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Jobvermittlung "Autistische Mitarbeiter sind eine große Chance für Firmen".

Autistische Menschen können oft mit besonderen Fähigkeiten punkten
Autistische Menschen können oft mit besonderen Fähigkeiten punkten - Foto: Walter Kvapil
Der Verein Specialisterne vermittelt talentierte Menschen mit Autismus an österreichische Firmen. In den kommenden Jahren sollen 1000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass rund ein Prozent der Weltbevölkerung eine Form von Autismus aufweist. Viele Betroffene, bei denen etwa das sogenannte Asperger Syndrom diagnostiziert wird, leben jahrelang mit dieser neurologischen Auffälligkeit, ohne es zu wissen. Andere versuchen gewisse Defizite und Unsicherheiten in sozialen Interaktionen zu überspielen, zerbrechen schließlich aber an den Autismus-feindlichen Bedingungen am Arbeitsplatz oder scheitern bereits beim Vorstellungsgespräch.

Chance für Firmen

"Autistische Mitarbeiter sind eine große Chance für Firmen. Weil ihr Gehirn etwas anders funktioniert, nehmen sie die Welt anders wahr und bringen daher besondere Stärken mit, von den Unternehmen profitieren können", erklärte Elisabeth Krön von Specialisterne Österreich bei einer Veranstaltung am Dienstagabend in Wien. Gerade in Berufen, in denen logisch-analytische Fähigkeiten gesucht werden, könnten viele autistisch veranlagte Menschen punkten - etwa in der Software-Entwicklung, Datenverarbeitung und Qualitätssicherung, ist Krön überzeugt.

30 Jobs konnte der Verein, der ursprünglich in Dänemark gegründet wurde, bereits vermitteln. Als besonders wertvoll hat sich dabei eine Kooperation mit dem Softwarehaus anecon erwiesen, das nicht nur selber einen autistischen Mitarbeiter unter seine Reihen genommen hat, sondern bei der Ausbildung von Softwaretestern hilft. Als längerfristige Vision schwebt Krön die Vermittlung von 1000 Mitarbeitern in Österreich vor.

Softwaretester für bwin

Unter den Unternehmen, die seit kurzem einen Menschen mit Autismus als Softwaretester eingestellt haben, befindet sich bwin. "Natürlich gab es am Anfang Berührungsängste und auch Bedenken, ob ein Mensch mit Autismus sich in einer Firma wie der unseren mit dynamisch wechselnden Teamstrukturen einfügen wird können", sagt Carina Loibl von bwin. "Die Bedenken waren aber unbegründet. Wenn man sich an ein paar Spielregeln hält, ist das überhaupt kein Problem."

Auch beim Austrian Institute of Technology (AIT) ist man mit dem über Specialisterne rekrutierten Mitarbeiter sehr zufrieden. "Wichtig ist, dass man dem Kollegen gegenüber klar kommuniziert. Umgekehrt darf man sich auch nicht wundern, wenn einem beim Mitarbeitergespräch schonungslos die Wahrheit gesagt wird. Das bringt einen dann schon zum Nachdenken, weil man so ungefilterte Kritik von Mitarbeitern sonst nicht so oft hört", erklärt Anton Dunzendorfer. Darüber hinaus sei es wichtig, wenn jemand im Team die Mentorenrolle übernehme.

Reizüberflutung als Problem

Dass die äußeren Rahmenbedingungen Menschen mit Autismus vor große Herausforderungen stellen können, kann auch der Meteorologe Felix Welzenbach bestätigen, der seine Erfahrungen regelmäßig in seinem Blog festhält. "Viele Autisten tun sich mit akustischer Reizüberflutung, sei es in einem überfüllten Hörsaal an der Uni oder im Büro schwer. Bei vielem kann man aber mit einfachen Maßnahmen gegensteuern - etwa indem man den Kopierer auf den Flur verbannt, das Radio nicht aufdreht oder Kopfhörer anbietet, wenn kein Einzelbüro möglich ist", sagt Welzenbach.

Mit seinem "Outing" und öffentlichem Auftreten - Welzenbachs Autismus wurde erst vor eineinhalb Jahren diagnostiziert - will der Meteorologe das hierzulande nur spärlich vorhandene Bewusstsein schärfen. Darüber wünscht sich Welzenbach einen stärkeren Fokus auf den Mehrwert und die Stärken, die Autisten in ein Unternehmen einbringen können.

"In meinem Fall bringt mir mein akribisches Denken in Bildern bzw. Mustern, aber auch die Detailverliebtheit Vorteile in meinem Berufsfeld. Deteilerkennung bedeutet Fehlererkennung und eine logisch-systematische Denkweise ist immer hilfreich, um Ursachen für fehlerhafte Prognose und Methoden auf den Grund zu kommen", erklärt Welzenbach.

Namhafte Firmen an Bord

Neben AIT, bwin und Anecon zählen auch Shire, IBM, paysafecard, die ÖBB und Novomatic zu den Firmen, die über Specialisterne in Österreich talentierte Mitarbeiter gefunden haben. Auch das AMS arbeitet seit Neuestem mit dem Verein zusammen. "Jeder Mensch ist verschieden, das trifft natürlich auch auf Personen mit Autismus zu. Daher versuchen wir bei einer Vermittlung an Firmen auch mehrere potenzielle Kandidaten aufzubieten, damit es für beide Seiten optimal passt", erklärt Krön im Gespräch mit der futurezone.

Sie hofft auf weitere Firmen, die bei deren Suche und Vergabe von Arbeitsplätzen auf Menschen mit Autismus zurückgreifen. Darüber hinaus will der Verein weitere Sponsoren und Unterstützer gewinnen, damit das Projekt erfolgreich und mit Nachdruck weitergeführt werden kann. Durch die Moderation des Abends führte Marie Ringler von Ashoka, die musikalische Untermalung gestaltete Lorenz Huber.

(futurezone) Erstellt am 09.11.2016, 16:02

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