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Apple
06/12/2012

iOS 6: Mit Facebook und TomTom gegen Google

Die nächste Version seines mobilen Betriebssystems für iPhone und iPad wird im Herbst erscheinen. Klar ist schon jetzt: Apple fährt mit neuen Kooperationen eine potente Software gegen Googles Android auf, die einerseits die bestehende Kundschaft binden und andererseits neue Nutzer anlocken soll. Ein Überblick über die wichtigsten der 200 neuen Funktionen.

von Jakob Steinschaden

Wie erwartet hat Apple am Montag Abend zwar kein neues iPhone, dafür aber das kommende Betriebssystem iOS 6 vorgestellt, das im Herbst auf den Markt kommen wird. Bis dato hat Apple 365 Millionen iOS-Geräte verkauft, und 80 Prozent davon sollen laut Apple mit der derzeit aktuellen Version iOS 5 laufen. Die neue Software wird für das iPhone 4S, iPhone 4, iPhone 3GS, das neue iPad, iPad 2 und den iPod touch (4. Generation) verfügbar sein - alle anderen Geräte wie das erste iPad werden nicht in den Genuss des kostenlosen Updates kommen.

iOS 6 ist einerseits als Vorbereitung auf das nächste iPhone zu sehen und andererseits als notwendiges Update, um mit Googles Android mitzuhalten. Denn dieses hat in Kernmärkten wie den USA und Deutschland bereits hohe Marktanteile erreicht. Apple hat mit neuen Partnern wie Facebook, TomTom oder Yelp eine breite Allianz geschmiedet, die gegen Google ausgerichtet ist.

Apple wirft Google Maps hinaus, holt TomTom an Bord

Der niederländische Navigations-Anbieter TomTom hat es bereits bestätigt: Von ihm stammt jenes Kartenmaterial der neuen Apple Maps, die die bisherigen Google Maps ersetzen. Sie bieten zum einen mit "Flyover" sehr hübsche 3D-Fotografien von Städten wie San Francisco, was gerade am iPad nett anzusehen ist. Unterwegs ist aber wohl die Turn-by-Turn-Navigation am wichtigsten, die Autofahrern eine vollständige Navigationslösung mit Sprachausgabe ohne Zusatzkosten bieten soll. Ob Navigon u.a. ihre Navi-Apps künftig im App Store noch verkaufen können, ist stark anzuzweifeln.

Bei den Apple-Maps werden auch Verkehrsinformationen in Echtzeit mit einberechnet, wie man es von TomTom-Diensten kennt - also etwa Unfälle und Staus. Außerdem spricht "Maps" auf Siri an und reagiert dementsprechend auf gesprochene Befehle wie etwa einen Straßennamen. Damit zieht das iPhone mit Android-Handys gleich, die Turn-by-Turn-Navigation bereits haben. Wichtig wird für Apple sein, so wie Google einen Offline-Modus anzubieten, um den Nutzern im Ausland teure Roaming-Gebühren zu ersparen - noch ist nicht klar, ob das funktionieren wird.

Facebook-Integration als Sharing-Alptraum?

Was für Auswirkungen die Facebook-Integration in iPhone und iPad für Auswirkungen hat, wird man abwarten müssen. Twitter soll von der Einbindung in iOS 5 stark profitiert haben - Nutzerzahlen bei iOS konnten verdreifacht werden, zehn Milliarden Tweets wurden seither damit abgesetzt. Demensprechend wird auf Facebook eine neue Schwemme an Daten zukommen, die direkt von iOS-6-Geräten veröffentlicht werden - neben Millionen Fotos wird das vor allem Veranstaltungen und Statusmeldungen betreffen.

Während Apple sich mit dem Online-Netzwerk schmücken darf, bekommt Facebook im Gegenzug weitere Informationen über seine Nutzer: Apps und Inhalte bei iTunes können geliked werden, und diese Daten können wiederum für personalisierte Werbung und Produktempfehlungen ("Deinen Freunden gefällt diese App") ausgewertet werden.

Aus Datenschutz-Pespektive bleibt abzuwarten, wie die automatische Synchronisation von Daten (z.B. jener von Nichtmitgliedern im Adressbuch) gestaltet wird.

Siri verstärkt für Autofahrer angepasst

Die Sprachsteuerung Siri, die ab Herbst auch auf dem iPad (nur 3. Generation) verwendet werden kann, wird von Apple künftig mehr auf Auto getrimmt - also dort, wo sie am meisten Sinn macht. Autohersteller wie BMW, Mercedes oder Audi werden dazu Schnittstellen und Knöpfe in ihren Bord-Systemen verbauen, über die man Siri direkt ansprechen kann, um etwa einen Tweet oder einen Facebook-Status zu diktieren. Siri kann auch Sprachbefehl auch Apps starten. Damit ist Apple etwa Samsung, die ebenfalls eine Sprachsteuerung vorgestellt haben, in Sachen Kooperationen und Funktionen einen Schritt voraus.

Außerdem hat sich Apple Partner wie Yelp (Lokale), OpenTable (Tischreservierungen) oder Rotten Tomatoes (Filme) an Bord geholt, deren Dienste via Siri direkt ansprechbar sind. Ob diese neuen Dienste auch in Österreich voll funktionsfähig sind, bleibt allerdings abzuwarten.

FaceTime als Kampfansage an Mobilfunker

Dass man FaceTime mit iOS 6 nicht nur via WLAN, sondern auch über den Mobilfunk verwenden kann, wird den Handy-Betreibern möglicherweise zu denken aufgeben. Denn denkt man sich die Bildübertragung weg, dann bietet Apple im Prinzip einen kostenlosen VoIP-Dienst an, der Sprachminuten teilweise obsolet macht.

Außerdem werden es Video-Chat-Apps künftig schwer haben, iOS-Nutzer zu finden, die wohl FaceTime bevorzugen. Ganz obsolet sind diese aber sicher nicht, da sie Verbindungen zu anderen Plattformen (z.B. Android, Windows Phone) herstellen können.

Geteilter Photostream gegen Instagram

Die Foto-App-Hysterie im Silicon Valley rund um den Facebook-Instagram-Deal dürfte auch an Apple nicht spurlos vorübergegangen sein. Menschen zeigen ihre Fotos einfach gerne anderen Menschen, und das will Apple mit einer neuen Version von Photostream technisch unterstützen: Freunde, die ebenfalls ein iOS-6-Gerät oder einen Mac mit "Mountain Lion" haben, können auf Wunsch automatisch mit den eigenen Schnappschüssen beliefert werden. Außerdem sollen Fotos im Web betrachtet werden können.

Auch hier bleibt abzuwarten, wie Apple die Einstellmöglichkeiten gestaltet hat, mit denen man den Kreis der Personen, die die Fotos sehen dürfen, bestimmen kann. Sind sie schlecht gestaltet, drohen Schwierigkeiten mit der Privatsphäre.

Passbook als Ticketzentrale

Eine neue Apple-eigene App namens "Passbook" wird ab heute die Anbieter von Kundenkarten- und Flugticket-Apps ins Grübeln bringen. Denn Passbook soll Boardingpass, Coupons, Kundenkarten und Konzerttickets zentral an einer Stelle speichern. Für den Nutzer könnte das eine Erleichterung bedeuten, muss er sich dann schließlich nicht mehr verschiedene Fluglinien-Apps installieren. Zu hoffen ist, dass auch alle wichtigen Firmen "Passbook" unterstützen.

Neues Mail mit VIP-inbox

Wie etwa auch Gmail will Apple in seiner Mail-App herausfiltern, welche E-Mails Priorität haben. Diese landen dann im VIP-Ordner und werden wohl vom Chef, guten Freunden und Familienmitgliedern stammen. Außerdem soll man mit speziellen Benachrichtigungen am Sperrbildschirm über den Erhalt einer VIP-Mail informiert werden können.

Safari synchronisiert Tabs zwischen Mac und iOS

Der Safari-Browser wird von Apple auf den Stand der Zeit gebracht. Das beinhaltet etwa die Synchronisation von offenen Tabs zwischen anderen Safari-Browsern, das Anlegen einer Offline-Leseliste sowie einen Vollbild-Modus am iPhone.

Trickreich ist Apple mit seinen "Smart App Banners", die auf bestimmten Webseiten auf die App des Anbieters (z.B. Yelp) hinweisen. Damit versucht Apple, seine Nutzer aus den Web in seine kontrollierte App-Welt zu locken - Open-Web-Anhänger werden das wohl sehr kritisch sehen.

Neue Telefonie-Funktionen

Auch einer selten Beachtung geschenkten Kernfunktion eines Smartphones schenkt Apple ein wenig Aufmerksamkeit: So kann man auf abgelehnte Anrufe direkt mit einer SMS antworten oder sich einfach eine Erinnerung für einen späteren Rückruf einstellen. Mit der "Do Not Disturb"-Funktion gibt es außerdem die neue Möglichkeit, alle Anrufe außer von definierten Kontakten (z.B. Familienmitgliedern) auszublenden - Display und Vibration dunkel bzw. still.

Was iOS 6 schuldig bleibt

Wie Cnet in einem Vergleich zeigt, steht iOS 6 im Vergleich zu Android 4.0 und Windows Phone 7.5 sehr gut da. Viele Funktionen gibt es bei den Konkurrenten nur dank Drittanbieter-Apps oder gar nicht. Allerdings haben Googles und Microsofts Handy-Betriebssysteme etwa in Sachen Widgets, die direkt am Startschirm Inhalte (z.B. neue eMails, Tweets, Wetterdaten uvm.) anzeigen können, die Nase vorne.

Interessant wird in näherer Zukunft vor allem sein, wie Google sein Android aufmotzt. Eine neue Version namens "Jelly Bean" a.k.a. Android 5.0 befindet sich in Vorbereitung und könnte bereits auf der anstehenden Google-Konferenz I/O präsentiert werden - und an der übernächsten Version "Key Lime Pie" wird ebenfalls gearbeitet.

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