Meinung
16.02.2013

When the Muzak‘s Over

Bald gibt es keine Muzak mehr. Sie war die stille Macht, die große Einflüsterung im Hintergrund, die Mutter von Lounge- und Ambient-Musik. Oder sind wir vielleicht doch ganz anderen Einflüsterungen aufgesessen?

1984 hatte auf der Berlinale der Film „Decoder" des Düsseldorfer Künstlers Muscha Premiere. Er führte in eine Welt, in der die Menschen betäubt von omnipräsenter Berieselungsmusik vor sich hinleben, und ein subversiver Klangbastler „Gegensounds" verbreitet, durch die eine Rebellion ausgelöst wird. Einen Gastauftritt in dem Film hat der Schriftsteller und Beat-Poet William S. Burroughs, der sich schon Jahre zuvor eingehend mit unterschwelliger Beeinflussung durch Schallwellen befaßt hatte. In einem Buch zu dem Film beschrieb er unter anderem, wie man ihm in einem chinesischen Restaurant in London Lokalverbot erteilt hatte und er danach von einer gegenüberliegenden Wohnung aus den Eingang so lange mit - für das menschliche Ohr unhörbarem - Infraschall besendet habe, bis das Etablissement pleite gegangen sei.

Unterschwellige Botschaften
Subliminale Beeinflussung gehört zu den verschwörungstheoretischen Klassikern. Legendär sind die angeblich während eines Films im Kino nur für Sekundenbruchteile eingespielte Werbebotschaften, die dann im Foyer „den Verkauf von Coca Cola um 18,1 % und den Verkauf von Popcorn um 57,7 %" gesteigert haben sollen. Die Zahlen entstammen dem Bestseller „Die geheimen Verführer", mit dem der amerikanische Journalist Vance Packard 1957 erstaunlich erfolgreich das Bild eines modernen, von Werbung und Medien manipulierbaren Menschen entwarf. Wie sich später herausstellte, hatte das Experiment mit den unter der Wahrnehmungsschwelle aufblitzenden Botschaften so nie stattgefunden. Vielmehr hatte der Marktforscher James Vicary, von dem die Idee stammte, damit neue Kunden für seine Werbeagentur Subliminal Projection Corp. gewinnen wollen. Gute Geschichten sind schwer wieder aus der Welt zu schaffen, auch wenn sie nicht wahr sind.

© Bild: Reuters

Music und Kodak
Da der Mensch nun also schon mal als psychologisch knetbare Masse angesehen wurde, sollte die Beeinflussung nicht nur aufs Insgeheime beschränkt bleiben. Tatsächlich hatte sich schon in den Zwanzigerjahren des zurückliegenden Jahrhunderts aus der schlichten Hintergrundmusik in Hotellobbies und Restaurants etwas entwickelt, das 1934 den Markennamen Muzak™ erhielt und heute als Inbegriff von Fahrstuhl- und Warteschleifenmusik gilt (Der Name ist eine Kombination der Worte „Music" und „Kodak", in den Dreissigerjahren ein aufstrebendes Unternehmen). Muzak säuselt in Kaufhäusern, auf Flughäfen, in Büros und Fabriken. Sogar während des Flugs von Apollo 11 auf dem Weg zum Mond hörten die Astronauten Muzak. Populäre Musik wird dafür von firmeneigenen Musikern in weichgefilterten Instrumentalversionen neu eingespielt – Gesang würde die Aufmerksamkeit der Beschallten nur unnötig herauslocken.

Der Siegeszug der Vordergrundmusik
Eine ernsthafte Gefahr für das Wirksamkeitsversprechen von Muzak war deshalb auch der Siegeszug der Vordergrundmusik. Mit der massenhaften Verbreitung von Rock`n`Roll und Popmusik durch Radio und Schallplatten begann sich in den Fünfzigerjahren das Musikhören grundlegend zu wandeln. Die Frage, welche Musik man hörte, verband sich nun zunehmend mit der eigenen Individualität. Berieselung wurde als unpersönlich und unerwünscht empfunden. Die Krise ließ sich teilweise überwinden, indem Muzak sich einfach selbst in Popmusik verwandelte. Der Klangtapete entstammen inzwischen ganze Musikgenres, vom Softjazz bis zur Ambient Music.

Betörung durch Sensory Marketing
Jetzt soll die zur Ikone gewordene Marke verschwinden. Bereits 2009 hatte Muzak Inc. Konkurs angemeldet und war von dem kanadischen Unternehmen Mood Media aufgekauft worden, dem Marktführer im Bereich des sogenannten Sensory Marketing – also der Versuche, Kunden mit Licht, Sounds, Interaktiva und Düften zu betören, um damit gegen die Herausforderungen der Online-Konkurrenz bestehen zu können. Die Firma will ihre verschiedenen Angebote unter einem einheitlichen neuen Markennamen bündeln.

Sound-Rebellen wie aus dem Film „Decoder" gibt es übrigens inzwischen wirklich, wenn auch in nichtanarchistischer Form. Der gemeinnützige Verein für das Recht auf Stille – Lautsprecheraus e.V., zu dessen Befürwortern u.a. der Dirigent Kurt Masur, der Kabarttist Dieter Hallervorden und der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt gehören, vertritt still, aber vehement die Auffassung, der akustische Raum sei Gemeingut und gehöre allen. Ein 2010 gestarteter Aufruf zu einer Petition gegen Zwangsbeschallung verzeichnet bisher 617 Unterschriften.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.