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Bravely Default 2 im Test: Mechanisch meisterhaft, aber herzlos

Was definiert ein JRPG – japanisches Rollenspiel? Meist ist es eine lange Spielzeit, ein rundenbasierendes Kampfsystem und das Jonglieren mit Zahlen und Statuswerten, um das Beste aus seinen Charakteren herauszuholen.

Ist das alles vorhanden, steht schon mal das JRPG-Grundgerüst. Und wenn das Game dann auch noch vom Publisher Square Enix ist, kann man auf ein großartiges Spielerlebnis hoffen. Bei Bravely Default 2 (Nintendo Switch, 60 Euro bei Amazon) trifft das alles zu – viel mehr kommt dann aber nicht dazu.

Generische Story

Es beginnt schon mit den ersten Spielmomenten: Viel generischer kann eine Handlung in einer mittelalterlichen Fantasy-Welt eigentlich nicht sein. Man erwacht als gestrandeter Matrose mit Amnesie. Mit einer Prinzessin auf Mission 4 Kristalle zu finden, ein Zauberer und einer Söldnerin auf Reisen, ist die Gruppe komplett, die einem die nächsten 60 Stunden begleitet.

Das Spielestudio Claytechworks scheint das auch noch lustig zu finden. Denn in den ersten Spielminuten wird man zusätzlich gespoilt: „Du wirst auf deinem Abenteuer Verrat begegnen“. Großartig. Danke, dass auch dieses bisschen potenzielle Überraschung gleich vom Start weg eliminiert wird.

Auch sonst unternimmt das Spiel ziemlich viel, um einen die Überraschung zu nehmen. Trägt ein Charakter in einer Zwischensequenz/Dialog ein auffällig anderes Gewand, weiß man schon, dass man gegen den oder die kämpfen wird, um sich deren Asterisk (nein, nicht der Zeichentrick-Gallier mit Schreibfehler) anzueignen.

Umfangreiches Jobsystem

Diese Asteriske schalten Jobs frei, wie Dieb, Jäger, Rotmagier, Weißmagier usw. Anstatt wie bei anderen Rollenspielen die Gruppenmitglieder auszutauschen, weist man ihnen in Bravely Default 2 neue Jobs zu.

Jeder Charakter kann einen Haupt- und Nebenjob annehmen. Der Hauptjob ist der, der bei gewonnen Kämpfen im Level steigt und die Grundwerte und Fähigkeiten des Charakters bestimmt. Der Nebenjob gewährt zusätzlich die aktiven und passiven Fähigkeiten dieses Jobs, sofern diese zuvor freigeschaltet wurden.

Es gibt über 20 Jobs. Und wenn jeder der 4 Charaktere 2 davon annehmen kann, entweder als Haupt-oder Nebenjob, ergibt das einen ganzen Haufen möglicher Kombinationen. Der Fantasie sind hier tatsächlich keine Grenzen gesetzt. Wer Lust hat, kann sich einen heilenden Barbaren basteln, einen stehlenden Schildträger oder ein pfeilschießendes Phantom.

Jede mögliche Kombination ist auch ein Zeitfresser. Denn das Job-Level ist vom Charakter abhängig. Will man also seinen Schwarzmagier zusätzlich mit den besten Erd- und Windangriffen des Rotmagiers ausstatten, muss man den Rotmagier als Hauptjob einstellen und durch viele viele viele viele Kämpfe nach oben leveln. Soll ein anderer Charakter eine Kombination aus Mönch und Rotmagier werden, muss man auch mit diesem den Rotmagier wieder von Level 1 an nach oben bringen. Zwar findet man hin und wieder „Job-Kugeln“, die das beschleunigen, aber bei über 20 Jobs und 4 Charakteren ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Brave oder Default

Das Kampfsystem ist der Grund, wie das Spiel zu seinem Namen kommt. Es basiert auf Runden, hat aber zusätzlich die Optionen Brave und Default. Bei Brave hängt man einen weiteren Zug an. Bis zu 4 Züge können so auf einmal gemacht werden. Default lässt den Charakter in einen Verteidigungsmodus gehen und spart den Zug für später auf.

Das Spannende daran ist: Man muss nicht erst mit Default sparen, um danach mehrere Züge mit dem Charakter auf einmal ausgeben zu können. Man kann mit Brave auch gleich von Beginn an mehr Züge ausgeben, kommt dann aber ins Minus. Das heißt der Charakter setzt dann aus, bis sein Rundenzähler wieder auf 0 ist.

Das ergibt viele Möglichkeiten. Opfert man die Runden eines Charakters, um von Beginn an möglichst viel Schaden zu machen? Sollte man beim Heiler lieber auf Default setzen und so eine Runde aufsparen, falls später dringend jemand geheilt oder wiederbelebt werden muss? Oder lasse ich meinen Schildträger mit Brave alle Gegner provozieren, nachdem ich ihn mit einem Schutz-Zauber eines Magiers belegt habe, damit meine 3 anderen Charaktere die nächsten Runden nicht angegriffen werden?

Faszinierendes Jonglieren

Was am Anfang noch überschaubar wirkt, nimmt mit dem weiteren Spielverlauf immer komplexere Dimensionen an. Denn die Feinde beherrschen ebenfalls das Brave-und-Default-System. Zudem haben verschiedene Gegner verschiedene passive Eigenschaften. So nehmen sie bei einigen Waffentypen mehr Schaden, bei anderen sind sie immun.

Außerdem kommen Konter dazu. Hat ein Gegner etwa einen Konter auf physische Angriffe, sollte man nicht versuchen mit dem Stock des Schwarzmagiers draufzuhauen. Manche Konter sind so stark, dass sie einen Charakter mit geringer Grund-Lebensenergie und schwacher Rüstung sofort töten können.

Genau dieses Jonglieren mit den Stärken und Schwächen der Gegner, der Ausrüstung, den Jobs der Charaktere, dem Brave-und-Default-System und dann noch diverser Verbrauchsgegenstände (und Wellen mit mehreren Gegnern als Draufgabe) macht den Reiz des Kampfsystems und des Spiels aus.

Harte Bosse

Diese Faszination schlägt aber bei den Bosskämpfen schon mal in Fassungslosigkeit um. Selbst beim niedrigsten Schwierigkeitsgrad ist die Diskrepanz zwischen den normalen Kämpfen gegen Monster und dem nächsten Boss gewaltig.

Da man vor dem Kampf nicht weiß, was einen erwartet, schafft man es oft nur mit Ach und Krach, oder braucht zumindest einen zweiten Anlauf und etwas Bedenkzeit, um sich eine Strategie zurechtzulegen. Wer hier bereits viele verschiedene Jobs hochgelevelt hat, wird es leichter haben, eine passende Kombination zu finden, um den Boss zu besiegen.

Das herzlose Rundherum

Und wer das nicht hat, muss Grinden gehen – also Monster besiegen um zu leveln. Grinden ist selten spaßig. Bei Bravely Default 2 ist es umso mühsamer, weil die Spielewelt rundherum nicht viel hergibt. Die Semi-Retrografik nutzt sich schnell ab, da die Umgebungen meist leblos wirken.

Die handgezeichneten Städte haben zwar etwas mehr Charme, doch die NPCs die man hier trifft und ihre Nebenaufgaben sind unspannend. Entweder ist es: Gehe dort hin und sammle etwas ein, gehe dort hin und rede mit jemanden oder gehe dort hin und töte Monster.

Wenn es wenigstens mehr zu entdecken gäbe ... Aber in der freien Wildbahn gibt es nur Schatzkisten, die in der Gegend herumstehen und Bäume und Sträucher zum kaputthauen, was gelegentlich Gegenstände auftauchen lässt. Geheimgänge, Easter Eggs oder Zufallsbegegnungen gibt es nicht.

Dadurch wirkt Bravely Default 2 sehr generisch. Dass man die Menüs, Bezeichnungen für die Gegenstände und Jobs aus den üblichen Square Enix-JRPGs bereits kennt, sollte eigentlich das Nostalgie-Gefühl fördern. Hier trägt es aber dazu bei, dass man das Gefühl hat, dieses Game schon ein paar Mal gespielt zu haben.

Fazit

Bravely Default 2 ist perfekt für JRPGs-Fans, denen Zahlen lieber sind als Story und Grinding mehr bedeutet als Gefühle. Bei gut 60 Stunden Spielzeit und reichlich Job-Kombinationen für die Gruppe, die immer wieder an die Gegner und Bosse angepasst werden muss, ist jedenfalls genug zu tun.

Will man von einem Spiel auch unterhalten, statt nur beschäftigt werden, sucht man sich besser ein anderes Game.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, vom Kopfhörer über Smartphones und Kameras bis zum 8K-TV.

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