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Wissenschaft & Blödsinn Schmerz durch Handystrahlen.

Strahlt da was?
Strahlt da was? - Foto: slasnyi/Fotolia
Elektrosensible Menschen haben es nicht leicht. Sie behaupten, elektromagnetische Felder zu spüren, die aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich nicht wahrnehmbar sein sollten.

Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen – es sind schlimme Symptome, über die manche Leute klagen, wenn sie der Strahlung von Handys ausgesetzt sind. Man bezeichnet solche Menschen als „elektrosensibel“. Diese Elektrosensibilität ist ein merkwürdiges Phänomen, denn aus physikalischer und biologischer Sicht gibt es überhaupt keinen Grund, warum Handystrahlen in normaler Intensität eine schädliche Auswirkung auf den Körper haben sollten. Trotzdem wäre es falsch zu sagen, dass solche Leute sich ihre Beschwerden nur einbilden oder gar lügen. Die Sache ist etwas komplizierter.

Es gibt ganz unterschiedliche Sorten elektromagnetischer Strahlung. Licht mit sehr kurzer Wellenlänge hat viel Energie – Gammastrahlung oder Röntgenstrahlung zum Beispiel. Diese Strahlung kann Elektronen aus den Atomen herausreißen und damit Schaden verursachen. Genau deshalb sollte man sich vor der UV-Strahlung der Sommersonne in Acht nehmen und nicht einfach so zum Spaß im Röntgengerät übernachten. Mikrowellen oder Handystrahlen hingegen haben eine viel größere Wellenlänge. Sie können zwar Energie in Form von Wärme übertragen, aber unsere Atome bleiben von ihnen ziemlich unbeeindruckt.

Wenn nun jemand behauptet, Handystrahlen spüren zu können, dann lässt sich das ganz einfach überprüfen: Man setzt die Testperson in einen elektromagnetisch abgeschirmten Raum, platziert darin eine Antenne, schaltet sie zufällig mal aus und mal ein und lässt die Testperson mitschreiben ob sie Strahlung spürt. Wenn jemand deutlich öfter richtig liegt als man bei bloßem Raten erwarten würde, dann besteht tatsächlich der Verdacht, dass er auf eine bisher unbekannte Weise Strahlung wahrnehmen kann.

Solche Tests wurden immer wieder gemacht, die Studien dazu wurden gesammelt, diskutiert und nachgerechnet, und insgesamt ist die Sache ziemlich klar: Es gibt keine Menschen, die elektromagnetische Strahlung von Handys oder Mobilfunk-Sendeanlagen erkennen können. Selbst elektrosensible Personen, die sonst über starke Beschwerden aufgrund von Handystrahlung klagen, können nicht verlässlich erkennen, ob diese Strahlen überhaupt da sind oder nicht.

An der Universität Regensburg wurde dann allerdings vor einigen Jahren ein sehr interessantes Experiment durchgeführt um das Phänomen der Elektrosensibilität besser zu verstehen: Eine Gruppe von Personen, die sich selbst als elektrosensibel bezeichneten und eine Kontrollgruppe ohne Elektrosensibilität wurden mit einem Magnetresonanztomographen untersucht. Das ist ein Gerät, mit dem man dem Gehirn bei der Arbeit zusehen kann. Durchblutungsänderungen im Gehirn werden aufgezeichnet, und so lässt sich genau erkennen, welche Gehirnareale gerade aktiv sind. Indem man Gehirnregionen beobachtet, die mit Schmerz in Verbindung stehen, kann man den Schmerz im Kopf des Patienten ganz objektiv erkennen.

Zunächst wurde allen Versuchspersonen das Experiment genau erklärt: Zwei potenzielle Schmerzquellen sollten untersucht werden – erstens ein elektrisches Hitzearmband am Handgelenk und zweitens die Strahlung eines Handys. Hitzearmband- und Handyphasen wechselten einander zufällig ab, vor jeden Schritt wurde angekündigt, welcher der beiden Schmerz-Auslöser nun folgen wird, danach gaben die Versuchspersonen an, wie unangenehm der Schmerz diesmal gewesen war. Gleichzeitig beobachtete man mit Hilfe des Tomographen die Aktivität der Schmerzzentren im Gehirn.

Alle Testpersonen spürten Schmerz, wenn das Hitzearmband eingeschaltet wurde, und diese Schmerzen waren auch im Magnetresonanztomographen sichtbar. Ein Großteil der elektrosensiblen Gruppe spürte auch in den Handyphasen einen deutlichen Schmerz, und auch bei ihnen konnte man diesen Schmerz im Gehirn genau sehen. Bekannte Schmerzzentren begannen am Computerbildschirm hell aufzuleuchten. Die Personen der Kontrollgruppe spürten in der Handyphase keinen Schmerz und auch der Tomograph konnte keine Aktivität in den Schmerzzentren des Gehirns aufzeichnen.

Alles gar nicht wahr?

Das klingt eigentlich alles so wie man das erwarten würde. Das Bemerkenswerte an dem Experiment war nur: Die Handystrahlung hatte es nie gegeben. Im Experiment war gar kein Handy verwendet worden. Es ging nicht darum, die Auswirkungen von Handystrahlung zu messen, sondern die Auswirkung der Erwartungshaltung, mit unangenehmer Strahlung in Kontakt zu kommen.

Die elektrosensiblen Personen spürten also Schmerz aufgrund einer Ursache, die gar nicht da war. Aber war dieser Schmerz eingebildet? Das kann man so nicht sagen – man hat ihn ja gemessen! Man konnte ihn im Gehirn sehen. Schmerz ist genau dann vorhanden, wenn die Schmerzzentren im Hirn aktiv sind. Eben diese Aktivität ist der Schmerz, realer kann er gar nicht werden. Wenn ich nach einem lauten Knall ein Pfeifen im Ohr höre, dann ist dieses Pfeifen ja auch real. Ich höre es, auch wenn es in diesem Moment keine äußere Ursache dafür gibt.

Das erinnert an Berichte von neu gebauten Sendeanlagen, gegen die verärgerte Anrainer heftig protestierten, weil die Strahlen angeblich ihre Gesundheit spürbar beeinträchtigten – obwohl die Sendeanlagen noch gar nicht eingeschaltet waren. Die Lebensqualität solcher Leute hat sich tatsächlich verschlechtert, sie sind unglücklich, sie leiden. Aber Strahlen sind offensichtlich nicht die Ursache dafür.

Man muss Leute, die Schmerzen haben, auf jeden Fall ernst nehmen. Es hilft niemandem, wenn man sagt, die Schmerzen seien gar nicht echt, seien eingebildet, seien egal. Wenn etwas weh tut, dann tut es weh. Aber man muss sehr genau hinsehen um die Ursache herauszufinden. Wenn nicht die Strahlung selbst die Ursache ist, sondern vielmehr die Angst vor der Strahlung, dann muss man nicht Sendeanlagen abschalten, sondern die Angst bekämpfen. Vielleicht kann ein bisschen wissenschaftliche Bildung dabei helfen. Wenn man mal verstanden hat, dass eine Sache ungefährlich ist, dann wird man sich davor auch nicht mehr fürchten.

Literatur: Landgrebe et al., NeuroImage 41 (2008) 1336–1344.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 07.10.2014, 09:44

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