit. Er fährt auch Motorrad. Es macht, dass du an nichts anderes mehr denkst, sagt er. Man muß sich so konzentrieren, dass alle anderen Gedanken gelöscht sind. Für ihn ist Geschwindigkeit etwas, das die Aufmerksamkeit schärft und ihm erlaubt, ganz in der Gegenwart aufzugehen. Er segelt gern - mit einem Katamaran, weil er besonders schnell ist. Er hat auch ein Speedboat, einen Boston Whaler. Und einen Air Foil, ein Zweimann-Flugboot, von dem nur acht Exemplare weltweit gebaut wurden, ausgelegt auf 150 Stundenkilometer Reisegeschwindigkeit - zu Wasser oder zu Land. V. mag die Freiheit, die schnelle Fortbewegungsmittel bieten, besonders die Boote. Keine Verkehrsschilder im Wasser. Es ist der am weitestgehenden unreglementierte Lebensraum.

Schon in den Sechzigerjahren sah Marshall McLuhan die digitale Geschwindigkeit heranrasen. „Im Maschinenzeitalter, das nun zur Neige geht, konnte man noch viele Schritte ohne zu große Besorgnis unternehmen. Das langsame Tempo gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters." In den Neunzigern bildete die Wirtschaft die Speerspitze der Geschwindigkeit. GBF wurde zum Generalmotto, Get Big Fast. Sinn wurde durch Geschwindigkeit ersetzt. Betriebsziel der New Economy waren nicht Produkte, sondern der kürzeste Weg zum Geld. Oder wie Helmut Qualtinger es in den Fünfzigerjahren zu dem Marlon-Brando-Film „Der Wilde" formuliert hatte: „Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, aber dafür bin ich schneller dort."

Das hysterisch ansteigende Gefühl, nicht mithalten zu können
Geschwindigkeit ist ein Kriterium, dem sich nun alles stellen muß. Viele von uns sind aufgewachsen auf einer geraden Linie aus ständig zunehmender, technisch beschleunigter Fortbewegung vom Dreirad bis hin zu der gefährlichen Blutleere im Kopf, die Kampfjägerpiloten erleiden, wenn sie ihre Maschinen in eine Kurve steuern und sich einem mehrfachen der Erdbeschleunigung aussetzen. Dahinter beginnt die digitale Geschwindigkeit. Zur Geschwindigkeit gehören auch die ebenso irrig wie hysterisch ansteigenden Gefühle, nicht mithalten zu können mit den Beschleunigungen der modernen Welt, den immer kürzeren Sätzen und schnelleren Schnitten bis hin zum idealen Film der 21. Jahrhunderts, der nur noch aus Schnitten besteht und jeden Inhalt endgültig überflüssig macht.

Wir befinden uns, falls das jemanden beruhigen sollte, in Wirklichkeit in einem Phasenübergang. Die Beschleunigung gehört zu den Symptomen des Übergangs. Was wir erleben, ähnelt dem Bildschirmflimmern auf einem alten Fernseher, das so lange unruhig macht, bis die Bildfrequenz auf über 70 Hertz beschleunigt. Das Bild wird plötzlich ruhig und klar, auch wenn man weiter beschleunigt.

Beschleunigung des Stillstands ist Hauptziel der Technologie
V. ist ein Virtuose. Wer ihm beim Programmieren zuschaut, sieht einen Daten-Komponisten. Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als eine extreme Form von Zeitlupe gegenüber. Tage, Wochen, Monate tüfteln Menschen wie V. in codierter Form an einem Ereignis, das sich innerhalb eines Augenblicks vollziehen wird, dem Programmlauf. Der ganze Zauber der Mikrochips basiert auf einer einfachen Formel: Dummheit mal Geschwindigkeit. Null und Eins. Ein Computer kann nicht mal bis zwei zählen, das aber in atemberaubendem Tempo. Und am Computer kann man beispielhaft studieren, dass die Beschleunigung des Stillstands zum Hauptziel der Technologie geworden ist. Die ganze gegenwärtige Entwicklung läuft darauf hinaus, dass die Maschinen immer schneller warten.

Ich machte die Beifahrertür auf. Ein Stück von der Straße entfernt lag ein Teich und glänzte in der Dämmerung. Am Ufer hatte jemand etwas aus dünnem Plastik in der Hand, im Abendlicht leuchtete es wie ein Tiefseewesen. Ich erzählte von früher und beendete dann meinen Vortrag. In der Entfernung schob der Wind Blätter über die Zementplatten eines Wegs, Spielzüge in einem Spiel, das kein Mensch versteht. Als der Stau sich auflöste, suchten wir eine Abfahrt, um umzudrehen und wieder nach Haus zu fahren.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

(Peter Glaser) Erstellt am 24.08.2013, 06:00

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