Digital Life
08.03.2015

“Der technologische Wandel hat gerade erst begonnen”

Die Digitalisierung ist mittlerweile in sämtliche Lebensbereiche vorgestoßen. Das ruft Begeisterung ebenso wie Skepsis hervor. Dabei stehen die großen Sprünge erst bevor.

Eine menschenleere Landstraße, das Auto versagt plötzlich. Zwei alte Schulfreunde, der eine lebt in Wien, die andere in San Francisco. Ein Urlaubsspaziergang in einer fremden Stadt, schon hat man sich verlaufen. In all diesen Situationen greifen Menschen heute zum Smartphone: Man kann den Abschleppdienst rufen oder per App ein Taxi bestellen, man kann mit seinen Freunden per WhatsApp chatten oder über Skype Videotelefonieren, man kann auf Google Maps den Weg ins Hotel nachschauen. Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung der vergangenen Jahre haben die Welt kleiner gemacht und erleichtern Menschen heute in allen Lebensbereichen ihren Alltag zu meistern.

Egal, ob es um die Freizeitgestaltung oder das Berufsleben geht, das Internet gibt die Richtung vor. Knapp drei Milliarden Menschen sind inzwischen online, 4,55 Milliarden haben ein Handy, 1,75 Milliarden besitzen bereits ein Smartphone. Im Internet trifft man sich, man diskutiert, man bestellt sein Essen oder die Weihnachtsgeschenke. Im Internet hört man Musik, schaut seine Lieblingsserie und informiert sich über die aktuellen Nachrichten.

Die Trennung zwischen “realer” und “virtueller” Welt hebt sich zunehmend auf. Technik ist kein Nischenthema mehr, sondern allgegenwärtiger Bestandteil unseres Lebens. Der Trend der Stunde heißt Wearbles - mit smarten Uhren und Fitness-Armbändern rückt die Technologie noch ein Stück näher an den Menschen heran. Das Internet der Dinge, bei dem herkömmliche Alltagsgegenstände miteinander vernetzt werden, das smarte Zuhause, in dem alles automatisiert und aufeinander abgestimmt ist, Schokolade und Nudeln aus dem 3D-Drucker - all das ist Realität.

Nur der Beginn

Dabei ist noch gar nicht wirklich viel passiert, wie Jeff Jarvis, US-Autor und Journalismusprofessor, meint. “Ich glaube, dass die Veränderungen, die wir gerade erleben, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schnell, sondern im Gegenteil langsam vor sich gehen. Der technologische Wandel hat gerade erst begonnen. Wir haben noch gar nichts davon gesehen”, sagt Jarvis zur futurezone. Es habe nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks auch noch 50 Jahre gedauert, bis das Buch die Form angenommen habe, wie wir sie heute kennen.

Dass hier eine Entwicklung stattfindet, die noch viel weitreichendere Veränderungen mit sich bringen und das alltägliche Leben noch viel stärker durchdringen wird, das zeigt auch der Blick ins Silicon Valley. Handy, Notebook und soziale Netzwerke sind nicht mehr die dominierende Agenda in den Forschungslabors der IT-Konzerne. Der Fokus, die Visionen liegen längst anderswo: Selbstfahrende und vernetzte Autos, Robotik und Sensoren, implantierte Chips, medizinische Weiterentwicklungen, ja sogar das Weltall - das sind die aktuellen Themen.

Debatte über Gefahren und Monopole

Dominiert werden das digitalisierte Leben, die Innovationen und Trends von US-Firmen, die vom Silicon Valley aus in den vergangenen Jahren die ganze Welt erobert haben. Sie geben den Ton an, gefolgt von Konzernen aus Asien - während Europa zurzeit ein technologisches Schattendasein führt. Kritiker warnen einerseits vor einer globalen Machtübernahme der kalifornischen Gründerszene und sehen andererseits den Menschen an sich aufgrund von Überforderung und schneller werdender Veränderungen bedroht. Eine mögliche Monopolstellung von Konzernen wie Google wird ebenso heftig diskutiert wie das Ende von Privatsphäre, ständige Überwachbarkeit oder die Abhängigkeit von Smartphone und Computer.

Übermächtige US-Konzerne dürfen sich nicht an Gesetzen vorbeischwindeln oder ihre Marktdominanz missbrauchen, kritisieren die einen. Technikfeindlichkeit und vorgeschobene Eigeninteressen, antworten darauf die anderen. Jarvis, der sich in der Debatte regelmäßig gegen europäische Verleger stemmt und dem Lager der Google-Befürworter zuzurechnen ist, ortet eine “Eurotechnopanik” und reagierte zuletzt auch vehement auf die Coverstory im Spiegel, die sich mit der Welteroberung des Silicon Valley befasste. “Es ist unmöglich nicht zum Schluss zu kommen, dass Europa - oder zumindest die Regierungen und Medienkonzerne - ein feindliches Umfeld gegenüber Technologie, Innovation und insbesondere gegenüber US-Internetfirmen schaffen”, sagt Jarvis.

Die Gefahr einer Monopolstellung von Google sieht Jarvis nicht. “Es gibt gute Alternativen für alle Services, die Google anbietet, ausgenommen vom Bereich Werbung vielleicht.” Während Google in Europa stark attackiert und dämonisiert werde, sei seine Marktpenetration hier gleichzeitig besonders hoch. Tatsächlich kommt die Google-Suche in Deutschland auf einen Marktanteil von knapp 95 Prozent, in den USA hingegen nur auf rund 65 Prozent. “Sind Medien und Regierungen hier auf einer Linie mit den Menschen, die sie repräsentieren? Da bin ich überhaupt nicht sicher”, so Jarvis weiter.

Bildung als Antwort

“Die USA haben schon früh auf permanente Weiterbildung im digitalen Bereich gesetzt. Nur eine Gesellschaft, die die digitalen Kompetenzen als Grundlage der heutigen Zeit begreift - wie lesen, schreiben und rechnen - schafft auch die Voraussetzungen für technische Innovation, wirtschafliche Konkurrenzfähigkeit und eine digital selbstbestimmte Gesellschaft”, meint Meral Akin-Hecke. Sie ist Österreichs digitaler Champion und wurde als unabhängige Vertreterin für die heimische Zivilgesellschaft mit der Funktion betraut, die digitale Medienkompetenz in den EU-Ländern zu steigern.

Die Schließung der digitalen Kluft müsse das vorrangige Ziel der österreichischen und europäischen Politik sein, so Akin-Hecke. Sie ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung jedem einzelnen Menschen ein “Meer an Möglichkeiten” öffnet. “Um diese Möglichkeiten auch zu nutzen, und die Klippen sicher zu umschiffen, braucht es die nötige digitale Kompetenz.” Das beste Mittel, um sich konkurrenzfähig zu halten sei immer noch die Bildung. Nur wer über Alternativen aufgeklärt ist, kann laut Akin-Hecke dann auch kompetent entscheiden, welche Angebote er nutzen will und welche nicht.

Europa

Damit auch europäische Start-ups zum “Next Big Thing” werden können, fehlt es oft an den nötigen politischen Rahmenbedingungen, aber auch an der gesellschaftlichen Akzeptanz gegenüber dem Scheitern. Das Denken und die Haltung gegenüber Innovation ist an der US-Westküste ganz anders geprägt. Erfolgreiche europäische Dienste sind oft sogenannte Copycats, also abgeschaut von Innovationen, die bereits anderswo stattgefunden haben. “Entrepreneurship verlangt den Willen, vor den Augen der Öffentlichkeit etwas zu versuchen und zu scheitern und in dem Prozess etwas zu lernen”, sagt Internetevangelist Jarvis. “Wir sind im Silicon Valley vielleicht zu stark in die andere Richtung gegangen, indem wir das Scheitern zu einer Art Ehrenauszeichnung idealisiert haben.” Aber in Zeiten schneller technologischer Entwicklungen, müsse man dazu bereit sein, öffentlich Risiken einzugehen.

Lesen Sie dazu Pro und Contra:

"Verlogene Angstdebatte"

"Operation Größenwahn"