Digital Life
24.01.2015

Computerprogramm kauft selbstständig Drogen im Netz

Im Rahmen eines Schweizer Kunstprojektes hat ein Stück Software Drogen erstanden. Die futurezone hat nachgefragt.

Die Mediengruppe Bitnik hat mit einer Ausstellung in Sankt Gallen international für Aufsehen gesorgt. Ausgestellt wurden nämlich unter anderem Gegenstände und Waren, die ein Stück Software automatisiert im Internet erstanden hat. Für die Dauer der Ausstellung hat der “Random Darknet Shopper” wöchentlich für 100 US-Dollar zufällig ausgewählte Waren in den dunklen Ecken des Internets erstanden, darunter etwa auch zehn Ecstasy-Pillen im Wert von rund 50 US-Dollar. “Unsere Motivation kommt beispielsweise durch die Snowden-Enthüllungen. Wie soll man als Künstler, der täglich mit dem Netz arbeitet, damit umgehen, dass dieses Medium mittlerweile die größte Überwachungsmaschine aller Zeiten geworden ist? Wir suchen nach den Nischen, die es noch gibt”, erklärt Domagoj Smoljo von der Mediengruppe gegenüber der futurezone.

Bitnik

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Mit dem Bot wollten die Künstler darstellen, wie Anonymität und Identität im Netz funktionieren. “Es war klar, dass da vielleicht auch illegale Waren ankommen. Uns hat einfach interessiert, wie Vertrauen in einem anonymen Netzwerk entsteht. Das lässt sich auf Märkten gut testen, da es hier tatsächlich um Geld und Waren geht”, so Smoljo. Angekommen sind trotz der Aura des Mystischen, die anonyme, auf Bitcoins basierende Marktplätze im Netz umgibt, vorerst recht banale Dinge. “Wir haben Hosen, Schuhe und Bücher bekommen”, erzählt der Künstler.

Echte Drogen?

Selbst bei den mutmaßlich illegalen Waren ist derzeit noch nicht gesichert, ob sie tatsächlich gegen das Gesetz verstoßen. “Wir haben Kreditkarteninformationen bekommen, möglicherweise gefälschte Markenklamotten und eben die Ecstasy-Tabletten, die bisher aber ebenfalls noch nicht getestet wurden”, so Smoljo. Die Drogenlieferung ist schon im November des vergangenen Jahres in der Galerie angekommen, wo sie anschließend ausgestellt wurde. Passiert ist dann länger nichts. Durch das Medieninteresse an der Geschichte ist irgendwann aber auch die Polizei aufmerksam geworden.

“Am Montag vergangene Woche, einen Tag nach Ende der Ausstellung, ist der Staatsanwalt mit einem Polizisten in die Galerie gekommen und wollte die Pillen testen. Da das aufgrund der Verpackung der Waren nicht möglich war, haben die Beamten die ganze Kiste mit unseren Ausstellungsstücken konfisziert und mitgenommen”, sagt Smoljo. Zu einer Anzeige ist es bislang noch nicht gekommen. Die Polizei ermittelt aber gegen unbekannt. “An den Objekten haben die eigentlich kein Interesse, es ging vorrangig um die Vernichtung der Drogen. Hier muss der Staat eingreifen, um die Gefährdung Dritter zu verhindern”, so Smoljo.

Kunst hat Recht

Mit einer Anzeige rechnen die Künstler aber auch in Zukunft nicht. “Wir haben uns von einem ausgewiesenen Experten vorab beraten lassen. Der hat uns gesagt, dass das im Rahmen einer Kunstausstellung kein Problem sein sollte. Wir sind ebenfalls der Meinung, dass Kunst das dürfen muss, es gibt ja auch öffentliches Interesse an der Thematik. Sollte doch noch eine Anklage kommen, werden wir wohl in Berufung gehen”, erklärt der Künstler. Dadurch, dass die gekauften Waren maximal 70 Dollar kosten durften, haben sich die Künstler zudem zumindest ein wenig abgesichert.

“Die Frage, wer verantwortlich ist, wenn Software Gesetze bricht, wird uns in den kommenden Jahren sicher noch beschäftigen. Das wollten wir herausstreichen. Derzeit warten wir drauf passiert und hoffen, dass wir unsere Objekte bald zurückbekommen”, erklärt Smoljo. Der Bot läuft seit Ende der Ausstellung am Sonntag letzte Woche nicht mehr. Ob das Projekt weiter verfolgt wird, oder andere Aktionen mit ähnlicher Zielsetzung folgen werden, wissen die Künstler noch nicht. “Wir nehmen uns erst einmal Zeit, um unseren Ansatz weiterzudenken.”