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04/15/2012

Musik-Streaming im Test: Spotify gibt Ton an

Zugang statt Besitz: Beim Musikkonsum setzen immer mehr Konsumenten auf Abo-Modelle. Anstatt MP3s oder CDs zu kaufen, erhält man via Computer oder Smartphone gegen eine monatliche Gebühr Zugang zu riesigen Songbibliotheken. In Österreich sind derzeit sechs der Dienste verfügbar, die futurezone hat sie getestet.

von Jakob Steinschaden

Damals vor 15 Jahren, als eine CD noch 219 Schilling kostete, hätten man sich alle zehn Finger ob eines solchen Angebots abgeschleckt: 15 Millionen Songs jederzeit anhören können und dafür im Monat etwa 137 Schilling (zehn Euro) zahlen – das hätte sich damals wohl kaum jemand zwei Mal überlegt.

Heute gibt es solche Angebote in Hülle und Fülle – wer Computer oder Smartphone, halbwegs schnelles (mobiles) Internet und eine Kreditkarte hat, kann sein Abo in wenigen Minuten bei einem Streaming-Anbieter abschließen. Viele Nutzer, die Musik streamen und nicht mehr kaufen (weder auf CD noch als MP3), schwören bereits auf die neuen Web-Dienste. Massenmarkt ist die neue Form des Musik-Abonnements aber noch keiner: Von den insgesamt 174 Millionen Euro, die der österreichsche Musikmarkt 2011 umgesetzt hat, stammt lediglich eine Million Euro aus dem Streaming-Geschäft. Allerdings: Die Anbieter verzeichnen Zuwachsraten von 32 Prozent.

Ohne Metallica und Beatles
Bei der Nutzung ist generell zu berücksichtigen, dass große Datenmengen via Streaming anfallen können. Bei einer Übertragungsqualität von 320 kbps etwa kommen pro Stunde 144 Megabyte zusammen - gerade am Smartphone kann man so schnell seine inkludierten Datenmengen aufbrauchen. Auch fix für (nahezu) alle Dienste: Bands wie Metallica, The Beatles, Pink Floyd, AC/DC oder Led Zeppelin verweigern sich dem Musik-Streaming.

Die futurezone hat sechs in Österreich verfügbare Streaming-Dienste verglichen und Tonqualität, Musikangebot, unterstützte Geräte, Apps, Kosten sowie An- und Abmeldevorgang getestet. Testsieger ist der schwedische Dienst Spotify, der aufgrund einiger Mankos aber auch nicht das perfekte Angebot ist.

Deezer: Facebook-Zwang auf Französisch

Deezer aus Frankreich hat ganz klare Prioritäten in seinem Angebot gesetzt, die da heißen: Facebook, Apps, Premium. Wie bei Spotify ist zur Nutzung ein Account bei dem Online-Netzwerk notwendig, über den sich dann die Playlisten der Facebook-Freunde aufstöbern lassen. Auch Apples mobile Geräte sind Deezer wichtig: Die Apps für Android, iPhone und iPad sind wirklich gelungen und teilweise besser als jene von Spotify (z.B. die Präsentation von Neuheiten oder das Listen von favorisierten bzw. offline gespeicherten Alben). Zudem reagieren die Smartphone-Apps einen Tick schneller als jene der Konkurrenz, was der User Experience sehr zuträglich ist. Und drittens wollen die Franzosen die Nutzer möglichst schnell zum Zahlen bringen. Gratis gibt es nur eine Radio-Funktion à la Last.fm sowie die Möglichkeit, Songs à la iTunes 30 Sekunden anzuhören.

Im direkten Vergleich zu Spotify fehlt Deezer dann aber doch einiges auf den Sieg. Der Dienst hat weder Desktop-Apps im Programm (zum Offline-Speichern der Songs am Computer), noch gibt es Desktop-Apps wie bei Spotify, die neue Möglichkeiten zum Entdecken von Musik bieten - zum Stöbern müssen die Musikkategorien, wie man sie aus dem Plattenladen kennt, reichen. Nach Ablauf der 15-tägigen Testfrist verlängert man sein gewünschtes Abo-Modell per Kreditkarten- oder PayPal-Zahlung, was wie beim Konkurrenten My Juke sehr konsumentenfreundlich ist.

Grooveshark: Schlechte Zukunftsaussichten

Grooveshark ist eindeutig das Sorgenkind der Branche. Rechtliche Querelen habe den Streaming-Dienst aus Florida ins Kreuzfeuer der Musikindustrie gerückt, und zuletzt kündigte EMI Grooveshark als letztes großes Major-Label die Unterstützung (Cnet-Bericht). In Deutschland hat die GEMA den Dienst bereits zur Aufgabe gezwungen, in Österreich funktioniert er bis auf weiteres noch. Das hat durchaus seine Reize: Bei Grooveshark bekommt man etwa Metallica zu hören, die bei den anderen Diensten nicht gelistet sind. Die Premium-Accounts zum werbefreien bzw. mobilen Hören sind zudem vergleichsweise günstig, und die Werbung in der kostenfreien Version stört nicht wirklich.

Problematisch wird Grooveshark aber am Smartphone. Am iPhone bekommt man die zur Nutzung notwendige App nur nach einem Jailbreak im "Cydia Store". Genausowenig ist Grooveshark im offiziellen App Store von Google ("Play Store") zu finden. Zusammen mit den rechtlichen Problemen stärkt das das Vertrauen in den Anbieter nicht unbedingt. Insgesamt ist es wenig ratsam, bei Grooveshark ob der unsicheren Lage auf einen Premium-Account zu setzen, der möglicherweise von einem auf den anderen Tag plötzlich nichts mehr wert sein könnte, sollte die Musik-Industrie den Dienst auch in Österreich abdrehen lassen.

My Juke: Media-Saturn rittert um Streaming-Kunden

My Juke ist als Teil jener Bemühungen der Media-Saturn-Unternehmensgruppe zu sehen, den Sprung ins digitale Zeitalter zu schaffen. Der Musik-Dienst von Betreiber 24-7-Entertainment mit Sitz in Berlin ist eine Tochter des Konzerns und dementsprechend auf Umsatz aus. Gratis lässt sich My Juke (abgesehen von den 30-Sekunden-Hörproben) nur in der 14-tägigen Testphase nutzen, dann heißt es zahlen - und zwar 9,99 Euro pro Monat. Eine Zwischenstufe um 4,99 Euro wie bei anderen Diensten, mit der man Werbung ausblenden kann, gibt es nicht - bei My Juke ist man entweder ganz oder gar nicht dabei.

Wie auch Konkurrent Rara brüstet sich My Juke, gute Sound-Qualität per "Dolby Plus" auszuliefern - im direkten Vergleich zu Spotify ist der Klang deswegen aber nicht besser. Immerhin lässt die Smartphone-App eine Sortierung nach Künstler, Alben oder Songs zu, was anderen Anbietern teilweise fehlt. Was My Juke aber fehlt: Desktop-Apps sowie erweiterte Möglichkeiten, neue Musik zu entdecken. Neben der sehr großen Song-Auswahl ist My Juke auch zugute zu halten, dass es sehr konsumentenfreundlich ist: Nach Ablauf der Testphase muss man seinen kostenpflichtigen Premium-Account aktiv bestätigen, anderenfalls findet keine Buchung statt.

Rara: Kleinste Auswahl zum Einsteiger-Kampfpreis

Rara, betrieben von einer Londoner Privatgesellschaft namens rara Media Group Limited, ist im Dezember 2011 aus dem Nichts plözlich in 16 Ländern an den Start gegangen, darunter Österreich. Das Angebot ist im Vergleich zur Konkurrenz am spärlichsten: "Nur" zehn Millionen Songs, eine Webseite sowie eine Android-App stehen den Nutzern zur Verfügung. Gratis-Nutzung gibt es keine, und bereits nach einer siebentägigen Testphase muss man in die Tasche greifen - allerdings vorerst nicht sehr tief. Die ersten drei Monate Premium-Nutzung kosten lediglich je 0,99 bzw. 1,99 Euro - danach zahlt man aber die üblichen 4,99 bzw. 9,99 Euro Monatsgebühr.

Die Webseite von Rara ist zwar übersichtlich gestaltet, wirkt im Design aber nicht wirklich zeitgemäß. Auch die so genannten "Sender" (Songs passend zum gewählten Genre) wirken irgendwie unfertig - was hat etwa Slipknot bei Indie Rock zu suchen? Auch die Android-App dürfte mit ihrem knallbunten Look eher nur Jugendliche ansprechen wollen - im Test zwar kein Problem, berichten einige Nutzer aber über Login- und Abspiel-Probleme. Abgesehen von der günstigen Einstiegsphase gibt es keinen Punkt, in dem Rara besser als ein anderer Dienst wäre - und von der beworbenen guten Klangqualität dank "Dolby Plus" merkt man im Grunde nichts. Bei Rara ist eine aktive Kündigung notwendig.

Simfy: Deutscher Vorreiter unter Druck

Simfy aus Deutschland ist bereits acht Monate vor Spotify in Österreich gestartet und musste auf den Druck des international breit aufgestellten Rivalen bereits reagieren. So hat man den Gratis-Konsum von 20 auf fünf Stunden reduziert und bietet Vergünstigungen für Neukunden an (neben Rabatten etwa für Studenten). Mit Hardware-Partnerschaften und Kooperationen mit Musikmagazinen (z.B. Intro) versucht man sich möglichst tief ins Alltagsleben der Nutzer einzubinden. Das Repertoire dazu hat man: Nur Spotify bietet einen eben so großen Musikkatalog an, und hat Simfy zwar keine Apps von Fremdanbietern integriert, ist das Entdecken neuer Musik mit Hilfe der Desktop-Anwendungen doch einfach möglich. Anders als Spotify bietet man außerdem eine Web-Version, sollte man einmal auf einem fremden Rechner auf Simfy zugreifen wollen.

Optimal ist Simfy aber noch nicht aufgestellt. Zwar hat man eine iPad-App, doch diese ist wie die anderen Apps nicht wirklich ausgereift. So kann es vorkommen, dass sich die Programme eigentlich offline gespeicherte Songs nicht merken oder einfach nicht listen. Auch ist die Streaming-Qualität mit 192 kbps auch für Premiumkunden nicht so gut wie bei vielen anderen Streaming-Diensten. Wer Simfy ausprobiert, sollte wissen, dass man nach Ablauf des Testzeitraums aktiv kündigen muss. Insgesamt ist Simfy aber für alle Facebook-Abstinenzler eine gute Alternative zu Spotify.

Spotify: Testsieger mit kleinen Schwächen

Spotify aus Schweden ist nicht umsonst der bekannteste - und wahrscheinlich auch beliebteste - Streaming-Dienst in Österreich. Denn seinen vielen Vorteilen stehen nur wenige Nachteile entgegen: Da wäre die gute Sound-Qualität (Ogg Vorbis-Format, bis zu 320 kbps für Premium-Nutzer), die breite Unterstützung für Smartphones/Sound-Geräte, die Möglichkeit, eigene MP3s zu importieren und natürlich die Spotify-Apps in den Desktop-Anwendungen. Diese von Plattenfirmen, Web-Diensten oder Musikmagazinen bereitgestellten Apps ermöglichen das Entdecken neuer (und alter) Musik auf vielfältige Weise. Die Gratisnutzung ist im Vergleich zu anderen Diensten mit 10 Stunden pro Monat großzügig - die Werbe-Spots zwischen Liedern, die man dabei in Kauf nehmen muss, werden dabei aber von vielen als sehr störend empfunden.

Die exklusive Integration von Facebook hingegen ist mit gemischten Gefühlen zu nehmen: Einerseits ist das gemeinsame Anlegen von Playlisten mit Freunden einfach möglich, sperrt andererseits aber alle Nicht-Facebook-Mitglieder von der Nutzung aus. Spotify bietet anders als alle Konkurrenten keinen Web-Player - der Nutzer muss immer erst ein Programm zur Nutzung installieren. Die Apps auf den Smartphones sind noch nicht ausgereift, so lassen sich die am Gerät gespeicherten Songs etwa nicht nach Künstler oder Alben, sondern immer nur nach Playlisten ordnen. Ein weiteres (kleines) Manko: Spotify hat trotz Versprechen immer noch keine eigenständige iPad-App abgeliefert. Für Neulinge wichtig zu wissen: Nach Ablauf des Testzeitraums muss man aktiv kündigen.

 

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Songs: +13 Mio.
Gratis: nur Radio und 30 sec. Vorhören
Premium: 4,99 bzw. 9,99 Euro/Monat
Testzeit: 15 Tage
Apps: Android, iPhone, iPad, BlackBerry, Windows Phone, Symbian
Zahlen: Kreditkarte
Geräte: Sonos, Philips, Logitech
Web-Player: ja

Songs: k.A.
Gratis: ja
Premium: 4,5 bzw. 6,75 Euro/Monat
Testzeit: keine
Apps: PC, Mac, Android, iPhone (nur bei Jailbreak), BlackBerry
Zahlen: Kreditkarte, PayPal
Geräte: Boxee
Web-Player: ja

Songs: +15 Mio.
Gratis: nein
Premium: 9,99 Euro/Monat
Testzeit: 14 Tage
Apps: Android, iPhone
Zahlen: Kreditkarte
Geräte: Sonos
Web-Player: ja

Songs: +10 Mio.
Gratis: nein
Premium: 4,99 bzw. 9,99 Euro/Monat
Testzeit: 7 Tage
Apps: Android
Zahlen: Kreditkarte
Geräte: HP
Web-Player: ja

Songs: +16 Mio.
Gratis: 5h/Monat am Desktop, Werbung
Premium: 4,99 bzw. 9,99 Euro/Monat
Testzeit: 30 Tage
Apps: Mac, PC, iPhone, iPad, Android, BlackBerry
Zahlen: Kreditkarte
Geräte: Onkyo, Teufel
Web-Player: ja

Songs: +16 Mio.
Gratis: 10h/Monat am Desktop, Werbung
Premium: 4,99 bzw. 9,99 Euro/Monat
Testzeit: 6 Monate
Apps: Mac, PC, Linux, iPhone, Android, Windows Phone, Symbian, Palm, BlackBerry
Zahlen: Kreditkarte, PayPal
Geräte: Sonos, Logitech, Boxee, Onkyo, Philips
Web-Player: nein