Digital Life
25.07.2016

"Die Idee für einen Amoklauf kommt nicht beim Spielen"

Counter-Strike wird im Rahmen der Debatte immer wieder genannt © Bild: AP/JOERG SARBACH

Großangelegte Studien und Untersuchungen bestätigen, gewalttätige Computerspiele sind nicht Auslöser für Amokläufe und Attentate.

Was in den Nullerjahren bereits ausführlich abgehandelt wurde, flammt nun im Zusammenhang mit dem Amoklauf in München erneut auf: Die Diskussion über den Umgang mit sogenannten Killerspielen.

Counter Strike ist das Spiel, das der Amokläufer übermäßig gespielt haben soll. Es ist seit dem Jahr 2000 erhältlich und wurde von Millionen junger Menschen ähnlich exzessiv gespielt. Eine dadurch hervorgerufene Welle der Gewalt blieb aber aus. Ein Schluss, der die meisten groß-angelegten Studien zu diesem Thema zusammenfasst. Keine seriöse Untersuchung zu dem Thema behauptet, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Spielen von gewaltverherrlichenden Spielen und Amokläufen gibt.

Soziales Umfeld

Es gelte mittlerweile als allgemein akzeptiert, dass Gewalt in Medien nicht für alle gleich gefährlich ist, heißt es in einer 561 Seiten umfassenden Studie, die 2010 vom deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht wurde. Im Umgang mit Gewalt in Medien, insbesondere in Computerspielen, sei das soziale Umfeld der Kinder und Jugendlichen von zentraler Bedeutung. Dass Computerspiele direkt zu Gewalt führen, kann daher nicht so einfach behauptet werden.

"Der Konsum von Gewaltmedien führt erwartungsgemäß zu keiner direkten Verstärkung der Gewaltdelinquenz, allerdings zu einer Verstärkung von Einstellungen, die gewalttätiges Verhalten befürworten." Das stellt eine Langzeitstudie der Universität Bielefeld fest, die in Deutschland seit über 15 Jahren Jugendliche zum Thema Gewalt befragt.

Zu einer ganz ähnlichen Erkenntnis kam die Kriminologin Britta Bannenberg nachdem sie in Deutschland 75 Amokläufe untersucht hatte. Auf die Frage, ob Gewaltspiele eine Ursache für die gesellschaftliche Verrohung seien, sagte sie erst kürzlich in einem Interview mit der Neue Zürcher Zeitung: "Ego-Shooter sind nicht die Ursache. Die Idee für einen Amoklauf kommt nicht beim Spielen. Es ist umgekehrt.“

Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik, der auch dem Schützen von München als Vorbild diente, habe etwa derartige Spiele dazu genutzt, um sich daran zu gewöhnen, wenn Blut fließt und Körper zerfetzt werden. Die Amokläufer würden versuchen sich mithilfe von sogenannten Killerspielen zu stählen und vorzubereiten, sagt Bannenberg.

Eltern in der Mitverantwortung

"Es kommt ja nicht von ungefähr, dass beim Militär derartige Video-Spiele zu Trainingszwecken eingesetzt werden" sagt auch Brigitte Rollett, emeritierte Professorin der Universität Wien, deren Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie ist gegenüber der futurezone. "Fakt ist: Jedes Kinderspielzeug und jedes Computerspiel, das mit Kampf und Gewalt zu tun hat, senkt natürlich die Schwelle, in diese Richtung etwas zu unternehmen."

Dennoch: "Es sind bei weitem nicht alle Spieler gefährdet. Entscheidend ist, dass Eltern ihre Kinder nicht sich selbst überlassen." Eltern sollten sich für die virtuelle Welt ihrer Kinder interessieren, damit sie angemessen darauf reagieren und gemeinsam kritisch reflektieren können.

Kommerzielles Interesse

Wenn schon über Mediengewalt als möglicher Auslöser für derartige Gewalttaten diskutiert wird, könne man auch eine fast schon provokante und medial kaum wahrgenommene These erwähnen, sagt Medienwissenschafter Ramón Reichert im Gespräch mit der futurezone. Demnach könne man auch behaupten, sogenannte Killerspiele könnten eine Art Boxsack darstellen, der dazu dient, bereits vorhandene Gewaltfantasien zu kanalisieren.

Nicht außer Acht lassen dürfe man in diesem Zusammenhang auch andere mediale Phänomene, so Reichert; etwa die aktive Beteiligung der Massenmedien. "Hinter der sensationsheischenden Verbreitung von Inhalten, unter anderen auch gewaltvollen Inhalten, stehen auch klare kommerzielle Interessen."

Man müsse sich die Frage stellen, ob und in welcher Weise die Berichterstattung zur Heroisierung der Täter beiträgt. "Um einer Selbstradikalisierung etwas entgegen zu halten, könnte es eventuell hilfreich sein, den Attentätern und Amokläufern keine derartige Plattform zu bieten", regt Reichert an. Denn Aufmerksamkeit auf sich zu lenken sei vielfach deren letzter Wunsch. Vielleicht solle man versuchen, im medialen Spiel um Aufmerksamkeit den Tätern nicht auch noch entgegenzukommen, indem man sie ins Rampenlicht stellt", sagt Reichert.