B2B
05.10.2015

Jack Dorsey muss Twitter durch schwierige Zeiten führen

Jack Dorsey muss bei der Rückkehr an die Firmenspitze von Twitter beweisen, dass es ein Geschäftsmodell gibt, mit dem das Unternehmen gewinnbringend arbeiten kann.

Jetzt kommt es bei Twitter wieder ganz auf den Mann an, der den allerersten Tweet in die Welt setzte. Jack Dorsey, mit 38 Jahren bereits ein vertriebener Twitter-Chef, gescheiterter Masseur und erfolgreicher Gründer eines Bezahldienstes, soll es richten. Denn der von ihm erfundene Kurznachrichten-Dienst hat es zwar geschafft, zum Nervensystem für heiße News aus aller Welt zu werden. Doch das ist noch kein Geschäftsmodell. Und in neun Jahren ist es keinem gelungen, Twitter in die schwarzen Zahlen zu bringen.

Dorsey versprach am Montag als erstes mehr Tempo. „Mein Fokus ist es, Teams aufzubauen, die sich schnell bewegen - und schneller lernen“, verkündete er - standesgemäß via Twitter - nach seiner Ernennung zum ständigen Firmenchef. Geschwindigkeit ist das größte Problem von Twitter in den Augen der Wall Street. Denn die Investoren verzeihen auch Dauer-Verluste, solange sie eine Wachstums-Story dahinter sehen. Auch bei Twitter reichte ihnen lange die Hoffnung, dass der Online-Dienst seine Rolle als Nachrichten-Drehscheibe in ein funktionierendes Business ummünzen kann. Viele haben diese Hoffnung verloren: Dorsey übernimmt eine Firma, die nur noch halb so viel wert ist wie vor dem Absturz nach enttäuschenden Zahlen im April.

Dabei ist Dorsey jemand, der das Problem sozusagen in die Twitter-DNA mit implantiert hat: Er und seine Mitgründer verzichteten in den Anfangsjahren bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Es ging darum, schnell mehr Mitglieder zu gewinnen, ans Geldverdienen dachte niemand.

Gesponserte Tweets

Irgendwann war es jedoch soweit - und dann stand die Frage im Raum, wie Anzeigen überhaupt in das Twitter-Konzept reinpassen. Dorseys Vorgänger Dick Costolo setzte auf Anzeigen in Form „gesponserter“ Tweets, die ähnlich wie bei Facebook in den Nachrichtenstrom der Nutzer eingespeist werden. Das Ergebnis zum Ende der Costolo-Ära im zweiten Quartal dieses Jahres: Gut eine halbe Milliarde Dollar Umsatz - und weitere tiefrote Zahlen von fast 137 Millionen Dollar. Und schlimmer als das, der Zustrom neuer Nutzer war zuletzt nur noch ein Tröpfeln. Binnen drei Monaten stieg die Zahl aktiver Mitglieder nur um 2 auf 304 Millionen, wenn man die Leute weglässt, die Twitter etwa in Indien oder Brasilien nur über SMS-Nachrichten nutzen.

Dorsey bekommt nun eine Chance, sich am Mythos von Steve Jobs zu versuchen, der ultimativen Erfolgsgeschichte des Silicon Valley: Der verjagte Gründer, der zurückkommt, um seinem Baby aus der Patsche zu helfen - und nebenbei noch eine neue Firma führt. Jobs war 1985 bei Apple herausgedrängt worden. Gut ein Jahrzehnt später kam er zurück und machte dank iMac, iPod und iPhone aus dem Pleitekandidaten eine Milliarden-Geldmaschine. Zugleich blieb er Chef des Animationsstudios Pixar, das die Filmbranche mit „Toy Story“ veränderte.

Square

Dorsey darf nun seinen Bezahldienst Square weiterführen, der als Börsenkandidat gilt. Und hier hören die Parallelen nicht auf: Für beide endete die erste Zeit bei den von ihnen mitgegründeten Firmen ruhmlos. Jobs galt als unkalkulierbarer egozentrischer Hitzkopf. Dorsey verstrickte sich in seinem ersten Versuch als Twitter-Chef laut Erinnerungen damaliger Weggefährten in kleinlichen Intrigen und sorgte für böses Blut bei Kollegen, wenn er sich am frühen Nachmittag zu Yoga-Kursen oder Zeichen-Stunden aufmachte. Jetzt loben aber in Medienberichten anonyme Mitarbeiter in höchsten Tönen, dass er bei Square zu einem gestandenen Manager gereift sei.

„Just setting up my twttr“, er werfe einfach sein Twitter an, lautete im März 2006 die von Dorsey verfasste erste erhaltene Nachricht in der damaligen Schreibweise. Der Service lief zu der Zeit noch über SMS, was auch das Limit von 140 Zeichen einbrachte, das trotz ganz anderer Technik heute noch gilt. Laut Medienberichten soll Dorsey aber bereits an einem neuen Produkt arbeiten, das diese Beschränkung sprengen soll.