Neues Tool zeigt, wo sich das eigene Haus vor Millionen Jahren befand
Die Erde hat sich in den letzten 320 Millionen Jahren stark verändert. Zum Beispiel gab es zu diesem Zeitpunkt noch einen riesigen Superkontinent namens Pangaea. Erst über Millionen Jahre, in denen sich die kontinentalen Platten verschoben haben, bildeten sich die Kontinente, wie wir sie heute kennen.
Ein internationales Team aus Forscherinnen und Forschern der Universität Utrecht hat jetzt das Tool Paleolatitude.org entwickelt. Damit kann man die geografische Breite (Latitude) jedes beliebigen Ortes auf der Erde zurückverfolgen. Wer also wissen möchte, wo sich der Ort vor 320 Millionen Jahren befunden hat, kann das über das Tool nachsehen.
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Verschwundene Gebirge sichtbar machen
Das Tool selbst ist dabei nicht nur Spielerei. Es basiert auf der neuesten Version des Utrechter Paläogeographiemodells. Das neue Modell berücksichtigt neben den großen tektonischen Platten auch kleinere Plattenfragmente. Dadurch konnte insgesamt die Auflösung gegenüber dem letzten, 6 Jahre alten Modell, verbessert werden. Erstmals veröffentlicht wurde es 2012.
Es wurde auch integriert, wie sich die Plattenverschiebung auf Gebirge, z.B. die Alpen, auswirkt, die dadurch verformt werden. Verlorene Kontinente wie die Große Adria, der Tethys-Himalaya und Argoland lassen sich heute nur noch in Gebirgen nachvollziehen. Die Große Adria ist etwa fast vollständig unter dem Mittelmeerraum in Südeuropa verschwunden. Spuren lassen sich aber noch in den Alpen oder dem Apennin finden. Das neue Modell faltet diese Gebirge im ersten Schritt wieder auf. Das zeigt aber noch nicht, wo sich die Gesteinsmassen genau befunden haben.
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Die Punkte zeigt die angenommene Bewegung der paläomagnetischen Pole der Erde relativ zu einem Kontinent
© van Hinsbergen et al., PLOS One
Gespeicherte Magnetfeldinformationen
Im zweiten Schritt werden die in den Steinen gespeicherten Informationen über das Erdmagnetfeld genutzt. In jenem Moment, in dem das Gestein entstand, zeichnete es die genaue Richtung des Magnetfelds an dieser Stelle auf. Daran lässt sich der Breitengrad ablesen. "Erstmals ist wirklich ein globales Modell verfügbar, mit dem diese Gesteine mit den ursprünglichen Platten verknüpft werden können, die inzwischen im Erdmantel verschwunden sind", sagt Studienleiter Douwe van Hinsbergen in einem Statement. Auch, wie die Steine sich weltweit bewegt haben, ließe sich mit dem Modell nachvollziehen.
Klickt man im Tool auf einen Ort, öffnet sich seitlich ein Diagramm. Es zeigt über die Zeitspanne von 320 Millionen Jahren bis heute, auf welchem Breitengrad sich dieser Ort befunden hat.
Das Tool zeigt für jeden beliebigen Punkt auf der Karte, wie sich der Breitengrad über die letzten 320 Millionen Jahre verändert hat - hier z.B. für die futurezone-Redaktion in Wien.
© Screenshot Paläoaltitude
Klimazonen, Artenforschung und Massensterben
Forscher und Forscherinnen können das Tool verwenden, um z.B. zu bestimmen, welches Klima vor Millionen Jahren an einem bestimmten Ort herrschte. Das lässt sich zwar anhand von Gesteinsfunden rekonstruieren - allerdings muss man dafür auch wissen, wo diese Steine sich damals befunden haben, denn das Klima wird unter anderem durch den Sonneneinstrahlungswinkel am jeweiligen Breitengrad bestimmt. So lässt sich etwa sagen, dass die Flora und Fauna in Winterswijk, Niederlande, vor 245 Millionen Jahren eher mit jener am heutigen Persischen Golf vergleichbar war. Es gab Wüste und tropisches Meer.
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Forscher können außerdem Artenwanderung genauer nachvollziehen. Die gefalteten Steine in Gebirgen sind reich an Fossilien. Paläontologinnen und Paläontologen können ihre Funde mit dem Tool nun detaillierter einordnen. Das verrät ihnen etwa, wie sich die Biodiversität über verschiedene Breitengrade und Klimazonen hinweg entwickelt hat.
"Das ermöglicht uns zu zeigen, was in der Vergangenheit während und nach Massenaussterben mit der Biodiversität passierte, etwa aufgrund rascher Erwärmung oder Abkühlung der Erde", erklärt Mitautorin und Paläontologin Emilia Jarochowska. Das kann erklären, welche Breitengrade zu welchem Zeitpunkt unbewohnbar wurden und wo es Zuflucht gab.
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Das Tool ist aber noch nicht zu Ende entwickelt. Das Team arbeitet daran, es bis zur Verbreitung komplexen Lebens vor 550 Millionen Jahren zurück zu berechnen. Auch ein extra Tool für Temperaturen und Klimazonen, Paleotemperature, ist in Planung. Die Forschungsergebnisse zum neuen Modell sind im Fachmagazin PLOS One erschienen.