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Studie: Bepflanzung hilft nicht überall gegen Hitze

„Sie sind die Zukunft des Urban Gardening.“ Jennifer Schulz hat ein neues Vorzeigeprojekt. Auf einem Gelände im Süden Berlins will die Umweltwissenschafterin der Universität Potsdam mit Freiwilligen einen 5.000 Quadratmeter großen Waldgarten – vorwiegend aus essbaren Pflanzen, die sich in mehreren Vegetationsschichten teilweise überlappen, ganz ähnlich der Struktur von Wäldern – anlegen. Und das Projekt wissenschaftlich begleiten. Weitere Städte sollen folgen.

Die Begrünung von Städten liegt im Trend und gilt als Allheilmittel im Kampf gegen die Wärmeinseln der Großstädte. Doch jetzt sagt Gabriele Manoli: „Es gibt keine einheitliche Lösung. Es hängt alles von der Umgebung und den regionalen Klimaeigenschaften ab.“

Weltweit

Der Umweltingenieur der ETH Zürich muss es wissen, hat er doch weltweit urbane Wärmeinseln erforscht und festgestellt, dass mehr Pflanzen auf Stadtgebiet die Temperatur absenken könnten – aber eben nicht überall. „Ja, wir wissen bereits, dass Pflanzen ein angenehmeres Klima in einer Stadt schaffen, aber wir wollten quantifizieren, wie viele Grünflächen tatsächlich benötigt werden, um einen signifikanten Kühleffekt zu erzielen“, sagt Manoli und veröffentlicht seine Erkenntnisse im aktuellen "Nature".

30.000 Städte

Gemeinsam mit Kollegen von der Princeton und der Duke University untersuchte er Daten von etwa 30.000 Städten weltweit und ihrer Umgebung – durchschnittliche Sommertemperaturen, Bevölkerungszahlen, jährliche Niederschläge, alles ist eingeflossen. Manolis Kernbotschaft: „Je größer eine Stadt, desto wärmer ist sie, das wusste man bereits. Jetzt zeigt sich, dass auch mehr Niederschlag Städte erwärmt.“ Denn: In der Regel fördert mehr Regen das Pflanzenwachstum in der Umgebung und macht sie kühler als die Stadt. Dieser Effekt ist am stärksten, wenn die jährliche Niederschlagsmenge im Durchschnitt bei etwa 1.500 Millimeter liegt (das ist zum Beispiel in Tokyo der Fall). Mit noch mehr Regen nimmt der Effekt aber nicht weiter zu.

Im Interview mit dem KURIER erklärt der Umweltingenieur auf die Frage, was das für Europas Städte und Wien bedeutet: „Es handelt sich um eine globale Analyse, wir haben uns nicht auf einzelne Städte fokussiert – da können die Bedingungen recht unterschiedlich sein, je nachdem, ob eine Stadt von Bergen und Seen umgeben ist oder eben nicht.“

Wüstenstädte kühlt man leichter

Zwei Orte – verortet in extremen Klimata – veranschaulichen das Wärmeinsel-Phänomen aber: „Städte in Wüstenregionen sind üblicherweise kühler als ihre Umgebung. Eine Stadt wie Phoenix in den USA könnte durch gezielte Bepflanzung gut abgekühlt werden. Eine von Tropenwäldern umgebene Stadt wie Singapur hingegen würde erst ab einem sehr hohen Anteil an zusätzlichen städtischen Grünflächen tatsächlich kühler.“ Gleichzeitig würde die Luft dadurch auch feuchter. „In tropischen Städten sind daher andere Maßnahmen zur Kühlung wie Windzirkulation, Schatten oder neue hitzeabweisende Materialien effektiver.“

Regenwaldstädte wie Singapur brauchen mehr grün

„All die anderen Städte liegen dazwischen“, sagt der Umweltingenieur und Maja Zuvela-Aloise, Stadtklimaforscherin von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, ergänzt: „In Wien haben wir kein tropisches Klima wie in Singapur. Und auch keine Wüste. In der Umgebung gibt es Wälder. Doch in der Stadt selbst ist es trocken.“ Sie ist sicher: „Bei uns wird ein höherer Anteil an Pflanzen sicher eine Abkühlung bringen. Doch wenn man die Stadt zu sehr bepflanzt, kann es passieren, dass sie zu schwül und die Luftzirkulation gehemmt wird.“ Das Fazit der Stadtklimaforscherin: „Man muss auch bei der Begrünung genau auf die Details achten.“

„Wer stadtspezifische Lösungen entwickeln will, um die Wärme zu reduzieren, braucht zusätzliche Analysen und ein detailliertes Verständnis des Mikroklimas“, weiß auch Manoli. Leider stünden diese Informationen Stadtplanern nur in wenigen Städten – wie Zürich, Singapur oder London – zur Verfügung. Darum will Manoli sich jetzt verschiedene Metropolen in unterschiedlichen Klimazonen und zu verschiedenen Jahreszeiten anschauen. Und welche Arten von Pflanzen sich am besten eignen, um die Temperatur zu senken, natürlich auch.

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Susanne Mauthner-Weber

Noch bin ich ja nicht überzeugt, dass das tatsächlich irgend jemanden interessiert. Für den Fall, dass doch: Seit einem halben Leben beim KURIER. Fad wird mir nur deshalb nicht, weil ich ständig Abenteuer im Kopf erlebe, Besser-Wisser interviewe und mich zumindest auf dem Papier mit Erfindungen, Entdeckungen und Errungenschaften beschäftige. Anscheinend macht das nicht nur mir Spaß - 2012 wurde ich mit dem Staatspreis für Wissenschaftspublizistik ausgezeichnet, 2013 mit dem Kardinal-Innitzer-Preis für wissenschaftlich fundierte Publizistik und 2014 mit dem Inge-Morath-Preis für Wissenschaftspublizistik. Wie gesagt: Falls das wirklich irgendwen interessiert.

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