Meinung 03.06.2014

Müssen wir wollen?

Schätzungen zufolge sind 44 Millionen Menschen weltweit von Demenz betroffen © Bild: freshidea/Fotolia

Entweder wir haben einen freien Willen, oder die Naturgesetze legen fest, was zu geschehen hat. Oder beides?

Haben wir eigentlich einen freien Willen? Wenn wir aus Atomen und anderem physikalischen Kleinzeug bestehen, das brav und folgsam den Naturgesetzen gehorcht, dann muss sich doch die Zukunft ganz zwingend, logisch und eindeutig aus der Gegenwart ergeben. Wie ein riesengroßes Uhrwerk tickt die Welt von Augenblick zu Augenblick, nirgendwo ist Platz für Entscheidungen oder frei gewählte Beschlüsse. Sind wir bloß Sklaven unserer Atome?

Das ist eine verzwickte Frage, die in der Philosophie schon lange mit viel Aufregung diskutiert wird. Manche Leute meinen, man braucht Zufall, um unseren freien Willen zu retten. Wenn die physikalischen Regeln der Welt nicht alles zwingend vorgeben, sondern ein gewisses Zufallselement in die Natur eingebaut ist, dann sieht das Universum schon viel weniger streng und unbarmherzig aus.

Quantenphysik

Tatsächlich stößt man in der Naturwissenschaft auf ganz fundamentale Zufälligkeiten – und zwar in der Quantenphysik: Ob ein radioaktives Atom in der nächsten Sekunde zerfallen wird, oder erst übermorgen, das ist absolut unvorhersehbar. Selbst wenn wir alles wissen, was es über dieses Atom zu wissen gibt, können wir es nicht sagen. Die Natur hält diese Information einfach nicht bereit. Der Quanten-Zufall lässt sich nicht überlisten.

Aber mal ehrlich: Macht uns so ein Zufall freier? Wenn eine Entscheidung von einer Quanten-Lotterie irgendwo in der dritten Nervenzelle von links bestimmt wird, haben wir dann frei entschieden? Auch wenn man der Ansicht ist, dass die Grundgesetze der Natur Zufall hervorbringen, ist das keine wirklich befriedigende Basis für freien Willen. Von einer freien Entscheidung verlangen wir schließlich, dass sie von uns als Person, abhängig von unseren Ansichten und inneren Abwägungen getroffen wird, nicht von irgendeinem zufällig herangespülten Quantenrauschen.

Physikalisch betrachtet bringt uns das also in ein Dilemma: Entweder die Welt folgt strengen Naturgesetzen, jedes Ereignis ist die eindeutige Wirkung bestimmter Ursachen und alles ist unveränderbar festgelegt - oder irgendwo sitzt der Zufall, unbeeindruckt von Naturgesetzen, und spuckt Wirkungen ganz ohne Ursache aus. Beides passt nicht so recht zu einem freien Willen, wie wir ihn uns vorstellen.

Rechtssprechung

Manche Leute, etwa der Neuropsychologe Wolf Singer, kommen zu dem Schluss, dass es den freien Willen gar nicht geben kann, und dass man daher auch gar nicht behaupten kann, dass irgendjemand persönlich für seine Entscheidungen und seine Taten verantwortlich ist. Unsere Rechtssprechung könnte durch diese Sichtweise ziemlich aus den Angeln gehoben werden: „Verzeihung, Herr Polizeiinspektor, ich bin nicht zu schnell gefahren, das war bloß ein von meinen Neuronen und deren quantenphysikalischen Bestandteilen determinierter Druck aufs Gaspedal.“ – Das wird uns wenig nützen, wenn die Neuronen des Polizisten in diesem Fall ganz deterministisch mit dem Ausstellen eines Strafzettels reagieren.

Andere Leute wiederum halten den freien Willen und das menschliche Bewusstsein für eine unbestreitbare Tatsache und fordern, dass die Physik angepasst werden muss, um dieser Tatsache gerecht zu werden – der Philosoph Thomas Nagel argumentiert in diese Richtung. Das ist aber ein bisschen so wie die Behauptung: Wir wissen ja, dass es den Osterhasen gibt, also muss es falsch sein, dass du Mama und Papa beim Verstecken der Ostereier beobachtet hast!

Was nützlich ist, das existiert

Die Diskussion scheitert daran, dass wir hier einfach Dinge vermischen, die nicht zusammenpassen. Es gibt Begriffe, die in einem bestimmten Kontext Sinn ergeben, in einem anderen eben nicht. „Bewusstsein“ oder „freier Wille“ gehören in den Bereich der Psychologie. In der Physik kommen diese Begriffe einfach nicht vor, dort machen sie keinen Sinn, dort gibt es sie nicht. Natürlich kann man mit viel Mühe dazwischen eine logische Brücke bauen: Man kann die Psychologie auf die Biologie des Gehirns zurückführen, die Biologie mit der Chemie erklären, und die Chemie schließlich auf die Physik abbilden. Nirgends stößt man auf unüberwindliche Grenzen. Doch leider bringt uns das Zerlegen des freien Willens in seine atomaren Bausteine auch nicht weiter. Niemals werden wir menschliche Entscheidungen, Bewusstsein oder Gefühle mit den Formeln der Quantenphysik untersuchen. Selbst wenn das technisch möglich wäre: Es wäre unvorstellbar kompliziert und einfach verdammt unpraktisch.

Unsere sprachlichen Begriffe und Gedankenkonstrukte haben sich entwickelt, weil sie nützlich sind. Auch wenn wir uns die Welt rein materialistisch vorstellen, mit sauberen Naturgesetzen, die von allen Materieteilchen immer brav befolgt werden – niemand wird leugnen, dass Begriffe wie „Freundschaft“, „Bewusstsein“ oder „freier Wille“ in vielen Situationen ihren Sinn haben. „Freundschaft“ existiert, weil es ein gedankliches Konzept ist, das sich als nützlich herausgestellt hat. Sollte es überraschenderweise eines Tages möglich sein, einen solchen Begriff auf biologischer oder physikalischer Ebene zu erklären, würde das wenig ändern.

Emergenz: Das Ganze braucht andere Wörter als seine Teile

Auch in der Physik geht man recht pragmatisch an die Frage heran, ob etwas existiert oder nicht. So wurden etwa die Begriffe „Druck“ und „Temperatur“ erfolgreich verwendet, lange bevor man genau wusste, was sie auf mikroskopischer Ebene bedeuten. Das Gas in einem Luftballon hat eben einen Druck und eine Temperatur – das sind nützliche Größen, wenn man wissen will, ob der Ballon platzt.

Dem Wiener Physiker Ludwig Boltzmann gelang es dann, mit klaren, einfachen Formeln zu erklären, wie sich Druck, Temperatur und andere Messgrößen aus den Eigenschaften einzelner Teilchen ergeben: Die Temperatur hat mit ihrer mittleren Geschwindigkeit zu tun, der Druck mit dem Impuls, den die Teilchen auf die Haut des Ballons übertragen. Das lässt sich statistisch beschreiben, wenn die Anzahl der beteiligten Teilchen sehr groß ist. Ein einzelnes Molekül im Ballon herauszugreifen und nach seinem Druck zu fragen ist aber sinnlos – wie die Frage nach dem Gedanken einer bestimmten Nervenzelle.

Freilich käme niemand auf die Idee zu sagen: Druck und Temperatur gibt es nicht! Es gibt nur Geschwindigkeiten und Massen von Teilchen, sonst nichts! Druck und Temperatur sind eine Illusion! Nein – Druck und Temperatur sind nützliche Begriffe, auch wenn Boltzmann gezeigt hat, dass sie nichts anderes sind als Eigenschaften eines großen Systems, die sich logisch und eindeutig aus den Eigenschaften seiner Teile ergeben. Man nennt das Emergenz: Aus dem Zusammenfügen von Teilen ergibt sich eine Eigenschaft, für die man neue Begriffe braucht, die auf der Ebene der Einzelteile nicht sinnvoll beschrieben werden kann. Und genauso, kann man annehmen, ist es auch mit unseren geistigen Eigenschaften.

Freier Wille

Wenn wir eine freie Entscheidung treffen, wenn wir uns unseres eigenen Denkens bewusst sind, wenn wir sinnlich Wahrnehmbares empfinden, dann kann es uns gleichgültig sein, wie sich das auf die fundamentale Ebene der Naturgesetze herunterbrechen lässt. Auch wenn unsere Entscheidungen irgendwie auf atomarer Ebene erklärbar sind, werden wir immer von der Vorstellung eines freien Willens ausgehen, aus reinem Pragmatismus.

Wenn ich Lust auf Schokolade habe, dann esse ich eben Schokolade. Und es ist mir piepegal, ob das mein Gehirn, meine Nervenzellen, oder mein Quantenzufall so beschlossen hat.

Florian Aigner

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© Bild: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.
Erstellt am 03.06.2014