Meinung
20.12.2014

Quäle nie IT zum Scherz

Mit Maschinenhilfe martern lassen sich nicht nur forschungsfördernde Großväter. Auch Verkäuferinnen zur Weihnachtszeit und thailändische Minister fallen ihnen zum Opfer.

Es gibt Lügendetektoren, die einem, wenn man nicht die Wahrheit sagt, zum Spaß einen kleinen Elektroschock verpassen. Party-Polygraphen. Folter mit John Travolta. Kostet keine 30 Euro und quält technologisch zuverlässig. Man fixiert eine Hand in den Fingermulden des Geräts, stellt seine Fragen und wenn gelogen wird, gibt’s eine gespratzelt.

Gadget-Websites haben derlei unter „Spielzeug” kategorisiert, aber ich bin nicht sicher, was Amnesty International dazu sagen würde. Wobei ich gestehen muß, dass ich schon als Kind im Dienste des wissenschaftlichen Fortschritts meinen Großvater elektrisiert habe. Damals gehörten zur unumgänglichen Grundausstattung kleiner Jungs die wundervollen Kosmos-Experimentierkästen, darunter der „Kosmos Elektromann”. Einer der beschriebenen Versuche bestand im Aufbau eines Elektrisierapparates, zu dessen Anwendung sich mein Großvater als Proband zur Verfühung stellte. Jugend forscht!

Lebenslanges Lärmen

Wie sonderbar nahe sich Grausamkeit und Genuss stehen, zeigte sich im Vorweihnachtsgetümmel in Großbritannien. Gewerkschaften und Lärmschutzgruppen erhoben Klage gegen die pausenlose Beschallung von Verkäuferinnen und Verkäufern mit Weihnachtsmusik. Die UK Noise Association sieht keinen Unterschied zwischen unaufhörlicher Oh-du-Fröhliche-Berieselung und Folter. Die Briten sind übrigens nicht die ersten, die eine potentielle Ausweitung der Stillen Nacht auf die gesamte Adventzeit in Angriff genommen haben. Bereits 2003 hat die österreichische Gewerkschaft der Privatangestellten (GPS) eine erfolgreiche Kampagne gegen die akustische Tannenzweigtortur durchgeführt.

Milgram-Experiment 2.0

In modernisierter Form wiederholt wurde auch ein wegen seiner erschreckenden Ergebnisse berüchtigtes Experiment, das Stanley Milgram 1961 in Stanford durchgeführt hat. Beim sogenannten Milgram-Experiment wurde die Bereitschaft normaler Menschen getestet, andere Menschen zu quälen, wenn dies unter bestimmten Bedingungen stattfand. Den Versuchspersonen wurde gesagt, dass sie an einem wissenschaftlichen Experiment teilnehmen würden, bei dem Formen von Lernen und Disziplinierung untersucht würden. Bei Fehlern sollten sie den - von einem Schauspieler dargestellten - gefesselten Probanden auf Anweisungen hin immer stärkere Elektroschocks versetzen. Zwei Drittel der Versuchspersonen gehorchten. Bemerkenswert an dem Experiment ist, unter welche Bedingungen Menschen ihre normalen moralischen Hemmungen überwinden.

Experten für virtuelle Welten am Virtual Reality Centre der Polytechnischen Universität Barcelona und am Department of Computer Science des University College in London haben das Milgram-Experiment statt mit richtigen Menschen mit computersimulierten Avataren wiederholt. Wieder hatten die Versuchsperson einen Regler vor sich, mit dem Elektroschocks ausgelöst und die Stromstärke eingestellt werden konnte. Obwohl sie wußten, dass sie keinen Menschen vor sich zu hatten, reagierten die Versuchspersonen deutlich auf das Verhalten des weiblichen Avatars, der die Elektroschocks empfing. Die Wissenschaftler gehen nach ihrem Experiment davon aus, dass psychologische Experimente auch unter simulierten Bedingungen durchgeführt werden können.

Rechner erschossen

Das Verhältnis von Mensch und Maschine kann noch dramatischere Formen annehmen, wie etwa im Fall von George Doughty, der eine Bar in Lafayette im US-Bundesstaat Colorado betreibt, in der sich Angler und Jäger zu treffen pflegen. Doughty wurde verhaftet, nachdem er eine neuartige Jagdtrophähe an der Wand seines Lokals befestigt hatte – seinen Laptop. Gäste bezeugten, dass er das Gerät zuvor, nachdem es zum x-ten Mal abgestürzt war, mit vier Gewehrschüssen erlegt hatte. „Schon komisch“, befand der zuständige Polizeileutnant Rick Bashor, „wo doch eigentlich alle genervt sind von ihrem Computer.“

Aber auch die Maschinen scheinen etwas zu ahnen. Robert P. Booth, ein Landwirt aus Wirtz im US-Bundesstaat Virginia, hat bereits 1988 mit der Entwicklung seiner berüchtigten „Ass Kicking Machine" begonnen – ein hölzernes Rad, an dem ein derber Schuh befestigt ist. Einer Internet-Community namens „Ass-Kicker Central” ist zu entnehmen, dass Booth von der Maschine, die etwa 100 Tritte pro Minute verabzureichen imstande ist, bereits attackiert worden sei, als er sich ihr unvorsichtig genähert habe.

Sie lassen uns nicht mehr entkommen

Dabei handelt es sich keineswegs um einen Einzelfall. So wurde der ehemalige thailändische Finanzminister Suchart Jaovisidha einmal von seinem Dienstwagen verschluckt. Auf dem Weg zu einer Rede vor Bankern geriet sein BMW in einen katatonischen Zustand. „Der Motor blieb stehen, die Klimaanlage fiel aus, die Türen verriegelten sich und die Fenster gingen nicht mehr auf", wurde der Minister zitiert. „Wir bekamen kaum noch Luft.“ Fensterkurbeln gibt es in dem Fahrzeug nicht mehr. Um auf sich aufmerksam zu machen, gestikulierten der Minister und sein Fahrer wie wild. Es dauerte zehn Minuten, ehe das jemandem ungewöhnlich vorkam. Ein Sicherheitsbeamter, der sich in der Nähe aufhielt, versuchte schließlich, ein Seitenfenster mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern. Da die Ministerkarosse mit Panzerglas ausgestattet war, erwies sich das als außerordentlich mühsam.

Auch wir duldsamen Computerbenutzer sind in unsere digitalen Informations-Fortbewegungsmittel eingeschlossen, aber es scheint uns nicht weiter zu stören. Wenn man recht überlegt, sollte es einem doch zu denken geben, dass ein Mann, der Gates heißt (auf Deutsch: „Tore“) seinem Hauptprodukt den Namen Windows („Fenster“) gegeben hat und es in dem ganzen Betriebssystem keine einzige Tür gibt. Die Maschinen lassen uns nicht mehr entkommen.