Digital Life
06/18/2013

“Die TV-Branche sucht noch ihr Google”

Dexter, House, Rescue Me, True Blood - der US-Amerikaner Paul Matthaeus ist für einige der bekanntesten Intros der letzten Jahre verantwortlich. Der mit dem Emmy prämierte Regisseur besuchte Wien und sprach dort über die Arbeit seiner Agentur Digital Kitchen. Mit der futurezone unterhielt er sich über die Zukunft des Fernsehens, 4K, 3D und das missglückte Intro der David-Fincher-Serie "House of Cards".

Wer bereits einmal eine Folge der TV-Serien Dexter, Six Feet Under, House oder True Blood gesehen hat, kennt die Arbeit von Paul Matthaeus. Der US-Amerikaner gehört mit seinem Studio Digital Kitchen zu einem der gefragtesten Regisseure für Intro-Sequenzen, in den letzten acht Jahren konnte er elf Emmy-Nominierungen vorweisen, von denen er zwei gewinnen konnte.

Mittlerweile hat sich Matthaeus aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen, doch seine Agentur setzt ihre Arbeit in seinem Namen fort und sorgte zuletzt vor allem mit der Gestaltung des vier Milliarden Dollar teuren Hotels "The Cosmopolitan" für Aufsehen, das unter anderem als das beste Hotel der Welt gilt. Im Rahmen des Überall App-Kongresses besuchte Matthaeus Wien. Die futurezone nutzte die Gelegenheit, um sich mit ihm darüber zu unterhalten, wieso 4K nicht vorankommen wird, wo die Grenzen für Video auf Google Glass liegen und wie er David Finchers Arbeit verbessern würde.

Wenn die Leute den Titel Creative Director hören, müssen sie wohl instinktiv an Don Draper aus Mad Men denken - sieht ihre Arbeit so aus?
Nun ja, mein Unternehmen Digital Kitchen ist wohl etwas ungewöhnlich in dieser Hinsicht. Ich hatte wie Don Draper eine Werbeagentur, mit Mad Men hatte das aber nur wenig zu tun. Als es zur Desktop-Revolution Mitte der 90er für Print und Video kam, gründete ich ein Studio innerhalb der Agentur, das Digital Kitchen hieß. In diesem Think Tank sollten sich Künstler, Designer und die Art Directors mit den neuen digitalen Möglichkeiten austoben. Andere Agenturen konzentrierten sich zu dieser Zeit vor allem auf das Internet, das noch in den Kinderschuhen steckte.

Ich wollte jedoch vor allem Video vorantreiben. Das liegt daran, dass ich zunächst Film und Fotografie studiert habe, im Anschluss daran aber sofort auch meinen Abschluss in Grafikdesign und Werbung gemacht habe. Diese Verbindung zum Handwerk hat meine Perspektive auf Kreativität stark beeinflusst, weil es um den Prozess zwischen der Idee und der Wirkung auf den Kunden geht. Damit dürften wir wohl eine der Agenturen sein, die am wenigsten Ähnlichkeiten mit Don Draper aufweisen können.

Es ist technisch gesehen immer noch deutlich aufwändiger, Videos in hoher Qualität zu produzieren, als Fotos zu schießen oder Texte zu schreiben - wieso sind Sie beim Medium Video geblieben?
Die Mischung aus bewegtem Bild und Ton gibt meiner Meinung nach das wahre Leben am Besten wider. Es eignet sich einfach am Besten dazu, um eine Erfahrung aus erster Hand zu vermitteln. Ich respektiere Print und Radio und einige andere Medien, doch nichts ist so intensiv wie Video.

Könnte durch 3D diese Erfahrung ihrer Meinung nach verstärkt werden?
Irgendwann wird es das. Derzeit steht dem noch die Technologie selbst im Weg, die einfach verhindert, dass man sich in der Erfahrung verliert. Bei heutigen 3D-Filmen verliert man beispielsweise die Hälfte des Lichts, weil das Bild für Links und rechts aufgeteilt werden muss. Es hat für mich noch nicht so recht das Potential, das herkömmlicher Film bietet, irgendwann wird es aber so weit sein. Derzeit fühlt es sich noch wie ein Gimmick an.

Stichwort: Second Screen. Viele Smartphone- und Tablet-Nutzer können sich bereits jetzt nicht während des Fernsehens vom "zweiten Bildschirm" lösen, Lösungen von den TV-Anbietern gibt es nur wenige. Sehen Sie eine Möglichkeit, diesen Trend produktiv zu nutzen?
Definitiv und ich glaube, dass das derzeit die größte Herausforderung für die TV-Sender und Serien-Macher darstellt. Wenn man sich einmal näher ansieht, wie die Leute den Second Screen nutzen, so stellt man fest, dass mehr als die Hälfte davon überhaupt überhaupt nichts mit der gerade laufenden Serie oder Film zu tun hat, beispielsweise Shoppen auf Amazon. Im Grunde genommen ist die Sendung schlicht und ergreifend nicht einnehmend genug, sodass ich zu anderen Dingen verleitet werde.

Es gibt aber bereits einige Sendungen, die über den Second Screen Zusatznutzen bringen wollen. Wir machen aber gerade einmal erste Schritte. Beispielsweise die soziale Komponente: einige Leute schätzen es, wenn sie sich wie beim Spielen im Internet, mit Freunden einfach nur nebenbei unterhalten können, während gerade etwas im Fernsehen passiert. Das hat sich bereits als erfolgreich erwiesen.

Aber wie soll dieser Austausch stattfinden, wenn Dienste wie Netflix oder Hulu am Vormarsch sind und man TV-Serien jederzeit ansehen kann und somit nicht an ein fixes Ausstrahlungsdatum gebunden ist?
Es wäre natürlich nicht in Echtzeit, viel mehr wie bei einem Blog, unter dem man jederzeit Kommentare setzen kann. Aber es wird natürlich immer diese kleine Menge an Fans geben, die die neue Folge zur Veröffentlichung sehen wollen, auch wenn diese Zahl stetig im Schrumpfen begriffen ist. Die Leute sehen einfach zunehmend die Vorteile von On-Demand-Lösungen und wollen ihren eigenen Zeitplan aufstellen.

In den USA scheint diese Denkweise bereits angekommen zu sein, in Europa sucht man ein zu Netflix vergleichbares Angebot noch vergeblich.
Das liegt meiner Meinung nach aber auch vor allem an der Gewohnheit. Es herrscht auch in den USA nach wie vor ein Zeitplan-System vor. Fernsehen ist immer noch von einem vorgefertigten Programm abhängig, anstatt dass ich mir nach Genre, Beliebtheit oder anderen Parametern meinen Wunschkanal zusammenstellen könnte. Bislang hat niemand einen Weg gefunden, On-Demand-Lösungen und diese veraltete Denkweise miteinander zu verbinden, aber es muss meiner Meinung nach gemacht werden.

Ein weiteres großes Problem dabei sind die geschlossenen Ökosystemen der verschiedenen Plattformen, beispielsweise iTunes. Die Inhalte sind nur in diesem Ökosystem verfügbar und lassen sich darin problemlos konsumieren. Doch wenn ich einen Weg hinaus suche, beispielsweise wenn ich einen gekauften Film auf einem anderen Gerät konsumieren möchte, bin ich verloren. Die TV-Branche sucht noch nach ihrem Google, nach einem Ort, an dem alle Plattformen wie Netflix, Hulu und iTunes durchsucht und konsumiert werden können.

Auch wenn Digital Kitchen keine klassische Werbeagentur ist, macht Werbung auch einen Teil ihrer Umsätze aus. Ist es für sie nicht auch bedrohlich, dass klassisches Fernsehen abnimmt und damit "einfache" Umsätze wegbrechen?
Das ist eines der Themen, die ich in meiner Präsentation auf dem Überall App Kongress diskutiert habe: der Rückgang von Paid Media. Das ist klassische Werbung, bei der die Werber dafür bezahlen, dass sie mich beim Fernsehen oder anderen Tätigkeiten unterbrechen dürfen. Es gibt auch noch drei andere Formen, "Earned", "Owned" und "Shared" Media. Earned Media umfasst all jene Inhalte, über die von den Medien freiwillig berichtet wird und für die nichts bezahlt werden muss. Owned Media sind selbst betreute Medieninhalte, die ein Publikum erreichen, und Shared Media sind Auftritte auf sozialen Netzwerken wie Facebook. Meiner Meinung nach wird Paid Media deutlich abnehmen, wohingegen diese drei Bereiche zulegen werden. Das liegt vor allem daran, dass die Leute die Kontrolle übernehmen und Unterbrechungen nicht mehr akzeptieren.

Glauben Sie aber, dass sich trotz dieses Wandels die derzeit sehr hohen Umsätze in der Medien- und Werbebranche beibehalten lassen?
Noch sind die Umsätze hoch, aber Shared, Owned und Earned Media sind auf dem Vormarsch. Die Umsätze sind nur noch so hoch, weil die Werbeagenturen und Unternehmen noch nicht wissen, wie sie mit dem Wandel umgehen sollen. Sie neigen nun einmal dazu, sich zu wiederholen, wenn etwas funktioniert und das kann ich auch verstehen. Es geht da draußen wie im Wilden Westen zu, es gibt viel unerforschtes Land. Aber diejenigen, die sich trauen, Fehler zu machen, können profitieren.

Sehen Sie eigentlich eine Bedrohung für ihr Geschäftsfeld durch den Aufstieg der YouTube-Generation?
Nikon und Canon haben bereits leistbare Kameras veröffentlicht, die in 2K-Auflösung aufnehmen können. Das ist die übliche Auflösung eines Spielfilms. Bisher war das nur mit großen Panavision-Kameras, die rund 100.000 bis 500.000 US-Dollar gekostet haben, möglich. Jetzt bekommt man das bereits für 30.000 US-Dollar. Die Produktion von Video-Inhalten in hoher Qualität wird also deutlich zugänglicher. Die gute Nachricht ist, dass es eine Tendenz weg von Flash-Inhalten hin zu Rich Media gibt. Vor allem das Geschichtenerzählen mit Videos ist auf dem Vormarsch, mehr als 95 Prozent des gestreamten Contents im Web ist Video. Die Bandbreite von Inhalten wird dadurch deutlich breiter, angefangen bei YouTube hin zu Videos in hoher Qualität.

Wir konsumieren bereits jetzt Video auf allen möglichen Plattformen, sei es nun Smartphone oder Tablet, doch Googles neue Smartglasses scheint wohl der nächste kommende Geräte-Typ zu sein. Haben Sie bereits Vorstellungen dazu, wie wir darauf Videoinhalte konsumieren werden?
Definitiv, in gewisser Weise sind sie mit Kopfhörern vergleichbar. Es geht um diese persönliche Erfahrung und die Möglichkeit, Inhalte wo und wann auch immer man möchte zu konsumieren. Mit Fernsehen kann es dennoch aus einigen Gründen nur schwer konkurrieren, vor allem der soziale Aspekt fehlt noch. Womöglich könnte die Lösung ähnlich wie beim Online-Spielen auf der Konsole aussehen, dass wir mit Freunden über Kopfhörer sprechen, während wir gemeinsam schauen, aber herkömmliches Fernsehen wird dennoch intimer bleiben. Der andere interessante Aspekt ist, dass Smart Glasses womöglich ein besseres 3D-Bild produzieren und so der Technologie zu ihrem Durchbruch verhelfen könnten.

Von welcher neuen Technologie hat die Entwicklung der Filmindustrie ihrer Meinung nach in den letzten Jahren am meisten profitiert?
Die wohl größte Revolution lag im Wechsel von herkömmlichen Film auf ein vollkommen digitales Format. Die längste Zeit haben wir herkömmlichen Film beibehalten, obwohl die Digitaltechnologie schon lange existierte, einfach weil etwas Organisches oder Atmosphärisches dahintersteckt. Die Qualität von Digitalfilm hat einen Punkt erreicht, an dem er so viel besser ist, auch wenn er in einigen Punkten immer noch nicht mit herkömmlichen Film vergleichbar ist, aber er ist deutlich besser kontrollierbar und die Arbeitsabläufe sind nahezu makellos. Früher mussten von der ersten Aufnahme bis zur fertigen Version bis zu acht Kopien gemacht werden, dabei ging sehr viel Qualität verloren. Heute sind dadurch so wunderschöne Bilder wie in Breaking Bad möglich.

Glauben Sie, dass der Endkunde den Unterschied merken wird? Wir haben bei mobilen Endgeräten ja bereits eine Pixeldichte erreicht, bei der mit dem freien Auge keine Pixel mehr erkennbar sind.
Nun ja, da ich nun mal aus der Fotografie komme, würde zumindest ich davon profitieren. Aber das ist so eine Sache, denn ich denke, für die meisten ist HD wirklich genug. Wenn man dann jedoch einmal ein 4K-Video gesehen hat, das die Technologie tatsächlich ausreizt, ist es beeindruckend. Es ist nicht nur die Schärfe, auch die Farbtiefe ist deutlich besser. Ich glaube aber, dass wir damit den Punkt erreicht haben, an dem wir kaum noch von einer höheren Auflösung profitieren würden.

"Der Hobbit" löste im Vorjahr eine große Diskussion über die 48 fps-Technologie aus und dass der Film durch die ungewohnt hohe Framerate unnatürlich wirken würde. Ist die Technologie ihrer Meinung nach, auch bei Nicht-3D-Filmen, sinnvoll oder einfach nur unnötig?
Es ist interessant, denn eine der vielen Beschwerden über moderne LED-Fernseher ist, dass alles darauf wie eine Nachrichtensendung aussieht [Anm.: durch die hohe Bildwiederholfrequenz]. Es sieht alles sehr elektronisch aus, teilweise überdetailliert. Sehr viele der Dinge, die wir als schön am klassischen Film erachten, entspringt aus Gewohnheit. Diese gewisse Unschärfe erschafft eine nahezu traumhafte Vorstellung. Wenn es um höhere Bildraten und Auflösungen geht, sollte das meiner Meinung nach nur die Möglichkeiten erweitern. Wenn man nun ein unscharfes Bild und eine niedrige Bildrate bevorzugt, hat man diese Möglichkeit weiterhin. Aber der Versuch, all diese neuen Technologien auf einmal voranzutreiben, zerstört in unseren Augen ein wenig den klassischen Film, daher wird es wohl einige Jahre dauern, bis wir uns daran gewöhnt haben.

Sie haben so markante Intro-Sequenzen für TV-Serien wie True Blood, Dexter oder Six Feet Under konzipiert und gedreht - wenn Sie für eine aktuelle Serie das Intro neu gestalten könnten, welche wäre das?
Ich hätte gerne das Intro für House of Cards gemacht. Meine Philosophie für diese Einleitungssequenzen ist, dass sie von mehr als nur der Serie handeln sollen. Nehmen Sie Six Feet Under, es geht nicht um eine Familie von Leichenbestattern, sondern um die metaphysische Beziehung von Leben und Tod. In Dexters Intro geht es um die alltägliche Gewalt, True Blood impliziert hingegen, dass in diesem Gebiet des Landes etwas am Köcheln ist. Meiner Meinung nach hätte man das auch mit House of Cards machen können, aber David Fincher hat das nicht so gut erwischt. Das Intro sagt kaum etwas über diese Petrischale, in der die Darsteller operieren, aus.

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