Digital Life
18.04.2012

„Die Bösen sind immer interessanter“

Jeder kennt seine Arbeiten – sei es der diabolische Scar aus „König der Löwen“ oder der fröhliche Tigger im neuesten „Winnie Pooh“-Film. Der Disney-Zeichner Andreas Deja besuchte Wien anlässlich der Pixel-Konferenz. Im Gespräch mit der futurezone erzählte er von seinen Zweifeln zu digitalen Animationsfilmen und ob Disney weiter handgezeichnete Filme produzieren wird.

„Wer für Walt Disney arbeitete, musste Dinge zum Leben erwecken.“ Andreas Deja hat sich diese Worte von Disney-Legende Marc Davis zu Herzen genommen und hauchte im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte unzähligen Zeichentrick-Charakteren Leben ein. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen wohl Scar aus König der Löwen und Jafar aus Aladin. Mit seiner markanten Art bewahrte der in Deutschland aufgewachsene Animator den Geist von Walt Disney auch nach dem Abtreten der „Nine Old Men“, die engsten Mitarbeiter des Zeichentrickgiganten. Als Experte für Bösewichte bekannt, versuchte er in den letzten Jahren mit der charmanten Lilo aus „Lilo & Stitch“ und seiner Neuinterpretation des Tiggers im neuesten „Winnie Pooh“-Film diesen Ruf abzuschütteln. Derzeit nimmt der 54-jährige eine Auszeit von Disney um seine eigenen Projekte zu verwirklichen – eine Rückkehr schließt der sympathische Zeichner aber nicht aus.

futurezone: Wie wird man Disney-Zeichner? Andreas Deja: Das war eigentlich gar nicht so schwierig – für mich zumindest. Für mich fing der Enthusiasmus für Zeichentrickfilme mit ungefähr zehn oder elf Jahren mit dem Dschungelbuch an. Das war mein erster Disney-Film überhaupt und der hat mich so fasziniert, dass ich so etwas unbedingt auch machen wollte. Ein Jahr später habe ich dann mit Hilfe meines Englischlehrers einen Brief an die Studios geschrieben. Darin habe ich einfach nur Fragen gestellt wie ich mich vorbereiten kann um irgendwann einmal für Disney zu arbeiten – und dann kam ein paar Wochen später tatsächlich eine Antwort. Der wichtigste Satz in diesem Brief war: „Wenn du wirklich ernsthaft daran denkst einmal Zeichentrick so wie wir zu machen, dann musst du: Erstens zur Schule gehen, zweitens Kunst oder Grafik studieren, drittens sehr viel Akt zeichnen, die menschliche Figur musst du können, viertens sehr viel im Zoo zeichnen und keine Kopien von Mickey Maus oder Pluto schicken, denn das können wir dir später beibringen.“ Später kam dann in einer Neuaufführung Bambi und plötzlich leuchtete es mir ein: die Anatomie der Tiere musst du einfach wissen.

In Ihrer Anfangszeit bei Disney haben Sie mit Tim Burton zusammengearbeitet – haben Sie schon einmal über eine Zusammenarbeit mit ihm nachgedacht?Ich würde gerne einmal in seinem Stil einen Zeichentrickfilm machen, das würde auch gehen. Vielleicht mache ich irgendwann einmal einen Test mit einem seiner Figuren und schicke ihm mein Design, um zu sehen, was er davon hält.

Als Sie 1980 zu Disney kamen, befand sich das Studio im Umbruch – ein Großteil der berühmten „Nine Old Men“ hatte das Studio schon verlassen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?Von diesen neun Leuten lebten damals noch sieben und ich hatte auch die Möglichkeit alle ziemlich gut kennen lernen zu können, obwohl die meisten davon nicht mehr im Studio arbeiteten. Neben Ollie Johnston und Frank Thomas, die damals noch an ihrem ersten großen Buch über Disney-Animation arbeiteten, war auch Eric Larson noch als so eine Art Ausbilder tätig. Die anderen gab es irgendwie noch, die lebten halt in der Stadt. Ich konnte sie anrufen und zum Essen einladen und so Bekanntschaft mit ihnen machen, sodass ich durch Freundschaft von diesen Leuten lernen konnte.

Einer der „Nine Old Men“ scheint Sie besonders inspiriert zu haben: Milt Kahl, der auch den originalen Tigger in den ersten Winnie Pooh-Filmen gezeichnet hat.Dem hab ich damals zuerst einen Fanbrief geschrieben, als ich noch in Essen war als Schüler. Fassungslos habe ich ihm damals einen Brief geschrieben, ich konnte mir einfach nicht vorstellen wie man so etwas wie Shir Khan oder Bambi zeichnen kann. Dann kam auch ein Brief zurück, in dem er schrieb: „Ich bin nicht mehr bei Disney, ich bin in Ruhestand getreten und seit 1976 nicht mehr dabei“ – das waren furchtbare Nachrichten, aber kennenlernen durfte ich ihn trotzdem noch. Mit dieser Finesse in seinen Arbeiten ist er auch heute noch ein riesiges Vorbild für mich.

Fehlt den digitalen Animationsfilmen von Pixar und Co auch noch ein wenig dieses Herzblut, das besonders in alten Disney-Filmen zu sehen ist?Das kann man nicht miteinander vergleichen. Es sind ganz einfach zwei verschiedene Animationsformen. Als Künstler kann ich mich aber weiterhin mit Zeichentrick viel persönlicher ausdrücken. Im CG-Bereich weiß ich nicht, welcher Künstler welche Szene gemacht hat. Wenn ich mir das Dschungelbuch anschaue, dann weiß ich ganz genau, das ist eine Ollie-Johnston-Szene, das ist eine Frank-Thomas-Szene, weil ich die Handschrift des Künstlers auf der Leinwand sehen kann.

Sie haben sich während Ihrer Zeit bei Disney den Ruf als Experte für Bösewichte erarbeitet. Wieviel von Ihrer eigenen Persönlichkeit steckt in Ihren Charakteren?Das wollte ich aber so nicht – man hatte mir damals nach Scar weitere Bösewichte angeboten. Ich sollte zum Beispiel den Hades in Hercules machen, aber dann habe ich gesagt: „Kinder, wenn ich jetzt noch einmal einen Bösewicht machen muss, dann wiederhole ich mich auch irgendwann einmal in meiner Schauspielerei.“ Deswegen habe ich mich dann auch für den Hercules entschieden, auch wenn er nicht all die Lacher bekommt.

Was ist einfacher zu gestalten – der Held oder der Bösewicht?Die Bösen sind immer interessanter und ausdrucksvoller. Noch dazu motivieren sie die Story viel mehr, da kann man schauspielerisch und zeichnerisch sehr viel mehr machen. Bei den guten Figuren muss man immer vorsichtig sein, dass die gut aussehen, dass sie subtil animiert sind und nicht zu sehr wie eine Cartoonfigur aussehen - da spielt der Realismus schon eine größere Rolle als bei den Bösewichtern.

Nachdem Disney den handgezeichneten Film bereits aufgegeben hatte, kehrte man 2009 mit „Küss den Frosch“ wieder zu alten Tugenden zurück. Ist das nur ein Experiment oder von Dauer?Es steht wieder an der Kippe. Deshalb möchte ich im Augenblick eine Pause für einige Jahre machen und an eigenen Filmen zu Hause arbeiten. Es gibt derzeit ein Projekt, an dem die Regisseure von „Arielle“ und „Hercules“ arbeiten, in dem die Hoffnung liegt, dass es eine Mischung wird. Der Film soll zunächst handgezeichnet werden und anschließend mit Hilfe des Computers grafisch neu umgesetzt werden. So soll es sich immer noch wie ein Zeichentrickfilm anfühlen, aber vom Look etwas ganz neues werden.

Was ist das Problem mit handgezeichneten Filmen – sind es die Produktionskosten oder der Stil, der den Leuten nicht mehr gefällt?Das Problem ist Box Office – die letzten Zeichentrickfilme haben wesentlich weniger eingespielt als die CG-Filme. Kostenmäßig sind sie sehr viel günstiger als CG-Filme.

Sie haben seinerzeit auch an „Roger Rabbit“ mitgearbeitet – würde Sie ein derartiges Projekt wieder reizen?Ich will auch wieder so etwas in der Art machen. Das hat eine ganz eigene Faszination, wenn sich eine Zeichnung und ein Realschauspieler in die Augen sehen. Ich würde aber anstatt eines neuen Roger Rabbit – der ja immer wieder in Planung ist - eine neue Story nehmen und die in dieser Technik gestalten.

Sie haben an digitalen Animationsfilmen einen gewissen „Superrealismus“ kritisiert – was genau meinen Sie damit?Ich glaube, da muss sich etwas ändern. Es gibt eine gewisse Gleichheit bei allen Studios, besonders bei der Beleuchtung und der Welt an sich. Ich glaube da wird irgendjemand einmal kommen und sagen: „Jetzt biegen wir links ab mit unserem Film und machen etwas ganz neues – ich erschaffe jetzt eine Welt im Computer, die nicht realistisch aussieht“. Darauf warte ich eben.

Fantastische Märchenwelten wie die von „Shrek“ sind Ihnen also noch nicht abstrakt genug?Für mich nicht – das ist halt die Faszination der Linie. Wenn ich etwas zeichne, dann lasse ich Sachen aus. Was ich auslasse ist für mich genauso faszinierend wie das, was ich hinzufüge. Ich drücke mich dabei persönlich aus und sage, das ist wichtig und das ist es nicht.

Einige Leute sagen Ihnen eine gewisse Ähnlichkeit mit Jafar, dem Ratgeber des Sultans und Bösewicht in "Aladin", nach – wieviel Wahrheit steckt dahinter?Da sehen Leute immer irgendwelche Ähnlichkeiten. Von Jafar hab ich es bislang noch nicht gehört, aber zu Gaston aus „Die Schöne und das Biest“ hat man es mir schon einmal gesagt. Das sehen aber die anderen Leute besser, wie viel von der eigenen Persönlichkeit in den Charakteren steckt.

Ihr Beruf ähnelt dem eines Schauspielers – wie viele Freiheiten genießen Sie dabei und wie viel wird vom Studio vorgegeben?Eigentlich genauso viele wie beim Realfilm. Man hat ein Skript und die Vorgabe von der Story, der Dialog ist schon da und der Schauspieler spielt mit seinem eigenen Körper – natürlich bespricht man eigene Ideen mit dem Regisseur. Aber bei uns ist es haargenau so wie beim Realfilm. Man muss es eben grafisch umsetzen. Schauspielerei ist aber viel, viel wichtiger als Zeichnen. Es gibt Animatoren, die wirklich ein gutes Gefühl haben für Schauspielerei und Charakter, aber nicht gut zeichnen können, deren Szenen aber trotzdem gut sind. Umgekehrt gibt es genauso Animatoren, die hervorragend zeichnen können, aber kein Gefühl für Schauspielerei besitzen – deren Szenen sind dann ganz einfach flach.

Tiercharaktere spielen eine wichtige Rolle bei Disney – sind diese schwieriger zu gestalten als menschliche Charaktere?Die Frage ist eigentlich der Grad des Realismus. Tier oder Mensch, das spielt eigentlich keine Rolle. Beispielsweise die Figur von Bambi – Bambi ist keine Cartoonfigur, das ist ein richtiges Reh mit realistischer Anatomie. Wenn ich so eine Figur wie Pluto mache, dann spielt das überhaupt keine Rolle. Pluto ist kein Hund, das ist so eine Gummifigur, die wie ein Hund agiert. Da ist der Vergleich zum Realismus gar nicht da und insofern sind solche Charaktere sehr viel einfacher zu machen als zum Beispiel Bambi oder Shir Khan.

In Ihren drei Jahrzehnten haben Sie hauptsächlich an Familienfilmen gearbeitet. Würden Sie auch gerne einmal einen Film für ein älteres Publikum  machen?John Lasseter (Anm.: Chief Creative Officer von Disney und Pixar) will auch auf der Schiene bleiben, weil er Familienfilme mag, aber ich könnte mir vorstellen, dass sich irgendwann einmal ein anderes Studio, ähnlich diesen Anime-Sachen von Hayao Miyazaki (Anm.: bekannt u.a. für "Prinzessin Mononoke" und "Chihiros Reise ins Zauberland"), daran versucht. Aber ich glaube man kann das ganze auch etwas weiter ziehen, dass man auch wirklich Dramen, Horrorfilme oder komplett andere Genres im Zeichentrick umsetzt. Die Leute zögern halt, weil es das in dieser Form noch nicht gibt und ihnen das finanzielle Risiko zu groß ist.

Möchten Sie so etwas auch in Ihren derzeitigen Projekten umsetzen?Ich versuche, in einem meiner zwei Kurzfilmen ein bisschen weiter zu gehen in der Richtung. Er wird auch für Kinder sein, aber nicht nur für Kinder.

Als Zeichner bei Disney steht man nicht gerade immer im Rampenlicht – fehlt Ihnen ein wenig die Anerkennung?Es gibt ja auch Preise bei uns – wir haben die Annie Awards, das sind quasi unsere Oscars. Ich habe ihn auch bereits für meine Lebensleistung verliehen bekommen und  werde wahrscheinlich für meine Arbeit an Tigger im neuen Winnie Pooh Film vorgeschlagen.

Andreas Deja ist einer der bekanntesten Animatoren von Disney und wurde 1957 im polnischen Danzig geboren. Nach einem Grafikstudium an der Folkwang Hochschule Essen war er ab 1980 bei Disney als Zeichner tätig.

In seiner Anfangszeit teilte er sich ein Büro mit dem heute bekannten Regisseur Tim Burton (u.a. "Sleepy Hollow", "The Corpse Bride"). Nachdem er sich seine Sporen an kleineren Filmen verdient hatte, wurde er mit Gaston in "Die Schöne und das Biest", Jafar aus "Aladin" und Scar in "Der König der Löwen" als Experte für Bösewichte bekannt.

2006 wurde er bei den Annie Awards mit dem Winsor McCay Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Derzeit nimmt er eine Auszeit von Disney, um eigene Projekte zu verwirklichen.