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Start-up
02/29/2012

Podio: Firmen-Facebook auf Servern in der EU

Eine ganze Reihe an österreichischen Start-ups setzt bei der eigenen Arbeit auf ein dänisches Online-Netzwerk für Mitarbeiter, das im Facebook-Stil das Intranet ersetzt. Viele Vorteile stehen einigen Nachteilen gegenüber, wie die futurezone von den Start-ups auf Nachfrage erfuhr.

von Jakob Steinschaden

Bei großen internationalen Konzernen wie Ford, Chevron, LG oder BMW ist die Botschaft, dass zeitgemäße interne Kommunikation weniger wie die Hauspost und mehr wie Facebook aussieht, bereits angekommen. Sie setzen bereits auf so genannte Enterprise Social Networks: Anstatt unzählige eMails zu versenden, loggen sich die Mitarbeiter in diesen Firmen in soziale Business-Software ein, um zu kommunizieren, an Aufgaben zu arbeiten oder Termine auszumachen. In den USA haben sich mit Yammer (4 Millionen Nutzer, u.a. genutzt bei eBay, Groupon), Basecamp (5 Millionen Nutzer,  und Chatter von Salesforce (bei mehr als 100.000 Firmen im Einsatz, z.B. Qualcomm) drei populäre Lösungen herauskristallisiert.

Dänischer Dienst mit europäischen Servern
In Europa gibt es bei Unternehmen nach wie vor große Skepsis, interne Firmendaten auf die Server eines US-Anbieters auszulagern und so theoretisch der US-Regierung via "Patriot Act” zugänglich zu machen. Das erklärt womöglich auch, dass das Start-up Podio aus Kopenhagen immer populärer wird. "Wir sind auf den Servern von Amazon in Europa gehostet, was sicherlich ein Vorteil für europäische Unternehmen ist”, sagt der Österreicher Adrian Roessler (Bild), der seit kurzem fürs Business Development bei Podio zuständig ist und zuvor bei DailyDeal Österreich tätig war.

In Österreich hat es die "Social Work Platform” vor allem der heimischen Start-up-Szene angetan: Die Medikamenten-Suchmaschine Diagnosia, der Produktempfehlungs-Dienst Finderly, das Jobvideo-Portal Whatchado, die nach London ausgewanderte Modedesigner-Plattform Lookk (ehemals Garmz), der Online-Prospekte-Anbieter MeinKauf.at oder die Veranstalter STARTeurope, sie alle haben zur internen Kommunikation und Zusammenarbeit auf Podio umgesattelt. Weltweit 40.000 Firmen (v.a. Agenturen, Werbe- und Mediaunternehmen, davon einige Hundert in Österreich) setzen auf den Cloud-Dienst, prominentester Kunde ist dabei wohl Twitter.

Podio in der Praxis
"Podio hat bei uns interne eMails komplett ersetzt”, sagt Ali Mahlodji, Gründer und CEO von Whatchado. Seine zwölf Mitarbeiter plus drei externe Freelancer würden den Dienst bereits intensiv nutzen. Laut Podio könne die Web-Software in Firmen mit bis zu 500 Mitarbeitern die Funktion des Intranet übernehmen. "Die Usability ist großartig, Podio ist sehr ähnlich wie Facebook aufgebaut und deswegen schnell erlernbar”, sagt Andreas Tschas von STARTeurope, wo etwa 20 Mitarbeiter den Dienst nutzen. Nach einer Eingewöhnungsphase sei Podio sehr einfach zu nutzen.

Die bevorzugten Anwendungszenarien neben interner Information und Kommunikation: Projekt-Management und virtuelle Zusammenarbeit. Grundlegendes Tool sind die "Workspaces”, in die man Kollegen oder Kunden einlädt und dort Aufgaben verteilen, Termine festlegen oder Dateien hochladen kann. Für Gratis-Nutzer steht je ein Gigabyte zur Verfügung, Premium-Nutzer bekommen unbegrenzten Online-Speicher. Kostenpunkt: 9 Dollar pro Monat pro Nutzer, große Firmen bekommen Mengenrabatt, externe Kollaborateure können kostenlos eingeladen werden.

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Ein eigener App Store
Zuletzt hat Podio auch eine Anbindung an Googles Online-Büro-Software "Docs” geschaffen, der wirkliche Erfolgsfaktor dürfte aber der von vielen Seiten gelobte App Store sein. "Intranet”, "Meetings”, "Milestones”, "Vacations”, "Team Blog” - für verschiedenste Tätigkeitsbereiche gibt es vorgefertigte Apps (derzeit allesamt kostenlos), die dem gewünschten Workspace zugeteilt werden kann und entsprechende Funktionen freischaltet. "Nutzer können außerdem eigene Apps mit simplem Drag&Drop bauen”, so Podio-Manager Rössler. Allerdings sind einigen Nutzern, wie die futurezone erfuhr, die Möglichkeiten der Apps zu eingeschränkt und erlauben nicht alles, was in der Arbeitswelt nützlich wäre. Eine ganz banale Sache: Es gibt etwa keinen Video- oder Text-Chat, über die man einzelne Mitarbeiter (z.B. externe) unkompliziert erreichen könnte.

Mobil ist Podio über Apps für iPhone und Android nutzbar. "Unsere Android App funktioniert dank Ice Cream Sandwich bereits auf vielen Tablets”, sagt Rössler. Offen ist noch eine iPad-App, die den Funktionsumfang adäquat auf den Touchscreen des Apple-Tablets bringt - bei den österreichischen Anwendern ein oft genannter Wunsch.

Grenzen
So gut Podio intern funktioniert, so sehr braucht das Firmen-Facebook noch eine Anbindung nach draußen. "Noch ist es kein Ersatz für externen eMail-Verkehr”, sagt Katharina Klausberger, Mitgründerin von Finderly. Beim jungen Wiener Start-up nutzen derzeit vier Mitarbeiter Podio. Zwar kann man per eMail Statusnachrichten, Aufgaben und neuen Content an Podio schicken, doch eine Nachricht au dem eigenen Podio-Account an eine externe eMail-Adresse zu schicken ist nicht möglich - der Parallelbetrieb einer Firmen-Mail ist deswegen weiterhin notwendig.

Insgesamt sei ein "Grundvertrauen notwendig”, die Firmendaten an Podio auszulagern, sagt Klausberger. Lokale Backups könne man zwar über den Export etwa von Excel- oder CSV-Dateien machen, doch generell sei es eben ein Cloud-Service, das nach Cloud-Grundregeln funktioniere. "Die Uptime von Podio beschäftigt zwei unserer Entwickler Vollzeit und liegt nach meiner kurzen Hochrechnung bei 98 Prozent im vergangenen Monat”, so Podio-Manager Rössler in Bezug auf mögliche Ausfälle. Und sollte es einer Firma einmal nicht mehr bei Podio gefallen und zur Konkurrenz ziehen: "Mittels Excel-Import-Export geht vieles, mit unserer offenen API alles
was das Herz begehrt - je nachdem was für Anknüpfungsmöglichkeiten die anderen Tools anbieten.” STARTeurope-Mitgründer Andreas Tschas sieht aber den Trend in die andere Richtung: "Es werden noch viele andere österreichische Start-ups auf Podio setzen.”

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