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Internationale Entwicklung
10/22/2010

Mobiltelefone zur Bekämpfung der Armut

Ein Bericht der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung zeigt die Chancen auf, die Mobiltelefone für Menschen in Entwicklungsländern bergen können.

von Irene Olorode

"Mobiltelefone haben eine Vielzahl an Kleinstunternehmen hervorgebracht und bieten Menschen mit geringem Bildungsniveau und wenig Ressourcen Arbeit”. Zu diesem Schluss kommt der jüngste Information Economy Report 2010 der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung, der jedoch gleichzeitig aufzeigt, dass noch ein weiter Weg zu bestreiten ist, bevor diese Entwicklung dazu führt, dass Wohlstand in Entwicklungsländern für die breite Masse nachhaltig erreicht werden kann.

Der Zugang zu Mobiltelefonen ermöglicht es etwa den Landwirten in den gebirgigen Regionen Bhutans Informationen über Marktpreise zu beziehen und in direkten Kontakt mit den Abnehmern ihrer Produkte zu treten. Dadurch wissen die Landwirte genau, welche Mengen benötigt werden und zu welchen Preisen sie diese verkaufen können. Der stete Kontakt zum Markt erspart den Unternehmern Zeit, Geld und dämmt die Überproduktion ein. Die Regierung von Bhutan hat die Bedeutung von Mobiltelefonen für ihre Landwirte erkannt und bietet ihnen ein spezielles Informationsservice an, das sie über ihr Handy abrufen können. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Mobiltelefon-Penetration in weniger als sechs Jahren von Null auf 50 Verträge pro 100 Einwohner gestiegen ist. Dies ist nur eine der Erfolgsgeschichten, die im Information Economy Report 2010 nachzulesen ist und die belegt, dass die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien nicht nur auch, sondern vor allem gerade für die ärmsten Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern von großer Bedeutung sind.

Mobiltelefone als Chance

Den Angehörigen ärmerer Bevölkerungsschichten mangelt es häufig an Informationen, welche für die Ausführung ihrer Arbeit unerlässlich sind. Bei diesen Informationen kann es sich um Marktpreise, aber auch um Wetterberichte und neue Möglichkeiten Einkünfte zu erwirtschaften handeln. So kann etwa ein Fischer nur während eines gewissen Zeitrahmens die Möglichkeit haben in einen Hafen einzulaufen, bevor das Wetter umschlägt. Ebenso wichtig ist es für den Fischer zu wissen, in welchem Hafen die Menschen gewillt sind, den besten Preis für ihre Fische zu bezahlen. All dies lässt sich leicht in Erfahrung bringen, wenn ihnen ein Mobiltelefon zur Verfügung steht. Im Süden Indiens konnten Fischer, durch die besseren Möglichkeiten sich zu vernetzen und sich zu koordinieren, ihre Einkünfte bereits um acht Prozent steigern.

Während die ärmeren Bevölkerungsschichten in ländlichen Regionen nach wie vor kaum Zugang zu Festnetztelefonen haben, verbreiten sich Mobiltelefone rasant. Heute kommen in den am wenigsten entwickelten Ländern auf 100 Personen bereits 25 Mobiltelefone mit Verträgen. Nach einem Radio und einem Fernsehgerät ist das nächste Elektronikgerät, das angeschafft wird, ein Mobiltelefon. Mit der weiten Verbreitung von Handys halten auch Applikationen und andere Services in Länder mit einem geringeren Grundeinkommen Einzug. In einigen Entwicklungsländern ist es möglich, dass Personen ohne Bankkonto mit ihrem Handy bezahlen, Geldsendungen abwickeln und Pre-Paid-Käufe tätigen. Dadurch verringern sich die Transaktionskosten und Geld kann einfacher, günstiger und sicherer in entferntere Gegenden übermittelt werden.

Senken der Marktzutrittsbarrieren

In den Ländern mit dem geringsten Durchschnittseinkommen gibt es immer mehr Kleinstunternehmen in den Bereichen Informations-und Kommunikationstechnologien. Zu den zahlreichen neuen Industriezweigen zählen etwa Firmen, die Mobiltelefone reparieren oder Personen, die ihre Mobiltelefone an andere minutenweise für Gespräche verleihen. So gibt es allein in Bangladesh rund 350.000 "village phone ladies", das sind Frauen, die ein Mobiltelefon besitzen und es minutenweise vermieten. Ihnen kommt zugute, dass indische Mobilfunktarife billiger werden, je mehr man telefoniert. Ohne dieses Angebot hätten die "village phone ladies" nicht erfolgreich werden können. Um auch ärmeren Bevölkerungsschichten die Möglichkeit zu geben vom Boom der IT-Branche zu profitieren, müssen somit auch die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen die richtigen sein. Neben erschwinglichen Geräten, müssen die Folgekosten, im Fall von Mobiltelefonen etwa die Tarife, leistbar sein, damit langfristig positive Effekte für die Bevölkerung erzielt werden können. Länder wie Liberia und Tansania zählen bereits zu jenen Entwicklungsländern mit der höchsten Mobilfunkpenetration und mit den günstigsten Tarifen. Ursache hierfür ist der starke Wettbewerb, dem die Mobilfunkbetreiber in diesen Ländern ausgesetzt sind.

Bildung, ein entscheidender Faktor

Mobiltelefone werden auch in Entwicklungsländern mittlerweile nicht mehr nur zum Telefonieren oder Versenden von Textmitteilungen und Geld verwendet, sondern auch immer häufiger, um Informationen aus dem Internet zu beziehen. In den östlichen Gegenden Afrikas gibt es bereits mehr Personen, die über ihr Mobiltelefon im Internet surfen, als solche, die zuhause über einen Internetanschluss verfügen. Auch in diesem Fall gilt, dass sowohl die Geräte, als auch die Datentarife erschwinglich sein müssen, damit diese Entwicklung um sich greifen kann. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang Investitionen in Bildungsmaßnahmen. Dass sich Computer nach wie vor kaum bei den Ärmsten der Armen durchsetzen konnten, ist nicht erstaunlich, wenn man an den geringen Alphabetisierungsgrad denkt. In Ländern wie Ägypten, Aserbaidschan oder Mexiko nutzt nur eines von zehn Unternehmen das Internet und gar nur eines von 25 Unternehmen hat einen eigenen Webauftritt. Ohne Internetpräsenz ist es in der heutigen Zeit jedoch nicht mehr möglich von der breiten Maße in den relevanten Märkten wahrgenommen zu werden.

Zukunftsperspektiven

Der Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologie macht bereits jetzt einen Großteil der Weltwirtschaft aus. Damit auch die Ärmsten der Armen von dem IT-Boom langfristig profitieren können, darf sich die Politik nicht alleine auf die Innovationskraft der Bevölkerung verlassen. "Richtlinien spielen eine wichtige Rolle, damit gewährleistet werden kann, dass ein verbesserter Zugang zu ICTs [information and communication technologies - Anm.] zu einer Reduzierung der Armut führt", so UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon im Vorwort des Berichts der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung. "Regierungen müssen eine Schlüsselrolle spielen, wenn es darum geht, Richtlinien zu erarbeiten, die effektiv auf die spezifischen Bedürfnisse der Begünstigten reagieren." Damit noch mehr Bevölkerungsschichten von dieser Entwicklung profitieren können, müssen nicht nur Arbeitsplätze direkt in der IT-Branche, sondern auch durch diese entstehen können. Wie dies möglich sein könnte, hat etwa Gambia vorgemacht. Dort wurden köperbehinderte Bettler von Gamcel, dem führenden Mobilfunkanbieter des Landes, als Vertreter angeheuert. Diese müssen nun nicht mehr in den Straßen betteln, sondern können vom Verkauf von Telefonwertkarten leben.

Ein weiteres Problem stellt die Konzentration der Expansion von Industriestandorten auf einige wenige Gebiete dar. Entlegene Gegenden könnten lediglich von den Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologien profitieren, wenn Unternehmen Teile der Produktion in andere Gegenden oder Länder auslagern würden. Durch Outsourcing erhofft sich etwa Kenia bis zum Jahr 2015 40.000 neue Jobs.

Forderungen an die Regierungen

Der Bericht der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung enthält einige Forderungen an Regierungen, die dazu beitragen können, die weltweite Armut zu bekämpfen und die sich nicht nur auf Investitionen in Bildungsmaßnahmen beschränken. Um die Ärmsten in der Gesellschaft zu erreichen, sollten die Regierungen den Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien allen Bevölkerungsschichten, vor allem auch jenen in ländlichen Regionen, zugänglich machen. Dies versucht man derzeit etwa auf den Philippinen und in Indien, wo man dabei ist, Industriezweige auch in kleinere Städte und in ländliche Regionen anzusiedeln.

Die Maßnahmen der Regierungen sollten bedürfnisorientierter sein, um treffsicherer zu werden. Dafür ist es notwendig, dass Regierungen darauf achten, in welchen Bereichen und vor allem wie die Ärmsten Mobiltelefone nutzen. Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten müssen selbst für die Ärmsten der Armen erschwinglich sein, um auch diese an den Entwicklungen teilhaben zu lassen. Auf dem Telekommunikationssektor kann dies, wie bereits erwähnt, zum Beispiel durch einen großen Wettbewerb zwischen mehreren Anbietern erreicht werden. Die Regierungen dürfen sich nicht aus der Verantwortung nehmen, denn die Innovationskraft der Bevölkerung alleine wird nicht ausreichen, um der Armut in Entwicklungsländern nachhaltig ein Ende setzen zu können.

(Irene Olorode)

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