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Interview

Die Web 2.0-Literatur braucht Mäzene

Wie kommt man auf die Idee, einen Facebook-Roman zuschreiben?

Man beschäftigt sich 20 Jahre lang mit Text & Kommunikation, bleibt immer neugierig und wartet dann auf die ausschlaggebende Frage der eigenen Tochter: "Gibt es Geschichten auf Facebook?".

Sie schreiben als "Autor TG" - wollen Sie anonym bleiben?

Als Autor schreibe ich unter dem Pseudonym TG, nicht weil ich anonym bleiben möchte, sondern aufgrund meines unaussprechlichen Namens.

Wollten Sie eine neue Literaturgattung kreieren oder was war Ihr Beweggrund?

Kreativität resultiert immer in Erschaffung von etwas Neuem, aber dies sollte nicht ihr Selbstzweck sein. Mein Beweggrund war sehr einfach: Die Lust auf Neues war hier größer als die Angst davor.

Die Gattung der Handy-Romane ist in Japan auch ziemlich erfolgreich.

Ja, das finde ich sehr interessant. Literatur ist an und für sich schon ein Experiment und experimentiert daher auch rasch in und mit neuen Kanälen und Formen. Alles, was uns neue Gedanken statt banaler Berieselung bringt, finde ich wunderbar.

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Der Roman könnte ja eigentlich schon fertig sein und in 420 Zeichen lange Einzelteile zerlegt worden sein.

Das wäre a) nicht das angekündigte Vorhaben, b) langweilig und c) müsste ich hellseherische Fähigkeiten beim Schreiben gehabt haben. Jeder, der Zwirbler verfolgt, sieht, dass die bisherige Handlung wesentlich von den Usern beeinflusst wurde. Ein Abtippen eines fertigen Romans würde den Fans sofort auffallen. Die Vorschläge und Kommentare bei Zwirbler aber fließen in die Geschichte ein. Zwirbler wird in Echtzeit und für Facebook geschrieben.

Sie schreiben: "Der Ausgang ist ungewiss. Werden Sie Teil davon!" Wie kann ich als Facebook-User Teil von Zwirbler werden?

Sie gehen auf zwirbler.com, dort steht: Sie klicken auf "Gefällt mir" und können dann mitlesen und - wenn Sie möchten - auch sofort mit Ihren Kommentaren Vorschläge für die Handlung machen. Diese müssen nicht einmal ausformuliert sein, ein kurzer Gedanke genügt.

Inwieweit lassen Sie sich vom Feedback beeinflussen?
Stark, manchmal stärker als mir lieb ist. Aber genau so war es ja gedacht. Das ist ja der Vorteil/Nachteil, dass man auf das Geschriebene sofort Feedback bekommt. Hier ist es Teil des Projektes, die User sind dazu aufgerufen zu beeinflussen. Die Fans bestimmen die Handlung mit.

Feedback kann gut oder weniger gut sein - es kann doch die Gedankengänge stören, den roten Faden, den man sich vielleicht schon zurechtgelegt hat.

Ja, das tut es auch jedes Mal: das Feedback "zerstört" meinen soeben gefundenen roten Faden. Aber das ist die Herausforderung, die ich mir selbst auferlegt habe und genau dies ist meine Aufgabe als Autor: einzelne Gedanken zu einer stringenten Geschichte zu verweben. Ich wollte es ja nicht einfach und bequem, sondern spannend: das war meine freiwillige Wahl.

Wann schreiben Sie, wie schreiben Sie?

Zu jeder möglichen und unmöglichen Tages- oder Nachtzeit, und zur Frage "Wie": Auf einer Tastatur, mit den Fingern. Im Gegensatz zu Zwirbler habe ich noch alle.

Haben Sie das Twitter-Projekt des deutschen Autors Marcel Magis verfolgt? Wie sehen Sie es?

Ja. Es gibt zahlreiche Twitter-Romane, die meisten nehmen ein fertiges Manuskript und kommunizieren es stückchenweise: Literatur-Abo über einen neuen Kanal. Auch das finde ich gut und - wie jedes Vorhaben mit dem Mut eine neue Idee umzusetzen - unterstützenswert. Je mehr es davon gibt, je mehr sich Autoren und Leser auf Experimente einlassen, desto besser. Twitter ist noch beschränkter von der Zeichenlänge, selbst bei den 420 Zeichen von Facebook kämpfe ich um jedes Satzzeichen. Für Zwirbler schien es mir nicht geeignet, denn Zwirbler braucht etwas mehr Platz für seine Gedanken.

Werden Sie Zwirbler am Ende auch in Buchform herausgeben? Print on demand würde irgendwie dazu passen.

Etliche Anfragen von Usern - mit dem Wunsch das Werk auch im Gesamten nachzulesen - sprechen dafür. Der Markt wäre also wohl dafür vorhanden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie im Web 2.0 für Autoren?

Das Internet hat uns alle vom reinen Rezipienten zum Herausgeber katapultiert, mit all seinen Vor- und Nachteilen heißt das auch direktere Kommunikation zwischen Autor und Leser, das Verschwimmen der Grenzen zwischen beiden. Da werden wir also noch viel Neues sehen und ich halte es für sehr wichtig, neue Vorhaben zu unterstützen: Wenn jemand den Mut hat,
etwas zu wagen, verdient er unsere volle Unterstützung. Denn er wagt es eigentlich statt uns: Jeder, der den Mount Everest besteigt, tut dies statt uns, während wir am Sofa sitzen, steigt er bei -30 Grad ohne Sauerstoff Tausende Meter hoch.

Werden Sie andere inspirieren? Gibt es schon internationale Nachahmer?

Eine Inspiration für andere zu sein, empfinde ich nicht als schlimmstes Schicksal.

Kann man vom Bücherschreiben in sozialen Netzwerken überhaupt leben?

Es wäre schön, wenn es mehr Förderungen, Preise und Mäzenen in diesem Bereich gäbe. In der Literatur gibt es nach wie vor den Missstand, dass nur Bestseller-Autoren wirklich gut von ihrer Arbeit leben können. Gerade das Internet beweist aber wieder: Quantität ist nicht immer gleich Qualität.

Gibt es ein anderes Web 2.0-Projekt, das Sie spannend fänden?

Ja, einige, aber ich konzentriere mich jetzt auf Zwirbler, das gibt mir derzeit mehr als genug Spannung.

(Gerald Reischl)

!Gergely Teglasy wurde 1970 in Budapest geboren, er lebt und arbeitet als Autor, Kommunikationsfachmann und Mediengestalter in Österreich und Ungarn. Autor TG, wie er sich nennt, studierte Theater,- Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien und publizierte bereits Artikel in Zeitungen wie Falter oder Profil. Teglasy übersetzte Thomas Bernhards "Ein Kind" ins Ungarische. Er schrieb Theaterstücke und auch Drehbücher. Er gründete das Merlin International Theater, den Abovo Verlag in Budapest, die Frames Filmproduktion und Werbeagentur, die Agentur vision|works und das Medienunternehmen medscreen. Er unterrichtet auch am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft und am Wifi.
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