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10/12/2019

Fairphone: "Wir haben sogar Apple geschlagen"

Mit seinem nachhaltig produzierten Smartphone zeigt Fairphone-Gründer Bas van Abel der Industrie neue Weg auf.

von Martin Stepanek

Was als idealistische Vision begann – ein Smartphone umweltschonender und unter akzeptablen Arbeitsbedingungen zu erzeugen – ist mehrere Hunderttausend verkaufte Telefone später längst Realität. Mit dem nun verfügbaren Fairphone 3 will Gründer Bas van Abel die Latte noch einmal höherlegen und Konsumenten sowie andere Hersteller zum Umdenken bewegen, wie er im Interview erzählt.

futurezone: Wie ist die Idee zum Fairphone entstanden?
Bas van Abel:
  Wie die meisten Leute hatte ich keine Ahnung, dass für Elektrogeräte Rohstoffe unter schlimmsten Arbeitsbedingungen in Minen aus Kriegsregionen abgebaut werden. Ein Freund machte mich auf das Thema aufmerksam. Nach einem Besuch in afrikanischen Minen im Jahr 2011 im Rahmen einer Öffentlichkeitskampagne habe ich mir in den Kopf gesetzt, ein faires Handy zu entwickeln. Das war natürlich naiv.

Das erste Fairphone wurde 25.000 Mal vorbestellt. Hatten Sie das in irgendeiner Form erwartet?
Es löste bei mir nackte Panik aus. Nach drei Monaten Crowdfunding hatten wir 7,5 Millionen Euro auf dem Konto und Zehntausende nicht existierende Telefone verkauft, von denen ich keine Ahnung hatte, wie sie jemals produziert werden können. Nicht nur einmal habe ich überlegt, einfach alles zurückzuzahlen und das Projekt abzublasen. Am Ende ist es uns aber doch gelungen und wir konnten 60.000 Telefone verkaufen.

Was waren die größten Stolpersteine auf dem Weg?
Beim ersten Modell, das noch von einer externen Firma produziert wurde, ging es darum, Arbeitsbedingungen zu verbessern. Trotz hoher Nachfrage mussten wir die Produktion aber nach 18 Monaten stoppen, weil technische Komponenten einfach nicht mehr verfügbar waren. Auch die Android-Software konnte schon nach kurzer Zeit nicht mehr aktualisiert werden. Im Sinne der Nachhaltigkeit war das natürlich alles andere als optimal. Da haben wir entschieden, das nächste Modell selbst zu bauen.

Das Fairphone 2 hat mit modularer Bauweise überrascht. War das die größte Innovation?
Dass wir gleich bei unserem selbstproduzierten Handy etwas radikal Neues umgesetzt haben, was so noch kein Hersteller geschafft hat, war für uns als kleine Firma ein enormes Risiko. Das hat anfangs auch zu einigen Problemen in der Produktion geführt, die wir aber in den Griff bekommen haben. Schwieriger war es den Cashflow sicherzustellen.

Die fehlende Nachfrage dürfte bei den Stückzahlen wohl nicht das Problem gewesen sein.
Keinesfalls. Die Herausforderung ist, dass man ab Produktionsstart sechs Monate kalkulieren muss, bis wieder Geld hereinkommt. Wir mussten also ständig Geld über Vorbestellungen und Ad-hoc-Investoren sammeln, um wieder produzieren zu können. Am Ende war aber auch das Fairphone 2 mit über 150.000 verkauften Geräten super erfolgreich.

Mittlerweile gibt es bereits das Fairphone 3. Wie nachhaltig ist es?
Neben konfliktfrei oder fair gehandelten Rohstoffen wie Zinn, Wolfram, Gold und Kobalt, recyceltem Kupfer und Plastik, setzen wir durch die modulare Bauweise wieder auf hohe Reparierbarkeit. Diverse Komponenten wie Akku, Display, Kamera, aber auch Anschlüsse können leicht getauscht werden.

Die Industrie ist ihrem Vorbild bisher nicht gefolgt. Elektronikgeräte sind schwerer zu reparieren denn je. Und Nachhaltigkeit ist bei vielen nur ein Marketing-Thema.
Das stimmt einerseits. Uns hat es aber viel Aufmerksamkeit gebracht. Das war schon surreal, als wir mit dem Fairphone 2 plötzlich in internationalen Rankings neben Größen wie Apple, Samsung, Huawei, Dell und HP auftauchten. Im Greenpeace-Ranking zu „grüner Elektronik“ landeten wir auf dem ersten Platz. Wir haben dabei sogar Apple geschlagen, das selbst einiges in diese Richtung unternimmt.

Tut die Industrie genug, um nachhaltig zu produzieren?
Das Bewusstsein ist nicht zuletzt durch unsere Initiative gestiegen, was die Beschaffung von Rohstoffen betrifft. Auch Recycling spielt eine immer wichtigere, meiner Meinung sogar eine zu wichtige Rolle. Denn das Grundproblem bleibt: Das Geschäftsmodell aller Hersteller ist, Kunden so schnell wie möglich neue Geräte zu verkaufen - auch indem Reparaturen teuer und kompliziert gemacht werden. Am nachhaltigsten wäre es überhaupt, weniger Telefone zu verkaufen.

Wie realistisch ist das?
Ein doppelt so lange verwendetes Handy spart 50 Prozent Ressourcen und produziert naturgemäß nur halb so viel Elektroschrott. Deshalb sind hier Konsumenten gefragt. Je länger sie ihr bestehendes Gerät nutzen, umso besser. Wenn das viele tun, müssen Hersteller ihr Geschäftsmodell ändern und eher in Richtung Services oder Ökosystem weiterentwickeln. Wenn wir nachhaltiger leben wollen, können wir uns nicht ständig Produkte einreden lassen, die wir absolut nicht brauchen.

Ist das kein Paradox, wenn ein Handyhersteller Konsumenten auffordert, weniger Telefone zu kaufen?
Nein. Kunden sollen ja Handys kaufen, aber diese eben länger verwenden. Bei Waschmaschinen funktioniert das auch. Und ja, ein gewisses Paradoxon ist es natürlich schon, wenn man sich selbst als Social Enterprise bezeichnet, das die Welt zum Besseren verändern will, und weiß, dass man mit jedem produzierten Gerät bei der Ausbeutung und Zerstörung der Welt mitmacht.

Inwiefern kann man als kleiner Hersteller überhaupt gegen die übermächtige Konkurrenz bestehen?
Handys sind mittlerweile nicht mehr wahnsinnig spannend, da sie sich vom Aussehen, aber auch von den Technologien her kaum mehr unterscheiden. Das öffnet Raum für alternative Hersteller wie uns. Technologisch sind wir gegen Apple und Samsung natürlich chancenlos. Deshalb setzen wir auch bewusst auf ein Mittelklasse-Telefon. Unser größter Vorteil ist, dass wir als Marke eine stimmige Geschichte mit Alleinstellungsmerkmal erzählen können. Das hat abgesehen von Apple sonst auch niemand.

Bas van Abel

Nachdem Sie jetzt wissen, wie schwierig es schon ist, ein nachhaltiges Handy zu bauen: Glauben Sie, dass wir die drohende Klimakatastrophe verhindern und unsere Erde retten können?
Durch Greta Thunberg ist vieles in Bewegung geraten, die dogmatischen Forderungen haben teilweise allerdings auch zu einer Polarisierung geführt. Die schwierige Frage ist, wie man systemische Änderungen erreicht. Diesbezüglich sehe ich mich weniger als Dogmatiker als einen Hippie mit einem Business-Plan. Mein Zugang ist, dass man bei diversen Prozessen einhaken und einen Anknüpfungspunkt oder eine Plattform schaffen muss, die wiederum andere inspiriert. Und genau das wollen wir mit dem Fairphone.

Sie haben Ihren Posten als CEO im Vorjahr abgegeben und kümmern sich jetzt im Aufsichtsrat unter anderem um die strategische Ausrichtung. Wie geht es Ihnen mit der neuen Rolle?
Ich darf jetzt die Dinge tun, die Spaß machen. Ausschlaggebend waren gesundheitliche Gründe. Die vergangenen Jahre, in denen ich Fairphone aufgebaut und geführt habe, haben ihren Tribut gefordert. Der Druck war enorm und man macht die verrücktesten Dinge, wenn man am Ende der Woche wieder ein paar Millionen Euro braucht – etwa Mails an Richard Branson schreiben. Als ich irgendwann kollabiert bin, wusste ich, dass ich mein Leben ändern musste. Ich glaube auch, dass es eine andere Person als mich brauchte, um das Unternehmen wirtschaftlich auf die nächste Stufe zu heben.

Das Fairphone 3 ist in Österreich beim Mobilfunker Magenta, in Deutschland bei Mobilcom-Debitel verfügbar. Im freien Handel kostet das Telefon 450 Euro.