Digital-Life 13.03.2014

MH370: Tausende Augen suchen nach Boeing 777

Auf einer Online-Plattform werden Satellitenbilder von Laien durchkämmt, um Hinweise auf das verschollene Flugzeug der Malaysia Airlines zu finden.

Der Malaysian Airlines Flug MH370 beschäftigt seit Samstag ein multinationales Suchteam, bisher jedoch ohne Erfolg. Nicht nur Profis beschäftigt das mysteriöse Verschwinden der Boeing 777, auch tausende Laien beteiligen sich an der Suche. Ihr Beitrag besteht unter anderem im Durchforsten von Satellitenbildern auf der Webseite tomnod.com.

Beim Durchkämmen eines riesigen Rasters, der Quader für Quader große Abschnitte der Meeresoberfläche zeigt, sollen mögliche Wrackteile, Ölspuren oder sogar Rettungsinseln markiert werden. Diese Markierungen sollen den Rettungskräften vor Ort anzeigen, wo sie vielleicht noch einmal gründlicher nachsehen sollten. Zur Verfügung gestellt werden die Bilder vom Geoinformationsdienstleister DigitalGlobe.

Schlechte Erfolgsquote

Die kollektive Suche nach verschollenen Menschen mittels Satellitenbildern durch ein Online-Publikum ist keine Neuheit. Bereits in der Vergangenheit wurden so genannte "Crowdsearching"-Kampagnen gestartet, etwa im Falle des im Pazifik verschwundenen Computerwissenschaftlers Jim Gray, der im Jänner 2007 alleine aufs Meer segelte und nie zurückkehrte. Auch damals fertigte DigitalGlobe Satellitenbilder des Suchgebietes an.

Über den Dienst Mechanical Turk des US-Onlinehändlers Amazon, auf dem Privatpersonen normalerweise kleinste intellektuelle Arbeitsaufträge gegen Entlohnung verrichten können, wurde zur kollektiven Bildersuche aufgerufen. Dasselbe geschah nur wenige Monate später, als der US-Millitär und Abenteurer Steve Fossett mit seinem einmotorigen Sportflugzeug über der Wüste zwischen Nevada und Kalifornien verschwand.

In beiden Fällen beteiligten sich tausende Privatpersonen an der Suche, jedoch ohne Erfolg. Die Überreste von Fossetts Flugzeug wurden über ein Jahr später, im Oktober 2008 durch Zufall von Wanderern entdeckt. Von Jim Gray fehlt weiterhin jede Spur.

Sinnvolle Gemeinschaftsaktion

Macht die Vermisstensuche durch Menschen, die Satellitenbilder betrachten, also wirklich Sinn? "Ja, das macht Sinn", meint Luftfahrtexperte Kurt Hofmann. "Es ist absolut wichtig für die Luftfahrt und natürlich auch für die Angehörigen der Passagiere, dass man Teile aufspürt, die Ursachen für das Geschehene untersucht und die Flugsicherheit daraufhin verbessert."

Die Chancen, mehrere Tage nach dem Verschwinden von Flug MH370 noch Spuren davon auf der Meeresoberfläche zu finden, sieht Hofmann vorhanden. "Die Boeing 777 besteht zum Teil aus Verbundstoff-Materialien, die auf der Wasseroberfläche treiben können. Es gibt auch genügend andere Komponenten, die genügend Auftrieb besitzen." Im Falle des Air France Flugs AF447 im Juni 2009, bei dem ein Airbus A330-200 über dem Atlantik abstürzte, sei sogar ein treibendes Fahrwerk gefunden worden.

Der Fall der Air-France-Katastrophe, bei der 228 Menschen ums Leben kamen, zeigt aber auch, wie schwierig alleine die Suche nach Spuren für einen Absturz ist. Erst fünf Tage nach dem Vorfall wurden die ersten Überreste gefunden.

Problem Bildauflösung

Wie erfolgversprechend ist also die gutgemeinte Hilfe tausender Privatpersonen vor dem eigenen Computerdisplay? Könnten Programme nicht wesentlich schneller nach Spuren auf Satellitenbildern suchen? Was mit Algorithmen möglich wäre, ist in jedem Fall eine Vorfilterung der erstellten Aufnahmen, meint Sebastian Zambanini vom Computer Vision Lab des Instituts für rechnergestützte Automation an der Technischen Universität Wien. "Wenn man diese Ozeanbilder betrachtet, zeigen die meisten einfach nur gräulich-blaues Wasser. Es ist nicht sehr aufwendig, ein Programm hier nach Auffälligkeiten suchen zu lassen - also irgendwas, das nicht blau ist. Da könnte man wahrscheinlich den Großteil aller Aufnahmen ausschließen. Den Rest könnten sich Menschen genauer ansehen."

Das Erkennen von Flugzeugteilen stellen laut Zambanini schon ein schwierigeres Problem dar: "Man weiß nicht, wie die nach einem Absturz aussehen könnten. Es ist schwierig zu definieren, wonach ein Programm suchen soll." Das größte Problem liege allerdings in der geringen Auflösung der Bilder. "Ein ganzes Flugzeug wäre auf den Aufnahmen nur einen Finger breit. Einzelne Teile sind für den Menschen kaum als gesuchte Objekte erkennbar. Ein Programm schafft das schon gar nicht."

Unbezahlter Aufwand

Das in Colorado ansässige Geoinformationsunternehmen DigitalGlobe ist von der Wirksamkeit seiner Crowdsearching-Bemühungen überzeugt. Zwei seiner insgesamt fünf Satelliten schießen Fotos von der Region zwischen Thailand und dem Südchinesischen Meer. Die Kameras an Bord der Satelliten bieten eine Auflösung von einem Meter pro Pixel.

Auf der hauseigenen Plattform tomnod.com suchen unterdessen laut DigitalGlobe bereits über zwei Millionen Menschen nach Hinweisen auf Bildern, die eine Wasserfläche von 24.000 Quadratkilometer zeigen. Trotz der Größe des Suchgebiets ist jedes einzelne Bild mindestens 30 Mal von Personen begutachtet worden. Bis zum Donnerstag wurden laut DigitalGlobe 745.000 verdächtige Objekte markiert.

DigitalGlobe betont in einer E-Mail an die futurezone, dass das Unternehmen nicht für seinen Aufwand entschädigt wird: "Wir tun es weil wir es können."

Das mysteriöse Verschwinden der Boeing 777-200ER der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord, davon zwölf Besatzungsmitglieder, ist in der Geschichte der Luftfahrt einzigartig. Das gibt breiten Raum für Spekulationen. Denn fast eine Woche, nachdem die Maschine verschwand, sind auch Experten ratlos.

Theorie 1 Absturz

Am wahrscheinlichsten ist, dass die Maschine auf ihrem Weg von Kuala Lumpur nach Peking irgendwo im Meer abgestürzt ist. Das hieße: Das Flugzeug liegt unter Wasser und dort werden Radiowellen stark gedämpft. Wäre die Maschine irgendwo vom Kurs abgekommen und beispielsweise über Borneo im Dschungel abgestürzt, hätte man das über die Notfallsender registriert. Unter Wasser breiten sich Radiowellen aber kaum aus. Erschwerend kommt dazu, dass die Trümmer, um die es geht, maximal zwei bis drei Meter groß sind. Die muss man zwischen den Wellen erst sehen. Deshalb hofft man jetzt auf die Auswertung von Satellitenbildern. Der deutsche Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt geht davon aus, dass die Suche noch einige Wochen dauern kann.

Theorie 2 Entführung

US-Luftfahrt- und Geheimdienstexperten glauben, dass die MH370 noch vier Stunden in der Luft war, nachdem der Kontakt zur Maschine abgebrochen war. Das berichtete am Donnerstag das Wall Street Journal. Die Regierung in Malaysia wies diese These zurück. Die Amerikaner sagen, dass die Triebwerke der Maschine automatisch Daten gefunkt haben, insgesamt sei die Maschine fünf Stunden in der Luft gewesen, eine Stunde nach dem Start ging der Kontakt verloren. Theoretisch hätten die Piloten den Kurs verändern können. Eine Theorie besagt, dass sie vielleicht irgendwo in Pakistan gelandet wären. Die US-Antiterrorspezialisten überprüfen die Möglichkeit, dass einer der Piloten oder ein anderer Insasse des Flugzeugs die Maschine an einen unbekannten Ort entführt haben könnten. Dazu hätten sie die Transponder zur automatischen Sendung von Flugdaten abgeschaltet, um der Radarüberwachung zu entkommen. Die Ermittler verfolgten die Theorie, dass die Maschine umgeleitet worden sei, "um sie später für einen anderen Zweck" zu nützen, schreibt das Wall Street Journal. Mit der Maschine könnte also noch ein Terroranschlag verübt werden.

Theorie 3 Terror

Neben der Entführungsthese wird auch immer wieder ein Terroranschlag vermutet. Zwei junge Iraner hatten mit falschen Pässen in Kuala Lumpur eingecheckt. Ihre EU-Pässe wurden einem Salzburger und einem Italiener in Thailand gestohlen. Doch die Behörden versichern, dass die beiden Iraner vermutlich keine Verbindungen zu Terrororganisationen haben.

Ihnen ist aber nicht mehr zu trauen. Denn die chaotische Informationslage und die vielen widersprüchlichen Aussagen haben international Kritik an den malaysischen Ermittlern ausgelöst. Der chinesische Regierungschef Li Keqiang verlangte, die Suche zu verstärken. An Bord der Boeing waren 154 chinesische Staatsbürger.

Theorie 4 Technischer Defekt

Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat im September 2013 "vor Rissen und Korrosion" bei Flugzeugen der Boeing 777-Familie gewarnt. Die Probleme könnten zu einem "plötzlichen Druckabfall" in der Kabine führen. Das würde auch die Theorie erklären, warum die Maschine noch vier Stunden weiterflog. Auf Autopilot – bis das Kerosin ausging und der Vogel abstürzte. Die Risse könnten aber laut FAA auch zu einem Auseinanderbrechen des Flugzeugs in der Luft geführt haben. Erst am 5. März, drei Tage vor dem Verschwinden der Maschine, wurde die Direktive erlassen, die Flieger darauf zu testen, offiziell in Kraft tritt sie am 9. April. Die Suche nach der verschwundenen Maschine dauert an.

Boeing

777-200ER 63,7 Meter Länge und eine Spannweite von 60,9 Metern machen die Maschine zu einem der größten Passagierflieger mit zwei Triebwerken. 14305 Kilometer beträgt die Reichweite der 777-200ER. 3 Menschen starben bisher an Bord einer Boeing 777 als Folge eines Unfalls. 18 Jahre lang transportieren "Triple Sevens" bereits Passagiere.

Erneut gab es am Donnerstag bei der Suche nach der in Südostasien verschwundenen Passagiermaschine einen Hoffnungsschimmer, der nur kurz anhielt. Ein chinesischer Satellit hatte drei "schwimmende Objekte" entdeckt - die im Meer zwischen Vietnam und Malaysia georteten Teile hätten eine Spur zu der am Samstag verschollenen Maschine mit 239 Menschen an Bord gewesen sein können. Kurz darauf entpuppten sich die Teile im Meer aber als falsche Fährte. Bisher hatten sich alle Hinweise auf schwimmende Gegenstände im Meer schon als falsch erwiesen.

Neue Gerüchte lassen indes aufhorchen: Wie AFP berichtet, warnten US-Prüfer Monate vor dem Verschwinden der Maschine vor einem Problem mit der Boeing 777, nachdem sich bei einem Modell im Rumpf unterhalb der Satellitenantenne ein Riss ereignet haben soll. "Risse und Rost" könnten zu Brüchen und zum drastischen Fallen des Kabinendrucks führen. Das wiederum könne schlimme Konsequenzen für Passagiere und Crew haben - etwa Ohnmacht und damit einhergehender Kontrollverlust.

Dazu habe es eine Airworthiness Directive, eine Anordnung zur Flugtauglichkeit, der Federal Aviation Administration (FAA) gegeben, die wiederholte Inspektionen der betroffenen Stelle empfahl.

Stewarts Flugzeug stürzte ab
© Reuters/Rick Wilking
Beispiele für Flugzeug-Crashs durch Ohnmacht gab es in der Vergangenheit mehrere: Etwa 1999, als ein Learjet mit dem Golf-Profi Payne Stewart in den USA verunfallte, nachdem er mehrere Stunden lang unkontrolliert umher geflogen war. Die Besatzung war durch den Sauerstoffmangel ohnmächtig geworden.

Riss von 40 Zentimetern

Das Thema wird auch im Internet diskutiert, etwa in der malaysischen Online-Community Lowyat. In einem Dokument sei etwa ein rund 40 Zentimeter großer Riss im Rumpf eines 14 Jahre alten Flugzeugs erwähnt. Boeing habe daraufhin eine metallurgische Frakturanalyse durchgeführt, bei anderen alten Fliegern habe man keine Risse gefunden.

Der Luftfahrtkonzern Boeing aber verneinte, dass das Flugzeug der Malaysian Air unter diese Direktive falle. Die Anweisung betrifft Flugzeuge, die in den USA registriert sind. Zudem arbeite man eng mit der FAA zusammen, berichtet Reuters.

Verwirrung um Radar

In diesem Szenario, in dem die Besatzung durch Ohnmacht die Kontrolle verliert, würde der Autopilot weiterfliegen - womöglich einen anderen Weg. Immer wieder tauchten Berichte auf, dass das Flugzeug auch woanders gewesen sein könnte als auf dem eigentlichen Kurs der MH370 von Kuala Lumpur nach Nordosten in Richtung Peking. Zuletzt hatte das malaysische Militär berichtet, dass 45 Minuten nach dem Verschwinden der Malaysia-Airlines-Maschine Hunderte Kilometer weiter westlich ein Flugzeug auf dem Radar gesehen worden sei. Ob es sich dabei um die vermisste Boeing handelte, sei aber unklar, betonte der Chef der Luftwaffe, Rodzali Daud, am Mittwoch vor der Presse in Kuala Lumpur. Ein Militärradar sei nicht in der Lage, Art und Kennung eines Flugzeugs zu identifizieren, sagte Rodzali. Malaysia habe die US-Behörden um Hilfe bei der Analyse der Daten gebeten, sagte Verkehrsminister Hishammuddin Hussein.

Sollte es sich bei der Maschine auf dem Militärradar um die vermisste Boeing 777-200 gehandelt haben, wäre sie allerdings in einem Luftraum mit hohem Verkehrsaufkommen unerkannt mindestens 20 Minuten unterwegs gewesen.

Gab es doch noch Daten?

Auch von anderer Seite gibt es Hinweise. Das vermisste Flugzeug könnte laut Wall Street Journal auch nach dem letzten bekannten Funkkontakt noch vier Stunden geflogen sein. Die Zeitung beruft sich auf zwei Luftfahrt- und Geheimdienstexperten, nach deren Angaben die Triebwerke der Boeing 777-200 entgegen allen bisherigen Angaben doch automatisch Daten funkten.

Malaysias Transportminister allerdings bestritt den Bericht. Vertreter des Flugzeugbauers Boeing sowie des Triebwerk-Herstellers Rolls-Royce, die in Kuala Lumpur bei den Ermittlungen helfen, hätten diese Angaben nicht bestätigt. Das letzte Signal, das die Unternehmen von der um 0.41 Uhr gestarteten Boeing 777-200 aufgefangen hätten, stamme von 1.07 Uhr (Ortszeit) am vergangenen Samstag.

Suche laut US-Regierung auch im Indischen Ozean

Die Suche nach dem verschwundenen Flugzeug könnte nach Angaben der US-Regierung auf den Indischen Ozean ausgedehnt werden. Die Erweiterung des Radius würde "basierend auf neuen Informationen" erfolgen, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, am Donnerstag in Washington. "Wir sprechen mit Partnern darüber, welche Ressourcen wir bereitstellen werden", ergänzte er, ohne näher ins Detail zu gehen. An der internationalen Suche nach der Passagiermaschine beteiligen sich auch Schiffe und Flugzeuge des US-Militärs. Die Federführung liege aber bei der Regierung in Malaysia, betonte Carney.

(futurezone) Erstellt am 13.03.2014