Netzpolitik
27.02.2014

„Die Luft für Linux am Desktop ist draußen“

Während die Stadt München die Umstellung auf Linux allen Widrigkeiten zum Trotz durchgezogen hat, ist das Thema Linux am Desktop in Wien so gut wie vom Tisch.

Dass ausgerechnet die Grüne-Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt in München, Sabine Nallinger, kürzlich das mit Jahresende 2013 abgeschlossene Linux-Projekt Limux kritisiert hat, hat für großes Aufsehen gesorgt. Denn politisch hatten die Münchner Grünen den Umstieg auf Linux und also freie Software bislang stets forciert. Dass Nallinger aufgrund der konstatierten Überforderung der Stadt und vieler Stadt-Bediensteter eine Kursänderung andachte, wurde ihr auch in den eigenen Reihen von einigen als Verrat an der Sache ausgelegt.

Wiener Projekt de facto tot

Während die Verantwortlichen in München am Projekt festhalten wollen, liegen die vor einigen Jahren noch sehr konkreten Plänen für das vergleichbare Projekt Wienux in Wien auf Eis. „Linux als Betriebssystem ist auf den Arbeitsplatz-Rechnern der Stadt Wien immer noch eine Option, wegen der softwaretechnischen Einschränkungen wird das real aber nicht genutzt“, sagt Marcel Simoner, Sprecher der zuständigen Magistratsabteilung 14, auf Nachfrage der futurezone. Wienux bleibe als Grundüberlegung zwar interessant, gezielt daran weitergearbeitet werde derzeit aber nicht.

Christian Jeitler, Organisator der Linuxwochen Österreich, findet es hingegen sehr schade, dass aus dem Projekt in Wien nichts wurde. „München hat vorgemacht, wie es geht. In Wien hingegen ist die Umsetzung in Wahrheit nie wirklich angegangen worden. Ohne Mitarbeiter dezidiert abzustellen, um so ein Projekt umzusetzen, funktioniert es nicht. Und das Lobbying von Microsoft war naturgemäß sehr stark“, kritisiert Jeitler im Gespräch mit der futurezone den seiner Meinung nach fehlenden politischen Willen.

Grünes Fragezeichen

Auch bei den Grünen, die den Umstieg auf Linux in Wien jahrelang priorisiert haben, ist die Euphorie einer gewissen Ernüchterung gewichen. „Die Luft für Linux am Desktop ist draußen, das Zeitfenster gab es vor allem zwischen 2005 und 2007. Um so etwas auf politischer Ebene umzusetzen, braucht man zudem die Unterstützung durch Communities, und die sind zumindest meiner Wahrnehmung nach sehr leise geworden“, sagt der Grüne Bundesrat Marco Schreuder, der 2010 in den rot-grünen Koalitionsgesprächen das Thema IKT mitverhandelt hat.

Die verpflichtende Nutzung von Linux und Open Source Software angesichts der Vorbehalte der Gemeindebediensteten und des Koalitionspartners im Koalitionsvertrag unterzubringen, sei 2010 für die Grünen als Juniorpartner einfach nicht möglich gewesen. „Beim Thema IKT war und ist daher das Bekenntnis zu Open Data unser Hauptziel, vielmehr sollte das in Wien nach Hamburger Vorbild zum Grundprinzip – Stichwort Transparenzgesetz – erhoben werden“, so Schreuder.

Der Umstieg auf Open-Source-Software und die Unabhängigkeit von Herstellern sei zwar weiterhin ein Ziel. Angesichts der rasanten Entwicklungen im mobilen Bereich, wo Linux in den vergangenen Jahren kaum eine Rolle gespielt habe, müsse man allerdings auch neu bewerten, ob die verpflichtende Umstellung auf Open Source Software demokratiepolitisch überhaupt noch sinnvoll sei, regt Schreuder eine Grundsatzdiskussion zum Thema an. Noch vor der Nationalratswahl im Herbst 2013 hatten die Grünen im Gegensatz zu anderen Parteien die verpflichtende Umstellung auf Open Source angeregt.

Open Data allein ist zu wenig

Der Eindruck Schreuders, dass das Thema „Linux-Distribution am Desktop“ weniger präsent sei als noch vor einigen Jahren, stimme zwar. Und auch die Stärkung von Open Data und Open Governance sei positiv zu bewerten. Dennoch dürfe man nie vergessen, dass Open Data, Open Hardware, aber auch Dienste wie Wikipedia nur durch Open-Source-Software und den Open-Source-Gedanken ermöglicht wurden, entgegnet Jeitler.

„Die Werkzeuge, die wir verwenden, um mit Open Data und Open Hardware umzugehen, müssen offen bleiben, und da zählt auch der Desktop dazu. Was hilft es uns, wenn wir offene Schnittstellen haben, die aber von Google definiert sind, oder zur Verwendung von Open Data nur Apps benützen können, die von einem kommerziellen Hersteller zugelassen werden“, sagt Jeitler.

Schutz gegen Spionage

Gerade auch die aktuelle Diskussion rund um die NSA-Abhörpraktiken und Spionage-Backdoors, die in praktisch allen kommerziellen Programmen verbaut seien, zeige, wie wichtig Open-Source-Software sei, ist Jeitler überzeugt. Sie sei die einzige Möglichkeit, um gegen solche Praktiken vorzugehen. Dass es mittlerweile ruhiger um Linux-Distributionen am Desktop geworden sei, habe mehrere Gründe.

Zum einen seien kommerzielle Hersteller sie Sun Microsystems, IBM oder Novell, die das Thema Linux-Desktops Mitte der 2000er-Jahre gehypt hatten, weitergezogen. Zum anderen sei Linux mittlerweile auch nicht mehr das Exoten-Ding, sondern sei durchaus im Mainstream etabliert. „Immer mehr Leute installieren es ohne viel Aufhebens, da es einfach funktioniert. Die Nerds haben sich anderen Dingen, wie 3D-Druck zugewandt“, sagt Jeitler.

Viel Open Source im Einsatz

„Dass Linux als Betriebssystem auf Desktop-PCs derzeit kein Thema ist, bedeutet nicht, dass wir in Wien grundsätzlich auf Open Source verzichten – ganz im Gegenteil“, hält MA14-Sprecher Simoner fest. So habe man etwa bei der Konzeption des neuen Serverzentrums, das für die nächsten 20 bis 30 Jahre konzipiert sei, ganz stark auf Open Source gesetzt. „Sehr viel Datenbank- und Servertechnologie basiert auf offenen Protokollen, dazu haben wir auch die notwendigen Entwicklerplattformen geschaffen“, so Simoner.

Was die PC-Arbeitsplätze der Beamten betrifft, die zunehmend in virtualisierte Thin-Clients umgewandelt werden, werde ebenfalls viel Wert auf Open-Source-Alternativen gelegt. So würden alle Beamten zwar auf Windows arbeiten, für die wichtigsten proprietären Programme im Büroalltag werden mit OpenOffice, Firefox oder Gimp auch offene Entsprechungen angeboten. „Die Unabhängigkeit von bestimmten Herstellern steht außer Frage, gleichzeitig muss für uns natürlich auch von zentralem Interesse sein, dass Beamte ihre Arbeit gut erledigen können und das richtige Werkzeug zum Arbeiten in die Hand bekommen“, sagt Simoner.

Auch für Linuxwochen-Organisator Jeitler steht es außer Frage, dass entgegen der öffentlichen Wahrnehmung die Verbreitung von Linux so hoch wie nie zuvor ist. „In Wahrheit ist in jedem Gerät Linux enthalten. Dazu kommt, dass alle Leute, die einen Firefox, Thunderbird, LibreOffice oder auch Android verwenden, ohnehin nut Open Source unterwegs sind. Man könnte also sagen, dass Linux am Desktop mittlerweile von Open Source am Desktop abgelöst wurde“, meint Jeitler.