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SAP

"Industrie 4.0 als Chance, Jobs in Europa zu halten"

Die deutsche Regierung sicherte in der Vorwoche Millionenhilfen für die Digitalisierung der Industrie – Stichwort Industrie 4.0 – zu. Auch Österreich fördert die "smarte Fabrik", um die heimischen Betriebe wettbewerbsfähiger zu machen. Der KURIER sprach mit SAP-Technikvorstand Bernd Leukert über den Wandel in der Arbeitswelt, neue Sicherheitsrisiken und die Notwendigkeit, den Datenverkehr "in der Wolke" zu regulieren.

KURIER: Stimmt es, dass Sie einer der "Väter" des Begriffs Industrie 4.0 sind?

Bernd Leukert: Die Initiative geht von unserem ehemaligen Konzernchef Henning Kagermann aus. SAP ist sicher der Vorreiter und Treiber des Themas in Deutschland und auf europäischer Ebene. In den USA spricht man eher vom Internet der Dinge.

Für den Begriff gibt es unterschiedlichste Definitionen. Wie sieht Ihre aus?

Es geht um die Vernetzung von Produkten und Dingen mit dem Internet und die daraus resultierenden Vorteile. In der Produktion kann in Zukunft eine Maschine die Information selbst tragen, wie groß ein Werkstück sein muss und diese Info an das Werkstück übertragen. Der zweite Schritt ist die Wartung. In Zukunft kann sich ein Produkt oder eine Maschine via Internet permanent updaten, Defekte erkennen, bevor sie Probleme verursachen. In der Produktion ist es ja von entscheidender Bedeutung, dass die Maschinen nicht ausfallen.

Letztlich geht es aber doch ganz profan um Einsparungen, ums billigere Produzieren?

Wenn Fehler vermieden werden, spart das auch Kosten, ja. Aber das Potenzial ist viel größer, es geht hier auch um Geschäftsmodelle und Services, die es heute noch gar nicht gibt.

Eine sich selbst organisierende Fabrik ersetzt natürlich auch den dort arbeitenden Menschen. Welche Jobs werden dann noch übrig bleiben?

Industrie 4.0 ist eine Chance für die Erhaltung und Aufwertung der Arbeitsplätze hier in Europa. Es ist heute schon viel Produktion in Billiglohnländer ausgelagert. Wer glaubt, jene Arbeitsplätze, die heute vorhanden sind und vielleicht in Zukunft nicht mehr nötig sind, erhalten zu müssen, wird sie gerade nicht erhalten. Weil er dann nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Wir sind in Europa eine Wissensgesellschaft und müssen auch aus diesem Wissen Kapital schlagen. Es kann doch nicht sein, dass wir unsere Jugend immer höher ausbilden und jedes Jahr noch mehr Maturanten haben, aber dieses Wissen dann ungenutzt lassen.

Die total vernetzte Fertigung ist ein großes Sicherheitsrisiko. Wie will man das in den Griff bekommen?

Sicherheit ist essenziell. Jeder Kunde muss entscheiden, ob er sein Datacenter selbst schützt oder ein Provider es besser schützen kann. Es braucht aber auch Rahmenbedingungen auf nationaler und europäischer Ebene. Welche Informationen sind überhaupt schützenswert? Wem gehören die Daten? Darf eine Suchmaschine sie vernetzen und auswerten? Da gibt es Graubereiche, wir brauchen hier Rechtssicherheit. Es muss eine europäische Richtlinie her.

Big-Data-Konzerne sind vor allem US-Internet-Riesen wie Google oder Facebook. Was hat Europa da entgegenzusetzen?

Die Internet-Riesen besitzen vor allem Konsumentendaten, nicht aber Unternehmensdaten. Es gibt eine große Zurückhaltung bei Firmen, ihre Daten einer anonymen Suchmaschine oder einer Public Cloud zur Verfügung zu stellen. Es ist nicht definiert, wer die Daten wie nutzt oder nutzen kann.

Stichwort NSA-Spionageskandal. Braucht es eine Art Schengen-Abkommen für den europäischen Datenverkehr?

Es braucht zumindest Klarheit. Immer wenn Grauräume bestehen, dann gibt es die Pessimisten, die gleich ein Horrorszenario malen. Wir können uns von der Digitalisierung aber nicht verabschieden. Die Digitalisierung ist essenziell für jedes Unternehmen. Wer sich dem nicht stellt, läuft Gefahr, dass er in fünf, sechs Jahren sein Unternehmen gefährdet. Er wird den Status-Quo anders nicht halten können.

Sind Industriebetriebe überhaupt schon bereit für die Cloud, also dafür, sich Anwendungen aus den Web zu holen und dafür ganze Geschäftsmodelle umzustellen?

Die Einstellung hat sich signifikant verändert. Vor zwei Jahren dachte man noch, das ist nur etwa für US-Unternehmen, doch heute beschäftigt sich quasi jedes Unternehmen damit. Die wenigsten wollen ihre komplette IT-Infrastruktur in die Cloud verlagern, so weit sind wir noch nicht. Da gibt es in den USA eine größere Bereitschaft. Es wird nicht alles in der Cloud sein. Die Entwicklung geht schleichend. Überall dort, wo sich Unternehmen nicht voneinander differenzieren, etwa im Personalwesen, der Rechnungslegung oder im Einkauf, da setzen sich standardisierte Cloud-Lösungen durch. Aber in den Kernprozessen, etwa der Produktion, wird es zunächst eher Hybrid-Lösungen geben.

Welche Branchen treiben das Cloud-Geschäft?

Es wird eher von Prozessen getrieben, etwa im Einkauf, Vertrieb oder Multi-Channeling. Hersteller steigen immer stärker selbst in den Handel ein oder entwickeln sich vom reinen Produzenten zum Systemanbieter.

Für SAP-Kunden, die ihre Software dann im Abo statt als Paket beziehen, wird es nicht unbedingt billiger, oder?

Da gibt es diverse Rechenbeispiele. Bei der jetzigen Vertriebsform gibt es nicht nur die Initialkosten, sondern auch der permanente Betrieb muss bezahlt werden. Das wird im Cloud-Betrieb natürlich billiger. Wenn aber individuelle Sonderlösungen gebraucht werden, dann kann es teurer werden.

Auch SAP stellt sich als Cloud-Company komplett neu auf. Welche Auswirkungen hat das auf die Mitarbeiter?

Es wird kein einziger Job bei uns komplett wegfallen, aber die Jobs werden sich verändern. Cloud wird das bevorzugte Konsummodell von Software werden, das verändert sämtliche Geschäftsprozesse nicht nur bei SAP, sondern auch bei unseren Partnern und Kunden. Dieser Transformationsprozess erfordert andere Fähigkeiten der Mitarbeiter. Vor allem im Service wird sich viel ändern. Wir sprechen da von einer One-Service-Organisation.

Das weltweit drittgrößte Softwareunternehmen wurde 1972 in Walldorf/Deutschland gegründet und beschäftigt weltweit 68.000 Mitarbeiter, davon rund 400 in Österreich. Weltweit nutzen mehr als 250.000 Kunden Unternehmenssoftware von SAP. Bernd Leukert ist seit Mai 2014 Mitglied des SAP-Vorstandes und zuständig für Produkte & Innovationen. Leukert ist seit 1994 bei SAP, er begann als Software-Entwickler für SAP R/3.

Konzernchef Bill McDermott baut das Unternehmen zur reinen „Cloud-Company“ um. Hat SAP früher vor allem an seiner Standardsoftware und dessen Support in den Folgejahren verdient, so bietet man jetzt Programme, auf die Unternehmen via Internet zugreifen. Bezahlt wird auf Mietbasis. Dahinter steht die SAP-eigene Datenbanktechnologie Hana, die zu einer eine Art Industrieplattform ausgebaut werden soll.

Gewinnwarnung

Die Umstellung des Geschäftsmodells auf die Cloud versetzt den Gewinnaussichten von SAP für heuer einen Dämpfer. In der Vorwoche wurde die Prognose für das operative Ergebnis in diesem Jahr von 5,8 auf 5,6 Mrd. Euro gesenkt - nach 5,48 Mrd. im Vorjahr. Das Umsatzziel für Cloud-Software hob SAP jedoch leicht auf 1,04 bis 1,07 Mrd. Euro von bisher 1,00 bis 1,05 Mrd. Euro an. Die jüngst angekündigte Übernahme des US-Unternehmens Concur, einem Anbieter von Software zum Dienstreisemanagement, ist noch nicht enthalten, da sie erst Anfang 2015 vollzogen wird.

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