B2B
21.08.2012

Wien verliert als IT-Standort an Bedeutung

Am Montag wurde bekannt, dass Nokia seinen Standort Wien auflöst und das Headquarter nach Budapest verlagert. Auch IBM hat Wien vor einigen Jahren den Rücken gekehrt. Wirtschaftsexperten zeigen sich von den Verlagerungen in Richtung Osten nicht überrascht.

Österreich galt traditionell immer als Brücke in den Osten, auch für IT-Unternehmen. Grund ist neben der geografischen Lage der Umstand, dass in Wien seit jeher ein großes Netzwerk an Dienstleistern existiert, die Erfahrung in Hinblick auf den Ostraum gesammelt haben. Das hat dazu geführt, dass Branchenriesen wie Hewlett Packard, IBM oder Siemens in der Bundeshauptstadt regionale Hauptquartiere aufgebaut haben, die auch eine Reihe an osteuropäischen Ländern betreuen. Insgesamt befinden sich alleine in Wien zwischen 200 und 300 derartiger Hauptquartiere, die laut Schätzungen insgesamt rund 9.000 Mitarbeiter beschäftigen. Wirtschaftsforscher sehen diese Brückenfunktion vermehrt in Gefahr, was sich auch im Abzug der Osteuropazentrale von IBM nach Prag und der Auflösung von Nokia Österreich (die futurezone hat

) manifestiert.

Langfristige Entwicklung
Marcus Scheiblecker, Wirtschaftsexperte vom WIFO, ortet hier eine Entwicklung, die sich schon seit längerem abzeichnet: "Einen neuen Schub an Abwanderungen kann ich derzeit nicht ausmachen, der Trend hat schon vor einiger Zeit eingesetzt", erklärt er im Gespräch mit der futurezone. Politische Entwicklungen wirken sich auch auf Österreich aus: "Wien als Headquarter war früher einfach bedeutender als heute." Besonders seit dem EU-Beitritt von Ländern wie der Tschechischen Republik oder Ungarn haben sich viele Unternehmen dazu entschieden, nach Prag oder Warschau zu ziehen.

"Natürlich spielen hier finanzielle Gründe mit, viele Länder versuchten Unternehmen mit steuerlichen Vergünstigungen zu locken, die in Österreich einfach nicht geboten werden." Im konkreten Fall von Nokia sei es schwer, einen eindeutigen Grund für den Abzug in Richtung Budapest auszumachen. "Der derzeitige Forint-Wechselkurs könnte natürlich ein Faktor sein", so Scheiblecker.

Brückenkopf schließt sich
Auch Wirtschaftsexperte Andreas Zach, der eine Studie zur Thematik verfasst hat, sieht die Bedeutung von Wien abnehmend: "Faktum ist, dass sich die Rolle von Wien als Brückenkopf für Mittel- und Osteuropalangsam schließt." Mehr und mehr Unternehmen entscheiden sich, die Osteuropaaktivitäten von der Europazentrale, die oft in Städten wie London oder Genf liegt, aus zu führen", sagt er gegenüber der futurezone. Zach ortet hier auch Versäumisse der Politik: "Notwendige Infrastrukturmaßnehmen wie Ausbau der Autobahn und Erweiterung des Flughafen Wien-Schwechat sind einfach viel zu spät gekommen."

Positive Stimmen
In den österreichischen Wirtschaftsagenturen erkennt man zwar den Trend an, sieht aber insgesamt keine negativen Auswirkungen. "Branchenübergreifend nimmt die Zahl an Hauptquartieren in Österreich zu", erklärt René Siegl, Leiter der Betriebsansiedlungsagentur Austrian Business Agency (ABA). Das Wachstum sei zwar klein, aber dennoch vorhanden. Gründe für eine Abwanderung aus Österreich seien "sehr spezifisch" und haben nicht zwangsweise mit der Standortqualität zu tun. Osteuropäische Märkte, die lange Zeit von Wien aus gesteuert wurden, brauchen das einfach auch nicht mehr, da die Länder auch EU-Mitglieder sind.

Auch technische Kommunikationsmöglichkeiten spielen eine große Rolle. Besprechungen und Entscheidungen werden nicht mehr persönlich, sondern per Videokonferenz getroffen: "Oft sagen die Unternehmen auch einfach, dass sie kein regionales Hauptquartier mehr brauchen", so Siegl.

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