Die digitale Renaissance des Groschenromans

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Die digitale Renaissance des Groschenromans
03/17/2011

Die digitale Renaissance des Groschenromans

Abrechnungsmodelle mit Kleinbeträgen haben schon bei Smartphone-Apps großen Erfolg bewiesen. Nun schwappt der Trend auch auf E-Books über. Autoren wie die 26-jährige Amanda Hocking machen mit leichter Kost zu günstigen Preisen ein Vermögen.

von Claudia Zettel

Kein Verlag, kein Papier, keine Abhängigkeiten - Amanda Hocking, eine 26-jährige gelernte Altenpflegerin aus Austin, Minnesota, schreibt leicht verträgliche Liebesromane, publiziert sie selbst als E-Books und ist damit innerhalb nur eines Jahres zur Millionärin geworden. Die Erfolgsgeschichte der Amerikanerin liest sich wie aus einem kitschigen Bilderbuch und stellt gleichzeitig eine ganze Branche auf den Kopf.

Schon seit der Schulzeit versucht sich Hocking an romantischen Vampir- und Zombiegeschichten, eine Story nach der anderen fließt ihr aus der Feder. Doch lange Zeit fand die junge Autorin keinerlei Aufmerksamkeit damit, wurde beim Versuch, einen Verleger zu finden, immer wieder abgewiesen. „In der Highschool habe ich meinen ersten Roman geschrieben, und seither laufend an Agenten geschrieben, in der Hoffnung, sie würden meine Bücher publizieren“, erzählt Hocking der futurezone. Doch sie sei immer abgewiesen worden. Irgendwann hat es der 26-Jährigen dann gereicht. „Als im vergangenen Jahr ein Buch, auf das ich besonders stolz war, abgelehnt wurde, dachte ich mir: Ich habe nichts zu verlieren“, sagt Hocking. Im März 2010 wagte sie den Schritt zur Selbstveröffentlichung. Sie stellte ihre Geschichten auf ihrem Blog und auf Amazons Kindle-Plattform online.

In kürzester Zeit entwickelten sich die E-Books der Amerikanerin zum Kassenschlager. Heute verkauft sie etwa 100.000 Stück pro Monat und hat damit mittlerweile geschätzte 2,5 Millionen Dollar verdient. Ihr Erfolgsrezept: Hocking verlangt nur sehr geringe Beträge – zwischen 0,99 und drei Dollar für ihre Bücher. Anders als bei traditionellen Verlagen üblich behält sie bei ihren Verkäufen über den Kindle-Store satte 70 Prozent der Umsätze ein. Wer unbedingt möchte, kann die Werke der US-Autorin inzwischen über Amazon auch als gedruckte Ausgabe kaufen. Anderen jungen Autoren rät sie, sich die Branche genau anzusehen und herauszufinden, was passende Vertriebsmodelle für sie sind. „Das ist, was ich gemacht habe“, sagt die 26-Jährige gegenüber der futurezone.

Hocking ist mit Sicherheit ein herausragendes Beispiel, aber durchaus nicht die einzige, die mit der Mischung aus Groschenroman und digitaler Selbstvermarktung erfolgreich ist. Immer mehr unabhängige Autoren, die auf E-Books setzen, finden sich in den Bestseller-Listen. Zunächst führten noch hauptsächlich Autoren, die zuvor mit Verlagen im Rücken Bekanntheit erlangt hatten, die Rankings im Kindle-Store an – ein Beispiel liefert etwa J. A. Konrath, der mit seinen Mystery- und Horror-Romanen Berühmtheit erlangte. Doch mittlerweile finden sich immer mehr in den Top-Rankings auf der Kindle-Plattform, die sich von Anfang an lieber auf sich selbst verlassen haben. Sehr erfolgreich ist auch der US-Autor John Locke. Er führt derzeit mit „Saving Rachel“ die Top-100 der Kindle-Bestseller-Liste an und hat seit Januar 350.000 Downloads seiner 99-Cent-Romane über den Kindle verkauft. Insgesamt ist Locke derzeit mit sechs Büchern in dem Ranking vertreten.

Deutschsprachiger Markt hinkt hinterher Der E-Bookmarkt hinkt hierzulande den Entwicklungen in den USA noch deutlich hinterher. Das liegt sowohl an fehlendem Literaturangebot als auch an der noch immer relativ geringen Verbreitung von E-Readern. Langsam kommt aber auch am deutschsprachigen Markt mehr Bewegung auf.

Der Mediziner und Autor Berndt Rieger versucht sich mit seinem E-Book-Verlag „iandb“ bereits seit drei Jahren auf dem Gebiet. „Gergündet wurde der Verlag als Versuch, Autoren möglichst gute Einkünfte mit E-Books zu ermöglichen. Jeder Autor ist willkommen, sofern sein Werk nicht gegen Recht Gesetz und Anstand verstößt und halbwegs professionell aufbereitet ist“, sagt er im futurezone-Interview. Der gebürtige Österreicher schreibt medizinische Ratgeber, aber auch erzählerische Werke, 1990 hat er am Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teilgenommen. Obwohl er selbst einen E-Book-Verlag betreibt, verlässt er sich nicht nur auf das digitale Format: „Kleine Texte gibt es von mir nur als E-Book, den Großteil aber auch als Paperback, da die Nachfrage da ist und man dafür auch mehr verlangen kann“, sagt Rieger.

Die Preise für E-Books bei iandb richten sich grob nach der Datengröße und starten bereits bei kleinen Beträgen von 2,99 Euro. „Ich schütte Einkünfte einmal jährlich an Autoren aus und behalte 30 Prozent ein“, so Rieger. Noch lägen die Einkünfte im Cent-Bereich, doch der Mediziner ist überzeugt, dass sich das künftig ändern wird, wenn „die Werke ein Alleinstellungsmerkmal haben, regelmäßige Updates bieten, um Raubkopien obsolet zu machen, und preisgünstig bleiben.“

Skepsis in der BrancheE-Books sind auch ein großes Thema auf der derzeit stattfindenden Leipziger Buchmesse. Für dieses Jahr erwartet die Branche – getrieben von der Tablet-Verbreitung – den Durchbruch in dem Segment. Dass es so ganz ohne Verlage geht in Zukunft, daran glaubt man aber nicht so recht.

„Die Autorin Amanda Hocking ist sicherlich ein Einzelphänomen, jedenfalls was Deutschland betrifft“, sagt Claudia Paul, Sprecherin des Börsenverein des deutschen Buchhandels. Zwar gebe es Beispiele wie Marcus Albers , der damit PR gemacht habe, dass er ein Buch ohne jeden Verlag schreibt und vermarktet. „Doch Herr Albers ist Journalist, als solcher den Medien bekannt und hat sicher auch das Talent zur professionellen Eigenvermarktung. Das hat nicht jeder Autor“, gibt Paul zu bedenken.

Eigenverlage, Print-on-Demand und ähnliches gebe es in Deutschland schon geraume Zeit. Auch große Verlagsgruppen gründen mittlerweile Geschäftszweige, über die sie Autoren die Möglichkeit geben, selbstständig zu publizieren. „Damit haben einige sicher auch Erfolg, eine Konkurrenz für die Veredelungsleistung der Verlage ist das allerdings nicht“, so Paul.

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