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B2B
03/19/2019

Wien Energie: "Feuerwehr fürs Stromnetz ist kein Geschäftsmodell"

Wien Energie kritisiert das heimische Engpassmanagement und setzt große Hoffnungen in Blockchain-Lösungen.

Der Energiedienstleister Wien Energie warnt bei seiner Jahrespressekonferenz, dass der Ausbau erneuerbarer Energien das österreichische Stromnetz auf eine harte Probe stelle. Im Vorjahr bat der Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid die Wien Energie „fast jeden zweiten Tag um Hilfe, um die Versorgung aufrecht zu erhalten“, so Wien-Energie-Geschäftsführer Michael Strebl. Allein bis Oktober wurde man im Rahmen des Engpassmanagements „145 Mal punktuell um Hilfe gebeten“, seit Herbst sei man nahezu dauerhaft zur Netzstabilisierung im Einsatz.

Strebl kritisiert vor allem, dass dieser Zustand dauerhaft nicht zu finanzieren sei. "Die Zurverfügungstellung unserer Kraftwerke als Feuerwehr fürs Stromnetz ist kein Geschäftsmodell." Der im Vorjahr vereinbarte Drei-Jahres-Vereinbarung zwischen den Strom- und Netz-Anbietern über die Reserveleistung erlaube zwar einen kostendeckenden, aber keinen profitablen Betrieb. „Um weiterhin Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müssen wir in die Instandhaltung der Anlagen investieren. Dafür brauchen wir Planungssicherheit und langfristig klare Rahmenbedingungen, sonst sehen wir uns gezwungen, einzelne Anlagen oder ganze Kraftwerke schließen zu müssen.“

Konkret stehe unter anderem eine Schließung des Wald-Biomassekraftwerks Simmering im Raum, dessen Förderung Ende Juli ausläuft und das modernisiert werden müsse. Um eine derartige Investition rechtfertigen zu können, muss man auch entsprechende Einnahmen vorweisen können. „Man finanziert auch die Feuerwehr nicht nur dann, wenn sie im Einsatz ist“, kritisiert Strebl die aktuelle Regelung.

Hoffen auf Photovoltaik und Blockchain

Langfristig wolle man vor allem den Anteil an Photovoltaik massiv erhöhen. Derzeit sind in Wien Photovoltaik-Anlagen mit 17 Megawatt Gesamtleistung vorhanden, dieses Jahr sollen 15 Megawatt dazukommen. Bis 2030 will man 600 Megawatt Gesamtleistung erreichen. Dazu will man vor allem Privatpersonen und Unternehmen miteinbeziehen, die auf ihren Dächern Photovoltaik-Anlagen installieren sollen. In Wien seien knapp zehn Prozent der Dachflächen dafür geeignet.

Um die effiziente Einspeisung des lokal produzierten Stroms zu ermöglichen, wolle man verstärkt in sogenannte „Local Energy Communities“ investieren, die durch das „Clean Energy Package“ der EU-Kommission ermöglicht werden. Bislang durften lediglich Mehrparteienhäuser gemeinschaftliche Stromproduktion betreiben, durch die EU-Regelung soll das auf Kommunen und Stadtviertel ausgeweitet werden. Diese können sich künftig zusammenschließen, um lokal Strom für den eigenen Bedarf zu produzieren und weiterzuverkaufen.

In den „kommenden Wochen und Monaten“ soll im Wiener „Viertel Zwei“ eine derartige Lösung, bei dem die Bewohner ihren lokal produzierten Strom über die Blockchain handeln können, erprobt werden. Ohnedies sei laut Strebl „2019 das Jahr der Blockchain“ und man wolle verstärkt in die Technologie investieren. Auch für den Großhandel kam die Technologie bei Wien Energie bereits zum Einsatz. „Das sind keine bloßen Powerpoint-Folien für uns, auf denen der Begriff einfach vorkommt“, betont Strebl. Man setze nicht wegen des Hypes der vergangenen Jahre auf die Technologie.

Sicherheit: "Man muss schauen, dass man voraus ist"

Bis 2023 will Wien Energie eine Milliarde Euro in die Themen Erneuerbare Energien (500 Millionen), Versorgungssicherheit (380 Millionen Euro) und Innovation (120 Millionen Euro) investieren. Dazu zählt unter anderem auch die Vereinbarung mit der Stadt Wien, bis 2020 1000 Ladestationen für Elektroautos zu installieren. Allein dieses Jahr sollen 550 Ladestationen aufgestellt werden und man wolle über die Vereinbarung hinaus „stark investieren“.

Konkrete Zahlen nannte man am Dienstag jedoch nicht. Ebenso äußerte man sich nicht näher dazu, ob die Investitionen in die Versorgungssicherheit auch verstärkten Schutz gegen Hackerangriffe beinhalten. Man befinde sich aber in einer „hervorragenden Ausgangssituation“, da die Kraftwerke voneinander unabhängig seien und laufend geprüft werden. „Es ist aber ein laufendes Thema bei uns und man muss immer schauen, dass man den anderen voraus ist“, sagt Geschäftsführer Peter Gönitzer.