Magenta AI Glasses
Ich habe 4 KI-Brillen ausprobiert: 5 Gründe warum ich skeptisch bin
Wenn es nach so manchen marktbestimmenden Tech-Giganten geht, dann gehört die Zukunft den smarten KI-Brillen. Sie sollen das Smartphone zumindest zum Teil ablösen und in erster Linie auf KI-Assistenten setzen. Samsung, Apple, Google, Vivo, Meta und zahlreiche andere Technologieunternehmen wollen darin möglicherweise das nächste große Ding gefunden haben.
Auf dem Mobile World Congress in Barcelona zeigten die Tech-Firmen ihre aktuellen Highlights. Smarte Brillen spielen dabei zumindest als Konzept eine wesentliche Rolle. Ich habe mehrere dieser AI-Glasses ausprobiert. Die Euphorie der Hersteller ist bei mir noch nicht angekommen beziehungsweise rasch verflogen.
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1. Der Formfaktor
In smarten Brillen steckt eine Menge Technologie. Je nach Modell befinden sich dort unter anderem Akkus, Kameras, Prozessoren, Displays, Projektoren, Sensoren und Kopfhörer. Das macht die KI-Brillen in der Regel zu klobigen und schweren Geräten, die nicht unbedingt gut aussehen.
Wenn man so ein Ding auf dem Kopf hat, sieht man meistens nicht nur ziemlich bescheuert aus. Die smarten Brillen sind durch ihre Größe und ihr Gewicht auch unangenehm zu tragen. Zumindest sind sie beim Tragekomfort nicht auf Augenhöhe mit herkömmlichen Brillen.
Magenta AI Glasses
© Florian Christof
Wie man sich vorstellen kann, hat in einer Brille - auch wenn sie noch so klobig ist - kein allzu großer Akku Platz. Das bedeutet, dass die KI-Brillen allesamt eine stark begrenzte Akkulaufzeit haben. Da es sich bei den meisten aktuellen Modellen noch um nicht marktreife Konzepte handelt, will sich niemand auf eine Angabe zur Akkulaufzeit festlegen.
Externe Akkupacks waren bei jedem Ausprobieren entweder bereits angeschlossen oder zumindest in Griffweite. Zum ohnehin fragwürdigen Style-Faktor kommt nun also auch noch ein Kabel dazu, das bei einer smarten Brille vom Kopf hängt.
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2. Die Sache mit dem Display
Es ist schon ziemlich beeindruckend, wenn das Brillenglas als halbtransparentes Display dient und Bildschirminhalte direkt im Sichtfeld angezeigt werden. Bei manchen Brillen werden nur einfarbige Texte und Symbole dargestellt, bei anderen Modellen gibt es ein vollwertiges Farbdisplay zu sehen.
Laut den Beschreibungen spaziert man durch die Stadt und bekommt auf der Brille etwaige Navigationshinweise, Notifications, Übersetzungen und alle möglichen hilfreichen Informationen angezeigt. Aber wie stellen sich das die Hersteller im Alltag tatsächlich vor?
Menschen, die in die Luft starren. (im Bild: die Xgimi MemoMind One)
© Florian Christof
Beim Ausprobieren konnte ich meinen Blick nicht auf 2 oder mehrere Sachen gleichzeitig richten. Entweder ich schaue durch die Brille und das Display hindurch und konzentriere mich auf meine Umgebung, oder ich fokussiere auf den Screen und widme mich den Bildschirminhalten.
Über eine Straße schlendern und gleichzeitig das Display im Auge zu haben, stelle ich mir unmöglich vor. Wenn man eine Benachrichtigung bekommt, wird man vermutlich kurz innehalten und den Screen checken. Für andere Personen wird es so wirken, als ob man einfach in die Luft starrt.
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3. Kontrast und Lesbarkeit
Bei der MemoMind One von Xgimi, den Rokid Glasses und der Qwen S1 von Alibaba werden die Bildschirminhalte beispielsweise in einem grellen Grün dargestellt. Diese Farbe wurde deswegen gewählt, weil sie angeblich den bestmöglichen Kontrast auf den unterschiedlichsten Hintergründen ermöglicht. Und selbst bei diesen Modellen musste ich feststellen, dass es je nach Blickrichtung teilweise schwer ist, die Inhalte entziffern zu können.
Blickt man auf einen unpassenden Hintergrund, wird man bei manchen smarten Brillen so gut wie nichts erkennen. Wird ein Text beispielsweise in einer hellen Farbe dargestellt und man schaut gerade auf eine helle Wand, wird die Lesbarkeit schwierig. In einem solchen Fall wird man sich rasch nach einem dunklen Hintergrund umsehen, um den Inhalt entziffern zu können.
Das ist alles andere als praktisch und trägt nicht unbedingt zu einer guten User-Experience bei. Außerdem konnte ich die smarten Brillen nur in Innenräumen ausprobieren, die dafür ausgelegt waren. Ich kann mir vorstellen, dass die Displays auf dem Brillenglas mit Tageslicht und Sonneneinstrahlung nicht wirklich kompatibel sind.
Xgimi MemoMind One
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4. Die integrierten KI-Kameras
Beworben werden smarte Brillen unter anderem mit integrierten Kameras, die per KI-Bilderkennung alle möglichen Informationen zu Gebäuden, Hinweisschildern und Sehenswürdigkeiten liefern, die sich in meinem Sichtfeld befinden. In der Praxis starre ich also beispielsweise auf den Eiffelturm und teile meinem KI-Assistenten mit, er soll mir Infos zu dem Gebäude vor mir anzeigen. Ein weiteres beliebtes Beispiel ist die Speisekarte in einer fremden Sprache.
Je nach Leistung des Prozessors, der Internetverbindung und dem KI-Modell dauert es eine Weile, bis die angeforderten Infos entweder auf dem Display im Sichtfeld oder per Sprachausgabe über die Kopfhörer bei mir ankommen. Diese Szenarien sind zwar nicht ganz abwegig, aber in der Praxis mit einem Smartphone und Kopfhörern deutlich schneller zu bewerkstelligen. Da bieten mir smarte Brillen nur einen äußerst begrenzten Mehrwert.
Bei den Magenta AI Glasses beziehungsweise den RayNeo X3 Pro ist die Kamera in der Mitte der Brille platziert.
© Florian Christof
5. Die Suche nach dem Use-Case
Die zentrale Frage bei neuen Geräten lautet immer: Was ist der Anwendungsfall? Sind die Use-Cases so gut, dass ich mir dieses Gadget kaufe und dann auch noch verwende? Bei den aktuellen Modellen der smarten Brillen müsste ich diese Fragen allesamt mit einem Nein beantworten.
Denn die Brillen können nichts, was ich mit bereits vorhandenen Geräten ohnehin schon machen kann. Gleichzeitig können sie für mich keinen zusätzlichen Nutzen schaffen. Notifications und Navigationshinweise sehe ich sowohl auf meiner Smartwatch als auch auf meinem Smartphone.
Ich kann mir Übersetzungen, Navi-Hinweise und die Benachrichtigungen auch von meinen Kopfhörern vorlesen lassen. Genauso gut kann ich alle möglichen KI-Assistenten über die Kopfhörer ansprechen und mich mit ihnen unterhalten. All das ist weniger invasiv, ausgefeilter und bereits im Alltag etabliert.
Die Einstellungen für die smarten Brillen sind am Smartphone zu finden. (im Bild: die Xgimi MemoMind One)
© Florian Christof
Fazit
Bei smarten Brillen wird deutlich, dass die Hersteller selbst noch nicht so genau wissen, was und wohin sie damit wollen. Es ist auch ein großer Unterschied, ob die Modelle ein Display haben oder ohne Screen auskommen, ob sie Kameras und Kopfhörer integriert haben oder ob es sich überhaupt um ein MR-Headset á la Samsung Galaxy XR oder Apple Vision Pro handelt.
Brillen mit Display kommen mir zu invasiv und aufdringlich vor. Beim Smartphone und der Smartwatch kann ich selbst entscheiden, ob ich auf das Display schaue oder nicht. Bei Display-Brillen werden mir die Benachrichtigungen wortwörtlich aufs Auge gedrückt. Als Teleprompter oder für Echtzeitübersetzungen könnten derartige Brillen am ehesten einen Sinn machen.
Bei Brillen ohne Display ist die Frage, ob sie irgendeinen Mehrwert bieten. KI-Assistenten kann ich auch mit meinen Kopfhörern steuern. Bleibt noch die Kamera im Sichtfeld, die nicht nur sinnlos erscheint, sondern auch noch einen Creepy-Eindruck hinterlässt.
Bis KI-Brillen zur Konkurrenz für Smartphones werden, Handys gar ersetzen oder auch nur einige ausgewählte Use-Cases übernehmen werden, ist es mit Sicherheit noch ein weiter, weiter Weg. Oder ich täusche mich und diese Bestandsaufnahme ist in ein paar Jahren eine absolute Lachnummer.
Die KI-Brillen
Folgende smarte Brillen habe ich ausprobiert beziehungsweise mir aus der Nähe angesehen:
Xgimi MemoMind One
Die MemoMind One projiziert ein Bild auf das Brillenglas. Der Projektor sitzt im Rahmen der Brille. Die Anzeige ist in grellem Grün gehalten. Kameras hat die MemoMind One keine. Die Brille soll in verschiedenen Varianten auf den Markt kommen. Als Preis peilt Xgimi rund 599 Dollar an.
RayNeo X3 Pro mit Magenta AI
Die Software der smarten Brille wurde komplett entrümpelt und von der Deutschen Telekom neugestaltet. Herzstück ist die Magenta AI für Bilderkennung und KI-Assistenz. Die Magenta-Smart-Glasses haben ein farbiges Display integriert, Kopfhörer und Mikrofone. Es handelt sich um ein reines Konzept. Dass die Brille in der Form auf den Markt kommen wird, ist unwahrscheinlich.
Samsung Galaxy XR
Das MR-Headset von Samsung läuft unter Android XR und spielt in einer anderen Liga als die KI-Brillen. Dennoch werden bei der Galaxy XR ähnliche Use-Cases beworben. Allerdings bietet das Samsung-Headset eine immersive User-Experience, die sich in erster Linie für YouTube, Gaming oder ähnliche 360-Grad-Szenarien anbietet.
Qwen S1 von Alibaba
Die smarte Brille von Alibaba habe ich mir nur aus der Nähe angesehen, aber nicht ausprobiert. Auch die Qwen S1 hat ein grünes Display, sie hat Kameras, Kopfhörer und soll ebenso mit Echtzeitübersetzungen und Teleprompter-Funktionen und KI-Bilderkennung punkten.
Rokid Glasses
Die KI-Brille von Rokid habe ich bereits im vergangenen Jahr auf der IFA ausprobiert. Auch dieses Modell setzt auf einen grünen Screen und die üblichen Anwendungsfälle: Übersetzung, Bilderkennung, KI-Assistenz und Teleprompter.
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