Science
04.05.2015

Die Pille gegen den plötzlichen Herztod

Der Österreicher Norbert Bischofberger führt derzeit Studien durch, um mit einem Medikament in naher Zukunft den plötzlichen Herztod verhindern zu können.

Er lebt schon so lange in den USA, dass er Interviews lieber auf Englisch führt, weil ihm die deutschen Begriffe nicht mehr so geläufig sind: Norbert Bischofberger ist einer der erfolgreichen Österreicher in den USA. Er ist zwar nicht so bekannt wie ein Arnold Schwarzenegger, der Bischofbergers Konzern als Gouverneur besucht hat (das Bild aus dem Jahr 2008 hängt hinter seinem Schreibtisch), er wird allerdings ebenso in die Geschichtsbücher eingehen:

Norbert Bischofberger hat als Forschungschef von Gliead Sciences nicht nur das Grippe-Mittel Tamiflu erfunden, die HIV-Medikamente Viread und Truvada entwickelt, sondern auch die Hepatitis-C-Medikamente Sovaldi und Harvoni, mit denen 90 Prozent aller Hepatitis C-Fälle innerhalb von 12 Wochen geheilt werden können; Ende 2013 und im Jahr 2014 hat Gilead in den US und in der EU die Zulassung für diese Medikament erhalten. Im futurezone-Interview in der Konzernzentrale in Foster City verriet der Österreicher, der letztes Jahr zum „Auslandsösterreicher des Jahres 2014“ gewählt wurde, dass Gilead Sciences derzeit an einem Medikament gegen den plötzlichen Herztod arbeitet. „Wir führen gerade eine Studie durch“, so Bischofberger. „Und ich bin sehr zuversichtlich, dass – sollte die Studie ein positives Ergebnis belegen, es in einigen Jahren ein Medikament gibt.“

Genetischer Defekt

Als Hauptursache für den plötzlichen Herztod (PHT) bei jungen Erwachsenen gilt die Hypertrophe Kardiomyopathie (HCM). Diese Erkrankung, die mit einer Verdickung des Herzmuskels einhergeht, ist genetisch bedingt und kann bislang nicht medikamentös behandelt werden. Allein in Europa sollen etwa 1,5 Millionen an HCM. „Die meisten wissen gar nicht, dass sie diesen genetischen Defekt haben“, so Bischofberger. Ein Gentest würde helfen, zu wissen, dass man an HCM leidet und dieses Wissen könne, wenn man Vorkehrungen trifft, einen plötzlichen Herztod verhindern. „Bei jungen Athleten ist der plötzliche Herztod die Haupt-Todesursache“, so Bischofberger.

Fälle von plötzlichem Herztod im Spitzensport kommen leider immer wieder vor, vor allem im Fußball – der jüngste Fall ist der des italienischen Fußballprofis Piermario Morosini. Der 25-Jährige ist im April 2012 bei einem Match seines Clubs Livorno gegen Pescara in der 31. Minute zusammengebrochen und konnte nicht mehr reanimiert werden. Ein Jahr davor ist der japanische Ex-Nationalspieler Naoki Matsuda (34) während eines Trainings kollabiert und zwei Tage später verstorben. Einer der bekanntesten Fälle war jener des Nationalspielers von Kamerun, Marc-Vivien Foe – der 28-Jährige erlag im Halbfinale des Confederation Cups gegen Kolumbien auf dem Spielfeld in Lyon dem plötzlichen Herztod. In den USA wird der plötzliche Herztod immer mit einem Sportler in Zusammenhang gebracht, und zwar Reggie Lewis – der Basketballer und Kapitän der Boston Celtics brach 1993 während Wurfübungen in der Halle der Brandeis University zusammen, wurde ins Krankenhaus gebracht, starb aber einige Stunden später. Lewis hatte bereits Monate vor seinem Tod über Beschwerden geklagt.

Gentest

„Solche Todesfälle wird man künftig medikamentös verhindern können, wenn jene Personen mittels Gentest auf das Risiko einer HCM untersucht werden können.“ , so Bischofberger. Aber selbst wenn ein Gentest das bestätigt, könne künftig Spitzensport ausgeübt werden. Das Medikament, das in der Entwicklung GS-6615 bezeichnet wird ist ein sogenannter Natrium-Ionenkanal-Hemmer.

„Das neue Medikament wäre ein Meilenstein in der Medizin mit weitreichenden Konsequenzen für alle Patienten mit kardialen Diagnosen“, sagt der österreichische Herzspezialist am Wiener AKH, Univ. Prof. Alfred Kocher. „So ein Medikament hätte das Potenzial, auch die Prognose nach herzchirurgischen Eingriffen deutlich zu verbessern.“ Zudem könnten mit einem solchen Hemmer verschiedene Arten von Herz-Rhythmus-Störungen therapiert werden. Bischofberger rät, genetisch feststellen zu lassen, ob man unter HCM leidet. Der Gentest hätte übrigens einen weiteren Vorteil – es kann generell festgestellt werden, ob man an einer Krankheit leidet, die mit dem Ionen-Transport im Herzen zu tun hat.