B2B
13.03.2013

A1: "Die Roaming-Tarife gehören abgeschafft"

Vier Betreiber statt 120, keine Terminierungsentgelte und weniger bis keine regulatorische Eingriffe: A1Telekom-Generaldirektor Hannes Ametsreiter fordert im futurezone-Interview ein rasches Umdenken in Europa, um nicht technologisches Entwicklungsland zu werden.

futurezone.at: Die mobilen Datentarife sind in Europa im Keller, die US-Betreiber hoch-profitabel. Während man in Österreich für 10 Gigabyte 9 Euro bezahlt, zahlen US-Kunden fast das Zehnfache. Für die Konsumenten sind die günstigen Tarife vordergründig perfekt, aber die Betreiber können nicht in ihre Netze investieren, weil die Gewinne fehlen. Was ist der richtige Weg?

Hannes Ametsreiter: Die USA haben einiges besser gemacht als Europa. Es gibt nachweislich zwei Industrien, die das Wirtschaftswachstum der USA vorantreiben. Das sind der Energiebereich und der Telekommunikationsbereich mit massiven Investitionen in Glasfaser und in mobile Infrastruktur wie LTE. Die Unternehmen, die in den USA am meisten investieren sind die beiden Telekom-Betreiber AT&T und Verizon. Dort werden von der Telekommunikationsbranche nicht nur Jobs geschaffen, sondern es wird massiv in die Infrastruktur der Zukunft investiert.

In der EU wird aber auch viel für den Breitband-Ausbau geworben.
In Europa werden Jobs zerstört, bei den Zulieferern und bei den Betreibern. Über mehrere Jahre schon sinken die Umsätze stetig und wir haben eine Situation, dass es sich nicht auszahlt, in Europa zu investieren. Wenn hier nicht gegengesteuert wird seitens der Europäischen Kommission, der Politik und den nationalen Regulatoren, dann werden wir hier in Europa zum infrastrukturellen Entwicklungsland.

Entwicklungsland klingt sehr heftig?
In Europa hat man offensichtlich nicht erkannt, dass man den falschen Weg beschreitet. Es ist eine halbe Minute vor 12, wenn man hier das Ruder nicht massiv herumreißt, dann wird man den Anschluss verlieren. Dann haben wir und unsere Kinder das Problem, auf eine Infrastruktur zurückgreifen zu müssen, die veraltet ist.

Was ist Ihrer Meinung nach die Lösung?
Das beste wäre, die USA bei der Regulation zu kopieren. Wir müssten einfach nur das Gleiche machen, dann würde man hier eine unglaubliche Investitionswelle auslösen. Es würde massiv in Infrastruktur investiert werden und es würden Arbeitsplätze geschaffen und die Wirtschaft würde wachsen. Wir sprechen bei der Telekommunikation von einer Industrie, die keine Förderungen braucht. Wir wollen nur Rahmenbedingungen, damit investiert wird. Was mir fehlt ist ein investitionsfreundliches Klima seitens der Politik und der Regulatoren.

Auf dem Mobile World Congress in Barcelona wurde immer wieder kritisiert, dass Europa überreguliert ist.
Es soll doch jeder  in Glasfaser investieren können, in den USA kann jeder  in Glasfaser investieren. Das Investment gehört ihm und er muss es nicht – wie in Europa vorgeschrieben – teilen.

In Österreich gibt es ab Sommer drei statt vier Betreiber, aber auch das hat mehr als ein Jahr gedauert, bis das von der Regulierungs- und auch Wettbewerbsbehörde genehmigt wurde.
Punkto Regulation wird sehr viel von Brüssel aus gesteuert. Es ist ja lächerlich, dass wir in Österreich über 12 Monate eine Diskussion über eine Konsolidierung geführt haben, die im Europa-Vergleich ja völlig nichtig, ja absurd ist. Wir haben in Österreich genauso viele Mobilfunker wie in ganz China. Drei Mobilfunker teilen sich hier acht Millionen und dort etwa eine Milliarde Einwohner.

Wenn ich Sie richtig interpretiere, sollte ganz Europa also mit vier Betreibern auskommen?
Es gibt vier Mobilfunker in den USA, drei Mobilfunker in China und 120 in Europa. Das ist ein ganz eindeutiges Bild, was soll da raus kommen? Dieses Mini-Denken muss endlich aufgegeben werden, wir müssen größer denken und wir brauchen Visionen. Europa hat sich immer schon ausgezeichnet durch ein großartiges Maß an Kultur und auch durch Industrialisierung, die einzigartig war, die exportiert hat, die weltweit irrsinnig erfolgreich war. Eine der größten Exporterfolge war – ausgehend von Skandinavien – GSM. Das hat dazu geführt, dass Konzerne wir Ericsson, Nokia  entstanden sind. Heute ist es ein tristes Bild.

Wo würden sie überall Veränderungen vornehmen?
Die Roaming-Tarife gehören sofort abgeschafft. Dann würde ich die Finanzkraft der Mobilfunker stärken und sofort die Interconnection Fees einfrieren. (Das sind Terminierungsentgelte, die ein Betreiber an den anderen entrichten muss, wenn ein Telefonat hergestellt wird, Anm.)
Im Bereich des Glasfasers darf es keine Regulation geben. Das wäre der erste Schritt, weil jeder investieren und jeder profitieren könnte. Das wäre eine Liberalisierung, die einen massiven Investitionsstimulus darstellen würde. Es muss eine europäische Sichtweise für Konsolidierungen entstehen, die darf entweder nicht an nationale Grenzen gebunden sein, oder man muss europäische Mobilfunklizenzen auflegen, um den nächsten globalen Player entstehen zu lassen.

Sind Sie optimistisch? Wird Europa wieder auferstehen?
Es muss wieder auferstehen, sonst sind wir Entwicklungsland.