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Interview
05/06/2012

"Computerspiele gehören zur Evolution dazu"

Mehr als 22.000 Besucher kamen allein am Eröffnungswochenende in das renommierte Smithsonian Museum, um die Austellung "The Art of Video Games" zu sehen. Im futurezone-Interview spricht der Kurator der Ausstellung, Chris Melissinos, über die Notwendigkeit der Ausstellung und seine Pläne für die Zukunft.

von Michael Leitner

Als Nolan Bushnell und Ted Dabney 1972 die Spielkonsole Pong veröffentlichten, hatten sie wohl kaum den Wunsch Kunst zu kreieren. Doch 2011, fast vierzig Jahre nachdem die Spielekonsole Einzug in die Wohnzimmer gefunden hat, sorgte eine Ankündigung des renommierten Smithsonian Museums dafür, dass die alte Spielkonsole und das gesamte Medium Videospiel plötzlich mit anderen Augen gesehen wurden.

Das in Washington D.C. ansässige Museum, das ansonsten Kunstwerke von bekannten amerikanischen Künstlern wie Georgia O`Keeffe austellt, kündigte eine Ausstellung zum Thema Videospiele an. "The Art of Video Games" ist nicht die erste Ausstellung, die sich mit Videospielen als Kunstform beschäftigt, doch sie sorgte durch das namhafte Smithsonian Museum im Vorfeld für viel Aufsehen und Diskussionen. Im Gespräch mit der futurezone spricht der Kurator über den Aufbau der Ausstellung, wieso sie möglicherweise den Weg nach Europa finden könnte und warum die Zeit für die Diskussion um Videospiele drängt.

futurezone: Die Ausstellung wurde vor mehreren Wochen offiziell eröffnet - wie läuft es bislang?
Chris Melissinos: Sehr gut. Zehntausende Leute haben sich bislang die Ausstellung angesehen, weit mehr als ich erwartet habe. Und noch viel schöner ist, dass genau das eingetreten ist, was ich mir erhofft habe: Unzählige Familien mit zwei, manchmal auch drei Generationen, kommen und erklären ihren Kindern, wieso gewisse Videospiele in ihrem Alter für sie so wichtig waren. Es ist einfach wunderbar, das zu sehen.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?
Es gibt drei verschiedene Bereiche. Der erste Bereich beschäftigt sich mit den Menschen hinter den Spielen. Neben Konzeptzeichnungen gibt es hier Interviews mit Spieleentwicklern und Pionieren wie Kellee Santiago (Flower) und Nolan Bushnell, dem Gründer von Atari, zu sehen. Sie erzählen von ihrer Inspiration, der Philosophie hinter ihren Spielen und wieso sie wichtig sind. Das ist etwas Seltenes und ungemein Wichtiges: Man kann die Meinung des Künstlers selbst hören. Auch gibt es eine Installation namens "Gamer Faces", die die Gesichter und die Emotionen der Leute, die in anderen Räumen spielen, in Echtzeit zeigt.

Für den zweiten Bereich habe ich persönlich fünf Spiele ausgewählt, die zu ihrem Erscheinen enorm wichtig waren und unsere Sicht auf Videospiele nachhaltig verändert haben:Pac Man, Super Mario Brothers, Secret of Monkey Island, Myst und Flower. Diese sind in der Ausstellung anspielbar.

Wieso gerade diese fünf Spiele?
Ich hätte auch darüber abstimmen lassen können, doch letztendlich wäre wieder nicht jeder zufrieden gewesen. Ich habe mich für diese Spiele entschieden, da jedes einzelne von ihnen sowohl Entwickler als auch die Spieler zum Umdenken gezwungen hat und dabei erfolgreich war.

Wie sieht der dritte Bereich der Ausstellung aus?
Im letzten Raum wird die Entwicklung des Videospiels gezeigt. Vom Atari VCS über 20 verschieden Plattformen hin zur derzeit modernsten Konsole, der Playstation 3 wird auch die technische Entwicklung gezeigt. Aber auch insgesamt 80 Spiele, eingeteilt in die vier Kategorien "action", "target", "adventure" und "tactics", können in kurzen Videoclips betrachtet werden. In 60 bis 90 Sekunden wird erklärt, wieso diese Spiele wichtig waren und wo der künstlerische Aspekt liegt.

Irgendwie klingt das so, als würden Sie sich eher mit der Herstellung und der Historie anstatt Videospielen als Kunstform selbst beschäftigen.
Das ist notwendig, um Videospiele als Kunst definieren zu können. Im ersten Raum sind zahlreiche Konzeptzeichnungen, Skulpturen, Booklets und 3D-Modellenausgestellt. Sehr viele Leute machen den Fehler, darüber Videospiele als Kunstform zu definieren. Das ist aber nicht ausreichend. Klarerweise wird man in einem Videospiel traditionelle Formen von Kunst, wie Zeichnungen, Illustrationen, Geschichten und Musik finden, doch all diese Dinge zusammengenommen ergeben ein Videospiel. Ein Videospiel nimmt also all diese Dinge und verbindet sie zu etwas Größeren. Wir betrachten im Rahmen der Ausstellung jeden dieser Bereiche einzeln. Wir wollen uns also nicht mit Kunst in Videospielen, sondern Videospielen als Kunstform und wie sie sich als solche im Laufe der Zeit entwickelt haben, auseinandersetzen.

Für die Ausstellung ist ja eine Tour quer durch die USA geplant. Kommen Sie mit der Ausstellung auch nach Europa?
Das wäre großartig, allerdings ist die gesamte Laufzeit der Ausstellung bereits verplant. Aber ich denke, dass das Museum definitiv mit sich reden lassen würde.

Kann eine Spielmechanik als Kunst angesehen werden?
Absolut. Es gibt drei "Stimmen", die die Entwicklung von Videospielen beeinflussen. Die Erste ist die des Entwicklers, der dem Spieler eine Geschichte und eine Welt vermitteln will. Die zweite Stimme ist die des Spiels selbst, also der verwendeten Mechaniken. Denn diese Sprache beschreibt, wie ein Spieler mit dieser Welt interagieren kann und setzt so auch klare Grenzen. Die dritte Stimme ist die des Spielers. Videospiele brauchen nicht nur die aktive Beteiligung, sondern bieten so auch für jeden ein unterschiedliches Erlebnis.

Der Filmkritikers Roger Ebert argumentiert aber, dass Videospiele aufgrund dieser Interaktivität nie Kunst sein können.
Sein Hauptargument ist, dass durch die Interaktivität von Videospielen und der Kontrolle durch den Spieler sich das Ende und somit die Aussage des Spiels verändern würde. Das stimmt einfach nicht. Man beginnt und endet so, wie es die Entwickler eines Spiels geplant haben. Lediglich dazwischen genießt man gewisse Freiheiten und kann die erschaffenen Welten auf eigene Faust erkunden. Dabei verliert der Entwickler aber keinerlei Autorität.

Hideo Kojima, Schöpfer der Spieleserie Metal Gear Solid, kritisierte 2006, dass Videospiele keine Kunst seien können, da sie geschaffen werden, um zu unterhalten. Verstehen Sie seine Kritik?
Ich verstehe sie und ich hatte das Glück ihn persönlich bei der Eröffnung der Ausstellung zu dieser Aussage zu befragen. Auch er glaubt mittlerweile, dass Videospiele Kunst sein können, auch wenn er seine Arbeit viel mehr als Aufbereitung, denn als die Erschaffung von Kunst erachtet. Damit hat er natürlich Recht, denn kein Künstler kann im Vorhinein bestimmen, ob etwas von der Gesellschaft als Kunst erachtet wird oder nicht.

Die Videospielindustrie ist mit knapp vierzig Jahren vergleichsweise jung. Könnte man ihnen nicht ein wenig Ungeduld vorwerfen?
Die meiste Zeit sagen Leute: Wieso wurde es nicht bereits früher so anerkannt? Gerade bei Videospielen müssen wir wegen der rasanten Entwicklung andere Maßstäbe ansetzen. Vor vierzig Jahren waren Videospiele noch sehr rudimentär aufgebaut, dennoch waren bereits damals nahezu die selben Mechaniken im Einsatz. Auch hatten die Entwickler oft deutliche Aussagen in ihren Spielen verpackt, die bis heute niemand dahinter vermutet. Die Einstellung ändert sich langsam. Das ist darauf zurückführen, dass viele, die mit Videospielen aufgewachsen sind, nun erwachsen sind und oft Kinder haben. Die Tatsache, dass nun ein renommiertes Museum wie das Smithsonian Videospielen eine eigene Ausstellung widmet, sollte der Diskussion wieder neuen Schwung verleihen.

Millionen-Budgets bei Videospielen sind keine Seltenheit, dadurch wird auch der Druck für die Spielestudios, kommerziellen Erfolg zu haben, größer. Haben Sie keine Angst, dass das den Entwicklung hemmt?
Ich glaube, dass es unmöglich ist, Fortschritt zu verhindern. Die besten Beispiele sind die Indie-Game-Branche und die Einführung von neuen Bedienkonzepten wie Kinect oder Touchscreens. Die Werkzeuge für die Erstellung von neuen Inhalten stehen heutzutage jedem zur Verfügung und sorgen so für neue, kreative Lösungen. Natürlich wird es immer Ableger von erfolgreichen Konzepten geben, doch das verhindert keinesfalls den Fortschritt.

Wie könnte man ihrer Meinung nach die Akzeptanz unter der älteren Bevölkerung, die nicht mit Videospielen aufgewachsen ist, steigern?
Die Frage ist doch eher: Ist das wirklich notwendig? Um Videospiele als Kunstform anzuerkennen, muss auch nicht die gesamte Bevölkerung etwas gut finden. Aber gerade Videospiele beweisen durch laufende Innovationen, dass sie auch unter der älteren Generation Akzeptanz finden. Als die Wii mit dem  Bedienungskonzept der Bewegungssteuerung begann, fanden sich plötzlich viele Spielkonsolen in Altersheimen oder bei älteren Menschen zu Hause. Es ist ohnehin jeder Mensch ein Spieler. Spielen hat einfach etwas mit Mensch sein zu tun. Bereits seit den frühesten Aufzeichnungen der alten Ägypter können wir mitverfolgen, wie sich der menschliche Spieltrieb entwickelt hat. Videospiele gehören zur Evolution dazu, sie sind einfach der nächste Schritt.

Wie wollen Sie eigentlich Spiele für die Zukunft aufbewahren?
Das wird derzeit noch heftig diskutiert, da es nicht so ganz einfach zu lösen ist. Bei Videospielen müssen ja nicht nur die Software, das eigentliche Kunstwerk an sich, sondern auch die Hardware bewahrt werden. Derzeit wird nach einer Möglichkeit zur Standardisierung gesucht, nach der, egal welche Institution ein Spiel katalogisiert, alle Daten gemeinsam gesammelt werden können. Ein Vorteil, den wir teilweise noch haben, ist dass bei vielen Videospielen deren Schöpfer noch leben. Doch auch hier stehen wir unter Zeitdruck, denn der Schöpfer der ersten Spielkonsole, Ralph Baer, ist heute 90 Jahre alt.