Digital Life
13.02.2015

Digitale Vergänglichkeit: „Das vergessene Jahrhundert“

Da Daten in ferner Zukunft nicht mehr lesbar seien, warnt Internet-Pionier Vint Cerf davor, dass unsere Zeit als "vergessenes Jahrhundert" in die Geschichte eingehen könnte.

Wie werden Historiker wohl in ein paar hundert Jahren unser digitales Informationszeitalter interpretieren? Wahrscheinlich gar nicht, mahnt der Informatik-Visionär Vint Cerf vor der Vergänglichkeit digitaler Daten. „Unsere jetzigen Dateien werden in Zukunft nichts als unnützer digitaler Müll sein“, sagt Cerf. Er warnt davor, dass unsere heutigen Daten für künftige Computer unlesbar sein könnten. Daher bestehe die Gefahr, dass Historiker in ferner Zukunft unser Zeitalter als vergessenes Jahrhundert wahrnehmen könnten. Fotos, die man Enkeln oder gar Urenkeln zeigen möchte, sollte man sich deshalb besser ausdrucken, empfiehlt Cerf.

Historische Dokumente

Was im privaten Bereich noch einigermaßen lösbar scheint, beschäftigt auf anderen Gebieten ganze Universitätsinstitute. „In den vergangen Jahren ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit der digitalen Langzeitarchivierung stark gewachsen“, erklärt der auf digitale Langzeitarchivierung spezialisierte TU-Wien-Professor Andreas Rauber. Schließlich gebe es heute genug historisch relevante Dokumente, die nur mehr in digitaler Form verfügbar sind. Man denke nur an Konstruktionspläne von Flugzeugen, Industrieanlagen, Kraftwerken oder Gebäuden, an medizinische Daten, politische Dokumente oder Gerichtsurteile.

„Bei einer solchen Archivierung muss gewährleistet werden, dass all die erforderlichen Bits und Bytes selbst in ferner Zukunft noch in intakter Form vorhanden sind“, sagt Rauber. Durch mehrfache Speicherung auf verschiedenen Datenträgern sei dieses Problem aber so gut wie gelöst.

„Andererseits muss sichergestellt werden, dass die künftigen Computergenerationen diese Dateien überhaupt noch entziffern können“ erklärt der Wissenschaftler. Dafür versuchen die Forscher die digitalen Informationen immer wieder zu migrieren und in aktuelle oder standardisierte Dateiformate umzuwandeln.

„Die Herausforderung ist, dass dabei keine wichtigen Informationen verloren gehen“, erläutert Rauber. „Computerprogramme werden in ein paar Jahren wohl gänzlich anders funktionieren als heute. Daher emulieren wir auch alte Computerprogramme nach, passen sie den aktuellen Benutzeranforderungen an und machen so alte Dateien wieder lesbar.“

Langzeitarchiv

Im Gegensatz zu Unternehmen haben Behörden und Kulturinstitutionen das Problem bereits frühzeitig erkannt und entsprechende Projekte ins Leben gerufen. So gehört im Österreichischen Staatsarchiv eine solche digitale Langzeitarchivierung bereits zum Alltag.

„Fast vier Jahre haben wir nach praktikablen Lösungen geforscht. Seit gut eineinhalb Jahren ist unser Langzeitarchiv nun im Vollbetrieb“, erklärt Hannes Kulovits, Leiter des Digitalen Archivs, der futurezone. Es soll sicherstellen, dass die wichtigen Dokumente des Bundes und der Verwaltung, die in Österreich seit 2004 nur mehr in digitaler Form verfügbar sind, für die Nachwelt authentisch erhalten bleiben.

Laut Kulovits ist das Speichern ein permanenter Prozess, der an technische Errungenschaften angepasst werde. Bislang wurden mehrere Hunderttausend Akten und Dokumente archiviert.