Science
03.10.2018

Lise Meitner: Um den Nobelpreis betrogen

Mindestens 48 Mal war die Wiener Physikerin nominiert. Warum sie den Preis nie erhalten hat.

Wenn Frauen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden, ist das immer noch eine Besonderheit. Heuer werden gleich zwei Wissenschaftlerinnen ins Rampenlicht gerückt: Donna Strickland ist die dritte Frau, die den Physikpreis erhält, Frances H. Arnold die fünfte Frau, die die Auszeichnung in Chemie bekommen wird.

Für Frauen ist es offensichtlich immer noch nicht einfach, sich in der Männerdomäne Wissenschaft durchzusetzen. Dass sie früher noch viel mehr um Anerkennung kämpfen mussten, zeigt das Beispiel der Wienerin Lise Meitner (1878-1968).

Mindestens 48-mal wurde sie von Mitte der 1920er-Jahre bis zu ihrem Tod für den Nobelpreis nominiert – vielleicht sogar noch häufiger. „Wie oft genau, wird man erst wissen, wenn die Archive komplett geöffnet sind“, sagt die Biografin Tanja Traxler, die mit David Rennert ein Buch über die Pionierin des Atomzeitalters veröffentlicht hat.

Bahnbrechend

Lise Meitners Arbeiten waren für die Wissenschaft jedenfalls bahnbrechend: Sie hat als Erste das Prinzip der Kernspaltung theoretisch erklärt. Zuvor hatte sie jahrelang mit ihrem wissenschaftlichen Weggefährten Otto Hahn Experimente aufgesetzt – doch am Ende heimste Hahn alleine die Lorbeeren ein und erhielt im Jahr 1944 den Chemienobelpreis.

Dass er ohne Hilfe Meitners nicht in der Lage gewesen wäre, seine Experimente theoretisch einzuordnen, legen Briefe nahe, die er 1938 geschrieben hatte – damals war die Jüdin Meitner bereits ins schwedische Exil geflohen. Hahn blieb in Berlin, wo er zuvor mit Meitner am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie geforscht hatte.

Hahn flehte Meitner in diesen Briefen regelrecht darum an, dass sie ihm Erklärungen für die Phänomene liefern solle, die er bei seinen Versuchen beobachtet hatte“, sagt Traxler. Meitner erklärte ihrem „Hähnchen“, wie sie ihn manchmal nannte, daraufhin ihre Theorie.

Isoliert und intrigant

Dass die Physikerin so oft nominiert wurde, aber nie zum Zug kam, habe viele Gründe, ist die Biografin überzeugt. „Dass sie eine Frau war, war einer davon. Aber auch die politischen Umstände spielten eine große Rolle.“ So waren die Wissenschaftler des Nobelpreiskomitees im neutralen Schweden zu der Zeit sehr isoliert, was es für sie schwierig machte, Meitners Leistung einzuordnen. Hintergrund: Tauschten sich 1938 die Wissenschaftler international noch über das Thema aus, so änderte sich das schlagartig, sobald sie merkten, dass die Forschung auch für militärische Zwecke genutzt werden könnte – für den Bau der Atombombe.

Auch ein gehöriges Maß an Bosheit führte dazu, dass Meitner nicht die Anerkennung erhielt, die sie verdient hätte. So intrigierte zum Beispiel der Chemiker Theodor Svedberg gegen sie: „Er verfasste 1941 ein absurdes Gutachten, wonach Hahn 1938 die wichtigsten Ergebnisse geliefert habe und nicht Meitner“, berichtet  Biografin Traxler. Auch Manne Siegbahn, der wie Meitner eine Stelle am Nobel-Institut hatte, unterband, dass  ihre Arbeit gewürdigt wurde. Er war Vorsitzender im Nobel-Komitee für Physik und wollte auf keinen Fall seine Konkurrentin stärken.

Pech war für Meitner, dass die Kernspaltung eine transdisziplinäre Entdeckung ist –  1961 wurde  sie nicht für den Chemie-, sondern für den Physiknobelpreis nominiert. Meitner ging wieder leer aus.

Buchtipp David Rennert, Tanja Traxler: Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters, Residenz-Verlag, 24 Euro