© REUTERS

Gründer-Boom
05/10/2012

Berlin: Start-up-Weltstadt mit Hipster-Image

Allein 2011 wurden in der deutschen Hauptstadt 500 Start-ups gegründet. Neben dem Silicon Valley, London und New York gilt Berlin bereits als einer der wichtigsten Standorte für junge Unternehmer. In- wie ausländische Start-ups zieht es in Scharen in dorthin - zuletzt kündigte auch der Wiener Web-Dienst Archify die Übersiedelung nach Berlin an. Die futurezone hat sich vor Ort ein Bild von der lebendigen Szene gemacht.

von Claudia Zettel

Die Entscheidung für Berlin als Schwerpunkt unserer Aktivitäten fiel aus dem Grund, dass hier eine sehr starke Szene vertreten ist und es viel Networking innerhalb der Community gibt", sagt Stefan Menden, Mitbegründer von

, im Gespräch mit der futurezone. Hinzu komme, dass in Berlin auch die internationale Investoren-Community vertreten sei und sich in der Stadt schon seit Jahren ein großer Pool an kreativen Leuten angesiedelt hat. "Schon um das Jahr 2000 herum hat sich hier sehr viel getan. Danach kam zwar die Rezession, die kreativen Kräfte sind aber in der Stadt geblieben."  Die Generation, die damals schon in Berlin vertreten war, habe in den vergangenen Jahren dann damit begonnen, wieder neue Firmen zu gründen, sagt Menden.

Die Liste bekannter, deutscher Internet-Unternehmen ist inzwischen endlos lang. Namen wie Soundcloud, Wooga, 6Wunderkinder, Amen, Gidsy oder Readmill sind nur einige wenige Beispiele, die derzeit auch durch die internationalen Medien geistern. Und so spricht man von Berlin in Anlehnung an das Silicon Valley heute auch gerne als "Silicon Allee".

500 Neugründungen im vergangenen Jahr
Tatsächlich schießt in der deutschen Hauptstadt ein Start-up nach dem anderen aus dem Boden. Allein im Jahr 2011 kamen 500 neue hinzu, seit dem Jahr 2008 wurden laut IHK Berlin (Industrie- und Handelskammer zu Berlin) 1300 Internetfirmen in Berlin gegründet. Laut Zahlen von Thomson Reuters wurde im vergangenen Jahr von internationalen Venture Capital Firmen in insgesamt 103 deutsche Start-ups investiert - ein Großteil davon ist der Berliner Szene zuzuordnen, da dort deutschlandweit die meisten jungen Unternehmen ansässig sind. Obwohl die großen Geldgeber insgesamt noch eher aus dem Ausland stammen, zeigen sich mittlerweile auch immer mehr deutsche Investoren risikofreudiger und pumpen Geld in vielversprechende Start-ups.

Viele wichtige Events unterstützen die Start-up-Szene in Berlin, stärken das Ökysystem und zeigen gleichzeitig, welche Relevanz der Standort mittlerweile erlangt hat. Zuletzt war das im Zuge der diesjährigen

wieder deutlich zu spüren. Das ehemalige "Blogger-Klassentreffen" hat sich zu einer fixen und ernstzunehmenden Größe unter den wichtigsten Internetkonferenzen entwickelt. Namhafte Speaker aus aller Welt nehmen mittlerweile an dem Event teil und diskutieren neueste Webentwicklungen ebenso wie brisante netzpolitische Fragen.

Das Projekt Start-up Genome hat kürzlich ein Ranking mit den besten internationalen Start-up-Standorten veröffentlicht. Dabei belegt Berlin den 17. Platz - "gefühlsmäßig" müsse die Stadt mittlerweile aber noch viel höher gereiht sein, wie viele in der Gründerszene meinen. Denn von überall aus Deutschland, aber auch aus dem Ausland ziehen immer mehr junge Firmen nach Berlin.

Verlockend für österreichische Firmen
Vor wenigen Tagen gab auch der Wiener Webdienst

nach einer Finanzspritze des Londoner Investors Balderton Capital bekannt, Österreich zu verlassen und künftig hauptsächlich von der deutschen Hauptstadt aus zu agieren. In Wien gebe es zu wenige Talente, in Berlin hingegen viel mehr Leute, die für einen Job in Frage kämen, so Archify-Gründer Gerald Bäck zur futurezone. Die große Auswahl an fähigem Personal in der deutschen Hauptstadt wird international geschätzt. Die Szene agiert mutig und individuell. Anders als in den USA stellen sich viele Berliner Start-ups gegen den Trend, sich von großen Playern wie Facebook abhängig zu machen und entwickeln lieber komplett eigenständige Produkte und Angebote.

Hinzu kommt für viele, wie auch für Archify, das Argument, dass die Mieten in Berlin im internationalen Vergleich nach wie vor recht günstig sind. Büroflächen, die in London oder New York für manch Start-up finanziell nicht leistbar wären, sind in der deutschen Hauptstadt immer noch erschwinglich.

Samwer-Brüder
Wer von Berliner Start-ups spricht, kommt um den Namen Samwer nicht herum. Die berühmt-berüchtigten Brüder haben schon Anfang der 2000er Jahre kräftig in der Berliner Gründerszene mitgemischt und zählten mit ihren teilweise 1:1-Kopien von US-Unternehmen zu den wenigen Überlebenden des ersten Internetbooms. Zu ihren bekanntesten Firmengründungen und Investments zählen der eBay-Klon Alando.de, der Klingeltonanbieter Jamba, das Videoportal MyVideo, das soziale Netzwerk StudiVZ, der Online-Schuhhändler Zalando sowie der Online-Marktplatz DaWanda.

Aufgrund der vielen, teils erfolgreichen, teils weniger erfolgreichen Copycats (Nachahmungen), die auf das Konto der Samwer-Brüder gehen, hat Deutschland heute international auch so etwas wie den Ruf als "Klonland". Erst kürzlich sorgte mit Pinspire die dreiste Kopie der Foto-Plattform Pinterest für ungläubiges Staunen und reichlich Kritik. Die deutschen Gründer-Brüder zeigen sich jedoch unbeirrt und halten an ihrer Strategie fest. Nicht zuletzt brachten sie mit ihren zahlreichen Firmengründungen auch viel Bewegung mit in die Stadt. "Natürlich ziehen solche Gründernetzwerke wie die der Samwer-Brüder auch viele kreative Leute an. Und diese Leute bleiben dann in der Stadt", sagt Menden von JustBook.

Zwischen Hype und hip
Berlin hat schon seit vielen Jahren den Ruf als coole, hippe Stadt, Partyszene und Clubkultur sind international bekannt. Künstler, Musiker und Designer sind omnipräsent. Das schlägt sich auch in der jungen Gründerszene nieder. Der Ideenreichtum ist entsprechend groß, technikaffine Leute schließen sich mit Vertretern der Künstlerszene kurz.

"Für uns ist Berlin ein wirklich guter Standort. Es sind sehr viele wichtige Leute hier versammelt, vor allem auch aus der Musikszene - mit der wir natürlich viel zu tun haben", sagt Thorsten Lüttger, Mitbegründer von

.  Besonders in den vergangenen Jahren habe sich einiges getan in der Stadt. "Wir treffen viele relevante Leute hier, die auch für uns als Unternehmen interessant sind", so Lüttger, dessen Start-up eigentlich in Köln gegründet wurde, inzwischen aber auch den Umzug nach Berlin plant. Die Leute seien untereinander eng vernetzt, "man kennt sich". Wenngleich es natürlich immer auch Konkurrenzdenken gebe, bewertet Lüttger den Umgang innerhalb der Start-up-Szene als freundschaftlich.

Der Hype um Berlin ist augenblicklich groß - manchen auch ein wenig zu groß. Viele kämen nur hier hin, weil die Stadt eben gerade angesagt sei, weil man toll ausgehen und viele Leute treffen könne, heißt es seitens kritischer Stimmen. Um eine wirklich gute Firma zu gründen, bedürfe es etwas mehr als sich an einem "coolen Standort" festzuklammern. "Natürlich ist Berlin derzeit  auch ein wenig überhyped", meint Menden von JustBook. "Ich bin überzeugt, dass auch wieder irgendeine der groß finanzierten Firmen pleite gehen wird. Dann wird es wieder heißen: Die Blase ist geplatzt, der Hype ist vorbei." Aber wie schon um die Jahrtausendwende gelte: "Die Talente bleiben hier und gründen dann wieder neue Unternehmen. Insofern ist Berlin auf jeden Fall der beste Standort in Deutschland."

Mehr zum Thema

  • Archify: Wiener Start-up zieht nach Berlin
  • re:publica: Konferenz über Bewegungen im Netz
  • Musicplayr: Playlists als Visitenkarte im Web
  • JustBook: Hotelbuchungen für Kurzentschlossene