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Konferenz DLD: "Verschlüsselt alles, was sich verschlüsseln lässt".

"Bietet keine Dienste an, die nicht verschlüsselt sind", forderte Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), Start-ups bei der DLD-Konferenz in München auf.
"Bietet keine Dienste an, die nicht verschlüsselt sind", forderte Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), Start-ups bei der DLD-Konferenz in München auf. - Foto: GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO ISTOCKPHOTO/Maksim Kabakou/Thinkstock
Bei der DLD-Konferenz berieten Experten Lösungen für den Vertrauensverlust in das Internet nach den Snowden-Enthüllungen und forderten Transparenz und Rechenschaftspflichten.

"Technik ist nicht länger vertrauenswürdig. Wir müssen Wege finden, wie wir ihr wieder vertrauen können", sagte Frank Rieger, Sprecher des deutschen Chaos Computer Clubs (CCC) in einem Gespräch mit dem US-Journalismus-Professor Jeff Jarvis bei Konferenz Digital Life Design (DLD) am Sonntagabend in München. Thema des Gedankenaustausches war das Internet nach den Enthüllungen über die Überwachung der US- und anderer Geheimdienste durch den früheren Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden.

Transparenz und Rechenschaft

"Man kann Dinge verändern", sagte Rieger. Regierungen und Unternehmen müssten zur Transparenz verpflichtet werden und sich für ihre Aktivitäten verantworten, forderte der Hacker, Autor und Internet-Aktivist. Regierungen sollten dazu angehalten werden, die Wirksamkeit von Sicherheitsmaßnahmen zu belegen. Das sei bisher nicht geschehen, so Rieger. Denn weder die massive Datensammlung der NSA noch die Vorratsdatenspeicherung hätten die Sicherheit verbessert. "Sie sind Geldverschwendung."

Dasselbe gelte auch für Unternehmen. "Es werden mit dem vagen Versprechen Daten gesammelt, dass die Welt besser gemacht werde", so Rieger. Beweis dafür gebe es allerdings keinen. Rieger schlug auch vor, den Geheimdiensten Mittel zu entziehen, wenn sie nicht dokumentieren, was mit dem Geld der Bürger passiere.

Unternehmen und Regierungen sollten per Gesetz dazu verpflichtet werden, einmal im Jahr vor jedem Bürger Rechenschaft über die von ihnen gesammelten Daten abzulegen und auch den Nutzen, den die Datensammlung bringt, offenzulegen. Nutzer müssten der Sammlung ihrer Daten durch Unternehmen ausdrücklich zustimmen, forderte Rieger. Die EU müsse US-Unternehmen, die in Europa Geschäfte machen, zwingen, sich an diese Regelung zu halten.

"Politische Lösungen brauchen Zeit"

"Politische Lösungen brauchen Zeit", sagte Rieger. Bis solche Regelungen umgesetzt seien, könnte es Jahre dauern. Inzwischen gelte es für Techniker Schadensbegrenzung zu betreiben. Rieger rief die zahlreichen Internet-Unternehmer und Start-up-Gründer im Publikum dazu auf, keine Dienste mehr anzubieten, die nicht verschlüsselt sind: "Verschlüsselt alles, was sich verschlüsseln lässt."

Neben der Verschlüsselung sei auch die Anonymität wichtig, sagte Rieger. "Wir brauchen soviel Anonymität wie möglich." Internet-Unternehmen sollten sich darüber Gedanken machen, wie ihre Dienste auch auf Basis von Anonymität angeboten werden könnten.

Geschäftsmodelle von Internet-Unternehmen sollten auch geschlossene Nutzergruppen stärker berücksichtigen. "Ich habe kein Problem mit meinen Freunden Daten auszutauschen", so Rieger. Die Kontrolle, wer auf diese Daten zugreifen darf, müsse jedoch bei den Nutzern bleiben und durch Verschlüsselung gewährleistet sein.

"Brauchen politischen Willen"

Das Internet müsse wieder zum öffentlichen Gut werden, forderte der CCC-Sprecher. Es müsse von unabhängigen Organisationen kontrolliert werden: "Nicht von Unternehmen und Regierungen." Die Debatte, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen solle, könne jetzt beginnen. "Wir brauchen den politischen Willen zur Veränderung und wir brauchen auch den Willen, Glas zu zerbrechen, um dort hin zu gelangen."

Internet "härten"

Vorredner Rod Beckstrom, der von 2009 bis 2012 der Internet-Organisation ICANN vorstand und heute den südkoreanischen Konzern Samsung in Fragen der Cybersicherheit berät, sprach sich dafür aus, die Verwaltung des Internet von staatlichen Stellen unabhängig zu machen. Das Netz müsse auch internationaler werden, sagte Beckstrom. Er warnte jedoch davor, die Kontrolle über das Internet multilateralen Organisationen, wie der UNO, zu überlassen.

Eine Lösung für den Vertrauensverlust in das Netz nach den Snowden-Enthüllungen habe er nicht, sagte der Cybersicherheitsexperte. Das Netz müsse aber grundlegend überarbeitet und "gehärtet" werden. Das Internet sei nicht in Hinblick auf Sicherheit entworfen worden, sondern um den Austausch von Informationen zu fördern. Sicherheitstechnik und Verschlüsselung müsste nun tiefer in das Netz integriert werden, forderte Beckstrom:  "Wir haben keine andere Wahl."

"Verrückte, böse Welt"

Auch Beckstrom trat dafür ein, Unternehmen und Regierungen zur Transparenz über die von ihnen gesammelten Daten zu zwingen und Bürger mit einem "Recht auf Wissen" auszustatten. Die Situation des Internet verglich er mit der nuklearen Bedrohung im Kalten Krieg. "Wir leben in einer verrückten, bösen Welt."

(futurezone) Erstellt am 19.01.2014, 20:13

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