B2B
20.12.2013

Canon: Neues Standbein Überwachung

Den Rückgang am Digitalkameramarkt will Canon mit neuen Geschäftsfeldern wie Netzwerkkameras ausgleichen, bestätigt Canon-Austria-Chef Peter Saak im futurezone-Interview.

500 Millionen Fotos und 144.000 Stunden Videos werden täglich ins Web geladen – eine Zahl, die einen Konzern, der unter anderem Digital- und Videokameras erzeugt, freuen müsste. Doch viele dieser Fotos und Filme entstehen spontan, sind Schnappschüsse, mit einem Handy bzw. Smartphone gemacht. „Wir verzeichnen am Digicam-Markt einen Rückgang von etwa 20 Prozent, aber den werden wir mit anderen Geschäftsbereichen wieder aufholen“, sagt Canon-Österreich-Geschäftsführer Peter Saak (50) in seinem ersten offiziellen Interview seit seinem Amtsantritt im Jänner dieses Jahres. Warum er sich für sein erstes Interview so lange Zeit gelassen hat? „In den vergangenen elf Monaten haben wir bei Canon Österreich strategische Aufbauarbeit geleistet, wir haben das Unternehmen neu positioniert“, so Saak. „Wir sind keine revolutionäre, sondern eine evolutionäre Firma, wir sind trotz der wirtschaftlichen Situation auf der Welt stabil und gut unterwegs, aber es genügt nicht mehr gut zu sein, wir wollen exzellent sein und besser werden.“

Neue Standbeine

Den Rückgang bei den Digicams werde man nicht 1:1 in einem, sondern in mehreren Bereichen bzw. mit neuen Standbeinen aufholen. Einer dieser Hoffnungsmärkte werden Netzwerkkameras sein, die meist als Überwachungskameras genutzt werden. „Die Vernetzung ist ein Riesenthema, da wollen wir künftig mitspielen, denn das Bild wird künftig immer im Vordergrund stehen.“ Da man schon heute alles über uns weiß, wenn wir Kreditkarten oder Social Media-Portale nutzen, werde man künftig auch alles über uns wissen, wenn wir unterwegs sind. „Netzwerkkameras im Öffentlichen Raum, bei Banken, in Industrieunternehmen aber auch im privaten Bereich werden zunehmen“, ist Saak überzeugt. „Das ist ein extremer Zukunftsmarkt.“ Hier will Canon in spätestens drei Jahren einer der Top-3-Player sein.

Top 3 oder Rückzug

„Wir wollen in allen Bereichen, in denen wir tätig sind, ein Top-3-Player sein“, sagt Saak. „Wenn wir es nach einigen Jahren nicht sind, ziehen wir uns aus diesem Bereich zurück.“ Auch in den professionellen Video-Bereich will man stärker vorstoßen und vorne mitspielen. Einen (erfolgreichen) Anfang schaffte man mit Canon Cinema EOS, den Kameras, die mittlerweile auch von professionellen Filmschaffenden genutzt werden, von Regisseur Martin Scorsese bis Ron Howard („Rush“). Zulegen will man auch im Segment Laserdrucker.

Imaging bleibt Kernthema

Trotz der Einbußen im Bereich Fotografie werde Imaging aber Canons Kernthema blieben, „aber wir müssen diesen Kernbereich schärfen“, sagt Saak, vom Dokumentendruck über Röntgenbilder bis hin zur Spiegelreflexkamera. „Es kommen neue Menschen mit dem Bereich „Imaging“ in Kontakt. Die Konsumenten schießen mit ihren Smartphones Bilder und nun muss man versuchen, sie davon zu überzeugen, dass sie sich nicht mit dem Knipsen von Bildern zufrieden geben, sondern Fotografie wollen.“ Canons Slogan laute: „Halte die Momente fest, aber wenn, in einer guten Qualität.“ Und das funktioniere nur mit einer Digitalkamera: „Eine echte Kamera hat auch einen weiteren entscheidenden Vorteil, nämlich ein Zoom“, sagt Saak.

Bis zu zehn Patente täglich

Neun Prozent des Umsatzes, den Canon weltweit erwirtschaftet, fließt in Forschung und Entwicklung. Etwa 3200 Patente meldet der japanische Konzern jährlich an. An welchen Innovationen der Konzern arbeitet, will Saak nicht verraten, aber: „wir haben Märkte neu erfunden“. Obwohl Canon auch als Drucker-Firma bekannt ist, gibt es derzeit keinen konkreten Zeitplan, einen 3D-Drucker – eines der Trend-Themen der Gegenwart – vorzustellen. Konkurrent HP hat Ende Oktober angekündigt, ab Mitte 2014 einen 3D-Drucker mit einer "neuen Technologie" auf den Markt zu bringen. Saak: „Man muss nicht immer unter den ersten sein, bei diesem Thema warten wir ab.“

Der neue Canon-Österreich-Chef

Peter Saak studierte Handelswissenschaften an der WU Wien und begann seine berufliche Karriere 1991 bei einem internationalen Mobiltelefon-Hersteller. 1994 stieg Saak bei Canon CEE als Produktmanager für Fax ein. Nach einigen Jahren im Produkt- und Marketingmanagement wurde er 2002 General Manager für Marketing & Support und war für den B2B-Geschäftsbereich von Canon CEE verantwortlich. Von 2008 bis Ende 2010 war Saak Country Director der Businessunit B2B von Canon Eurasia in Istanbul. Zurück in Wien, war er bis zuletzt als Managing Director von Canon CEE tätig und hatte die Verantwortung über insgesamt 24 Länder und 130 Mitarbeiter über. Peter Saak ist verheiratet, hat drei Töchter und passionierter Läufer – Halbmarathonbestzeit 1:36:58.

30 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr

Weltweit erwirtschaftete Canon im Vorjahr 30,3 Milliarden Euro Umsatz, Europa ist für fast ein Drittel des Umsatzes verantwortlich, etwa neun Milliarden Euro. Österreich erwirtschaftet zwei Prozent des europäischen Umsatzes, also etwa 180 Millionen. 50 Prozent des Umsatzes macht man in Österreich mit Konsumentenprodukten wie Digitalkameras, Camcordern, Druckern oder Projektoren, 50 Prozent mit B2B-Lösungen, von professionellen Produktionssystemen über multifunktionale Office-Systeme bis hin zu Softwarelösungen.

Kyosei

Canon produziert in eigenen Produktionsstätten innerhalb der Region, also in Japan, in Europa, in den USA und auch in China. Da Konkurrenten wie Apple mit ihren nach China ausgelagerten Produktionen regelmäßig kritisiert werden, gibt es strenge Regeln und Kontrollen: „Wo auch immer auf der Welt Canon agiert, es entspricht allen geltenden Gesetzen und Vorschriften sowie der Unternehmensethik“, so Saak. „Wir haben nicht nur einen eigenen Verhaltenskodex, sondern sind gegen Kinder- oder Zwangsarbeit.“ Canons Unternehmensphilosophie nennt sich „Kyosei“ und sei die Basis für Canons Wertesystem. „Kyosei“ ist japanisch und bedeutet „zusammen leben und arbeiten für das Wohl aller.“