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Trend 3D-Drucker bringen Sex-Toy-Industrie in Schwung.

Wer einen 3D-Drucker zu Hause hat, kann bereits jetzt erste Designs ausdrucken, muss aber die Oberfläche behandeln
Wer einen 3D-Drucker zu Hause hat, kann bereits jetzt erste Designs ausdrucken, muss aber die Oberfläche behandeln - Foto: SexShop3D
Die Sex-Toy-Industrie hat 3D-Druck für sich entdeckt und bietet nun 3D-Modelle von Dildos und anderen Spielzeugen online an. Doch die Technologie birgt noch viele Risiken.

Auch wenn “Rule 34” eigentlich ein Scherz sein sollte, die goldene Regel des Internets lag selten falsch. Sie besagt: Wenn etwas existiert, dann gibt es das als Porno. Daher waren wohl viele erfahrene Internet-Nutzer nicht sonderlich verwundert, als Maker Love angekündigt wurde. Auf der Plattform können Nutzer ihre eigenen Designs von Sex-Spielzeugen, wie zum Beispiel Dildos und Butt Plugs, teilen. Zugegeben, Sex-Spielzeuge fallen nicht unbedingt in die Kategorie “Pornografie”, dennoch ist die Verbindung zur milliardenschweren Porno-Branche gegeben.

15 Milliarden Dollar

Maker Love ist kein Einzelfall. Mit den sinkenden Preisen für 3D-Drucker ist auch unter Herstellern von Sex-Spielzeugen ein wahrer Hype um die neue Technologie entstanden. Selbst im US-Film “Bad Neighbors” kamen 3D-Drucker zum Einsatz, um Sex-Spielzeuge herzustellen. Die Branche, die Schätzungen zufolge 15 Milliarden US-Dollar pro Jahr umsetzt, setzt ihre Hoffnungen auf 3D-Druck, wie Tom Nardone, Gründer von Maker Love, im Gespräch mit der futurezone betont: “Der größte Vorteil ist Privatsphäre. Man muss das Spielzeug nicht mehr irgendwo kaufen und niemand weiß, dass ich es besitze. Das hielt bislang viele mögliche Kunden davon ab, Sex-Spielzeug zu kaufen.” Bereits das Internet hätte für einen sprunghaften Anstieg der Verkaufszahlen gesorgt. Standard Innovation, ein US-Hersteller von Sex-Spielzeugen, begann vor fünf Jahren, 3D-Druck für Prototypen einzusetzen. Seitdem konnte der Umsatz um 50 Millionen US-Dollar gesteigert werden, vor allem aufgrund deutlich gesenkter Entwicklungskosten.

MakerLove
Foto: MakerLove
Nardone hat Erfahrung mit dem Geschäft. Seit 1998 betreibt er zahlreiche Online-Shops, viele davon handeln mit Sex-Spielzeug, unter anderem Vibrators.com. Maker Love fiel bislang vor allem durch seine kuriosen Designs auf, die von den Nutzern eingereicht werden. So gibt es einen Dildo in Form von Justin Biebers Kopf, eine Siegmund Freud-Büste (der “Freaky Freud”) oder eine Hello Kitty-Figur (“The Hello Pussycat”). Die Designs besitzen Öffnungen, in die ein Vibrator gesteckt werden kann. Bislang gibt es nur wenige Modelle zum Download, laut Nardone sollen schon bald noch Penisringe und “andere Spielzeuge” dazukommen.

Dongiverse und andere Anbieter

Zahlreiche andere Plattformen sind dem Beispiel von Maker Love gefolgt. So ist Dongiverse ursprünglich als Parodie auf Thingiverse gestartet, versteht sich nun aber auch als Plattform für 3D-Modelle von Sex-Spielzeugen. Thingiverse, die Makerbot-Plattform für 3D-Modelle, verbietet derzeit Objekte, die “sexuell freizügig”, “pornografisch”, “vulgär” oder “obszön” sind. Nardone hat vor der Gründung von Maker Love vergeblich versucht, seine Modelle auf Thingiverse hochzuladen, wurde jedoch immer wieder abgelehnt. Viele Nutzer umgehen das Verbot, indem sie ihre Modelle unter falschem Namen hochladen, beispielsweise als “Kleiderhaken”, doch das wollte Nardone nicht. Nach einem Gespräch mit dem Anwalt von Thingiverse gab er es auf und gründete Maker Love.

SexShop3D
Foto: SexShop3D
SexShop3D verfolgt einen etwas anderen Ansatz und verlangt Geld für seine Designs. Pro Modell werden fünf Dollar fällig, die Auswahl ist derzeit noch auf acht Varianten beschränkt. Diese können von den Nutzern jedoch den eigenen Bedürfnissen angepasst werden. Bei FrenchCoqs kann der Kunde wiederum einen eigenen Dildo entwerfen oder ein 3D-Modell mit der Hilfe von Foto-Aufnahmen anfertigen lassen.

Dildo-Generator
Foto: Screenshot
Auf der diesjährigen re:publica in Berlin stellte zudem Henning Diesenberg, ein deutscher Entwickler, seinen “Dildo-Generator” vor. Der Online-Generator ermöglicht es, mittels Bezierkurven das 3D-Modell eines simplen Dildos zu erstellen. Das Modell kann anschließend als STL-Datei heruntergeladen werden. Auf der re:publica leitete Diesenberg auch einen Workshop, bei der die Dildo-Produktion mithilfe von 3D-Druck erklärt wurde. Dabei wurden die Dildos aber nicht direkt mit dem 3D-Drucker hergestellt, sondern mit Gussformen. In diese wurde heißes Silikon gegossen. Ein Berliner Shop bietet passende Kits an und druckt die Gussform auf Wunsch aus.

Gefahr von Geschlechtskrankheiten

Dennoch ist man in den Möglichkeiten derzeit begrenzt. “Das ist alles, was mit derzeit verfügbaren 3D-Druckern möglich ist. Ich glaube, es wird noch lange dauern, bis komplexere Gegenstände mit 3D-Druckern hergestellt werden können”, so Nardone. Vor allem die Oberfläche bereitet Probleme. 3D-Drucker, die mit einem Schmelzschichtverfahren arbeiten, tragen Kunststoff in dünnen Schichten von üblicherweise 0,1 Millimetern auf. Das klingt nach wenig, führt aber zu relativ rauen Oberflächen, die für den Einsatz als Sex-Spielzeug nicht tauglich sind. Die raue Oberfläche ist aber nicht nur unangenehm, sie kann zudem gefährliche Bakterien beherbergen und so zu Geschlechtskrankheiten führen. Auch Desinfizieren vor der Benutzung hilft da nicht, ein hohes Restrisiko verbleibt.

MakerLove
Foto: MakerLove
Daher muss die Oberfläche grundsätzlich nachbearbeitet werden, beispielsweise mit Aceton und feinem Schleifpapier. Darauf weisen auch Dongiverse und SexShop3D hin. Ein Laie dürfte hier bereits aufgeben, das perfekte Produkt hat man jedoch erst nach einer abschließenden Behandlung mit einem Silikon-Gel. Das ist eine Hürde, die aus Sicht von Nardone noch länger bestehen könnte: “Wenn die Druckauflösung besser wird, wird es sicher einen Punkt geben, an dem das Nachbearbeiten nicht mehr notwendig ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das bald passieren wird.”

Abhilfe könnten auch aus Keramik gedruckte Spielzeuge, wie sie von Cunicode entwickelt werden, schaffen, die eine deutlich glattere Oberfläche besitzen und sofort einsatzfähig wären. Nachteil von Keramik und dem für den Körper verträglichen Kunststoff ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) ist jedoch, dass diese relativ steif sind. Die Branche setzt meist für die Massenherstellung von Sex-Spielzeugen auf das flexible Silikon, aber auch Materialien wie Glas oder Metall gelten als sicher.

Personalisierte Dildos

Das New York Toy Collective, ein Fachgeschäft für Sex-Spielzeuge in New York, ist bereits einen Schritt weiter. Vergangenes Jahr sorgte der Shop für Aufsehen, als er rund um den Valentinstag und der Weihnachtszeit exakte Kopien von Penissen als Dildo anbot. Für 250 US-Dollar wurde ein persönlicher Termin in einem Hotel-Zimmer vereinbart, bei dem der Penis in wenigen Minuten mit Hilfe eines professionellen Scanners aufgenommen wurde. Aus dem Scan wird mit Hilfe eines 3D-Druckers eine Form erzeugt, mit der der Dildo aus Silikon gegossen wird. Das zeitlich begrenzte Angebot stieß laut den Gründern auf hohe Nachfrage, vor allem aufgrund des hohen Detailgrads. So ließ beispielsweise die Transgender-Künstlerin Rebecca Kling ihren Penis vom New York Toy Collective scannen, um aus dem 3D-Modell “Penis-Kerzen” herzustellen. Diese bot sie Unterstützern als Anreiz bei ihrer Crowdfunding-Kampagne an, mit der sie eine Operation finanzierte.

“3D-Druck ermöglicht es uns, einzigartige Produkte für Nischen herzustellen, die ansonsten von der Sex-Industrie nicht bedient werden”, so Laura Parker, eine Mitbegründerin des New York Toy Collective, gegenüber der futurezone. Wie auch andere Hersteller setzt das New York Toy Collective auf 3D-Druck, um neue Produkte zu entwickeln oder auf Sonderwünsche von Kunden einzugehen. “Hin und wieder wollen unsere Kunden Venen oder Hautfalten vergrößert oder haben oder fordern das Modell in einer anderen Größe an. Gelegentlich treten Kunden auch mit vollkommen neuen Ideen an uns heran.”

Kein Erfolgsfaktor wie VHS

Dass Sex-Spielzeuge nun 3D-Druckern zum endgültigen Durchbruch auf dem Massenmerkt verhelfen werden, glauben sowohl Nardone als auch Parker nicht. Für Nardone gibt es zwar “etwas Nachfrage nach 3D-gedruckten Sex-Spielzeugen”, die technischen Hürden seien aber noch zu groß. “Hoffentlich sehen die Menschen durch Projekte wie Maker Love, dass 3D-Drucker eine Rolle in ihrem Leben spielen können”, sagt Nardone. Laura Parker vom New York Toy Collective sieht ebenfalls noch viel Aufklärungsarbeit vor sich: “Sex ist ein sehr motivierender Faktor, um bestehende Technologien zu verbessern. 3D-Drucker für den Heimgebrauch müssen aber noch einen langen Weg bestreiten, bevor sie zu einem alltäglichen Haushalts-Gegenstand werden.”

Frage des Tages


Bitte um mitspielen zu können.
  • Was halten Sie von Sex Toys aus dem 3D-Drucker?


(futurezone) Erstellt am 19.08.2014, 06:00

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