Digital Life
22.09.2014

Ein Entschleunigungsbett für die Generation Web

Das Vorarlberger Startup „Die Koje“ baut Designer-Zirbenbetten, die nachweislich den Herzschlag im Schlaf senken und vor allem die Generation Web „entschleunigen“ sollen.

Es war ein Schicksalsschlag vor nunmehr fast zehn Jahren, der Christian Leidinger dazu zwang, ein Handwerk auszuüben, das er zwar gelernt, aber das er nicht ausüben wollte: Sein Vater starb beim Tsunami im thailändischen Khao Lak. „Ich bin einige Tage später mit meinem Bruder hingeflogen, um ihn zu suchen“, schildert er. Am 9. Jänner 2005, 14 Tage nach dem Tsunami, führten sie den Betrieb des Vaters in Bludenz weiter – eine Tischlerei, die darauf spezialisiert war, Fenster und Türen für Großprojekte zu fertigen. „Wir hatten gehofft, das nur so lange machen zu müssen, bis unser Vater wieder heim kommt.“ Seine Leiche wurde vier Monate später identifiziert.

Tischler mit Ausnahmegenehmigung

Zwölf Mitarbeiter hatte das Unternehmen damals, die Banken hatten die Konten dicht gemacht und nur durch eine Intervention des damaligen Landeshauptmanns Sausgruber durften sie auf die Firmengelder zugreifen. „Niemand hat uns damals zugetraut, dass die Firma bestehen bleibt“, schildert Leidinger. Rein juristisch hätte er den Betrieb gar nicht weiterführen dürfen, weil er zu wenig Praxis und auch keine Meisterprüfung hatte. „Ich bekam eine Sondergenehmigung.“ Und Leidinger machte die Meisterprüfung nach: Sein Meisterstück: Ein Tisch mit ausfahrbarem (Apple)-Display.

Umdenken in der Krise

Über die kommenden Jahre hinweg produzierte das Unternehmen Fenster und Türen, tausende davon. Als dann die Wirtschaftskrise im Jahr 2009 kam, einige Aufträge ausblieben, gab es das erste fette Minus. „Wir hatten uns von ein paar Kunden abhängig gemacht.“ Just in dieser Phase, Leidinger war grad 30 Jahre alt, kam das nächste einschneidende Ereignis seines Lebens – ein Bandscheibenvorfall. Über Wochen war er ans Bett gefesselt und da kam er zum Nachdenken und beschäftigte sich mit dem Thema Schlafen. Zuerst informierte er sich über Matratzen und kam so zu seinem späteren Matratzenlieferanten. „Da tüfteln meine Leidenschaft ist, dachte ich als Tischler über ein eigenes Bett nach“, so Leidinger, der sich selbst als „Maker“ bezeichnet – also als einen dieser Tüftler und Technik-Begeisterten, die man durchaus als die neuen Handwerker bezeichnen kann. Mit einem völlig neuen Betten-Konzept wollte Leidinger punkten– bio, metallfrei sollte es sein und ohne Werkzeug aufzustellen. „Die Steckverbindung habe ich mir patentrechtlich schützen lassen.“

Astfreie Zirbe

Anfänglich produzierte er Betten in jeder Holzart, schubladisierte die Konzepte allerdings wieder. Bis er zur Zirbe kam – der frosthärteste Baum der Alpen. Abgesehen davon, dass das Holz angenehm nach Harz riecht, enthält die Zirbe 0,5 Prozent Pinosylvin, eine Substanz, die Pilze, Bakterien und Motten nicht mögen. Problem des Holzes – es ist sehr ast-reich, herkömmliche Zirbenbetten haben eher ein Bauernstuben-Design. Dennoch hatte Leidinger die fixe Idee, ein astfreies Designer-Zirbenbett zu bauen. „Unmöglich haben damals alle gesagt“, erinnert er sich. „Tischlerkollegen haben mir sogar Arroganz vorgeworfen, weil ich die Äste der Zirbe nicht respektiere.“ Im Nachsatz: „Bio und gesund schaut ja meistens ein bisschen bescheiden aus“, so Leidinger. „Wenn ich Birkenstock wäre, würde ich auch einen Birkenstock-Schlapfen designen, der cool aussieht.“

Nachhaltige Produktion

Heute kann Leidinger über die Bedenken der Konkurrenten schmunzeln, denn er produziert nachhaltig – „sie wissen ja gar nicht, wie viel an Lack und Sondermüll in einer normalen Tischlerei anfällt“, so Leidinger. „Bei uns fällt praktisch kein Müll an.“ Der Bau eines Zirbenbettes dauert zwar dreimal so lange wie bei anderen Holzarten, allerdings wird das Holz zu 100 Prozent verwendet.

Das astige Material wird im konstruktiven Innenteil des Bettes verwendet, Hobelspäne kommen in Zirbenkissen und aus dem Rest werden Hackschnitzel gemacht, mit der die Firma geheizt wird. Die Reaktion auf seine Zirbenbetten war derart positiv, dass er sich dazu entschied, sein eigenes Startup zu gründen – Die Koje - Synonym für "kleiner Laden". Er nahm volles Risiko, verkaufte ein Grundstück, seinen geliebten Oldtimer, ein 502 BMW "Barockengel", und investierte alles in seine neue Firma. Die verkauft nun "Bett und Zeug", die Zirbenbetten, sind ab 1350 Euro zu haben. Leidinger bezeichnet sie als „Entschleunigungsbetten“. Denn die Betten beeinflussen den menschlichen Organismus. Was sehr nach Esoterik und Scharlatanerie klingt, wurde aber bereits vor zehn Jahren wissenschaftlich untersucht und dokumentiert.

Entschleunigung für das Herz

Am Joanneum in Graz führte in den Jahren 2002/2003 Univ.-Prof. Maximilian Moser, Leiter des Instituts für Physiologie, eine Zirbenstudie durch – „Evaluation der Auswirkungen eines Zirbenholzumfeldes auf Kreislauf, Schlaf, Befinden und vegetative Regulation“. Auf einen Nenner gebracht: „Die durchschnittliche Arbeitsersparnis für das Herz liegt bei 3.500 Schlägen oder einer Stunde Herzarbeit pro Tag.“ Aufs Jahr gerechnet erspart man dem Herz dadurch etwa 15 Tage Arbeit. Durchgeführt wurden die Untersuchungen über aufwendige Herzfrequenzmessungen an einer Reihe von Testpersonen. Durch modernste Sensortechnik und Auswertungsverfahren ist es möglich, das autonome Nervensystem sowie die biologischen Rhythmen des Organismus zu beobachten.

Zukunftsthema Schlaf

Heute hat Leidinger einen Shop in Dornbirn und seit kurzem auch einen in Wien. Im Jahr 2020 soll die Koje nicht nur auf eigenen Beinen stehen, sondern eine eigene Design-Abteilung soll sich nur mit dem Thema Schlaf auseinandersetzen. Leidinger: „Ich will das Schlafzimmer reformieren, denn es gibt noch viele Themen, die wir anpacken können – Schlaf und Kinder zum Beispiel, da gibt es noch viel zu tun.“ Auch, wie man Hightech in ein Schlafzimmer integrieren kann, ohne damit den Organismus zu schaden, sei ein Thema mit dem er sich beschäftigen möchte. „Die Zeit, die ein Mensch im Schlafzimmer verbringt, muss er dazu nutzen, um seinen Akku aufzuladen, während des Schlafes darf ihm keine Leistung entzogen werden“, so Leidinger.

Neues Handwerk: "Gegenspiel zur Digitalisierung"

futurezone: Das Handwerk erlebt eine Renaissance. Warum?
Gerin Trautenberger: Wenn alles digital wird und sich verflüchtigt, schauen die Leute, dass sie wieder etwas Handfestes haben. Es ist ein Gegenspiel zur Digitalisierung. Die Leute interessieren sich wieder für materielle Dinge. Man sieht den Produkten auch an, dass sie individuell erzeugt wurden. Daneben gibt es aber auch die Maker-Bewegung, die sich zunutze macht, dass die Nutzung von Technik und Maschinen einfacher geworden ist. Sie können nun selbst Dinge produzieren, für die man früher Spezialisten gebraucht hat.

Was macht das Neue Handwerk aus?
Es werden viele Experimente gemacht. Es können Kleinstserien produziert werden, dadurch bekommen Produkte einen persönlichen Touch. Auch Nachhaltigkeit und das Nutzen lokaler Ressourcen spielt eine wichtige Rolle. Lokale Aspekte und Interpretationen fließen in die Herstellung von Produkten mit ein.

Welche Rolle spielen neue Technologien und vernetzte Kommunikation für das Neue Handwerk?
Sie erleichtern den Austausch von Informationen und Wissen und helfen bei der Zusammenarbeit. Designer und Produzenten können sich über Produktionstechniken austauschen und ihre Produkte gegenseitig weiterentwickeln.

Sie veranstalten das Festival Vienna Open, das sich mit offenen Produktionsweisen auseinandersetzt. Wie wichtig ist Offenheit für diese Zusammenarbeit?
Kooperation erfordert Offenheit und Vertrauen. Es fließen viele Informationen über Produkte hin und her - wie sie hergestellt werden oder - das geht nur in offenen Formen der Zusammenarbeit. Produkte können auch von den Nutzern weiterentwickelt werden. Das führt dazu, dass neue Ideen einfließen.

Auch das Reparieren von Produkten gewinnt wieder an Bedeutung. Sind Geräte wie das Fairphone und Googles Baukasten-Smartphone Vorboten einer größeren Veränderung?
Noch sind das Experimente, die allenfalls symbolische Auswirkungen haben. Auf die Fertigungsketten der Industrie haben sie bisher keinen großen Einfluss. Es ist aber wichtig, dass transparent gemacht wird, wie die Geräte gebaut und welche Komponenten sie beinhalten. So kann auch die geplante Obsoleszenz (Anm.: die vom Hersteller geplante, absichtliche Verringerung der Lebensdauer von Produkten) umgangen werden. Die Nachfrage nach solchen Geräten wäre schon da, aber das Angebot ist noch klein und experimentell.

Wie groß schätzen Sie den Markt für das Neue Handwerk ein?
Er ist vielleicht nicht riesengroß. Aber die Leute schauen wieder darauf, dass sie ein oder zwei Stücke mit Persönlichkeit bekommen.

Zur Person

Der Industriedesigner Gerin Trautenberger ist Vorsitzender der creativ wirtschaft austria in der Wirtschaftskammer Österreich und veranstaltet das Festival Vienna Open, das sich mit offenen Produktionsweisen und neuen Ansätzen im Produktdesign auseinandersetzt und heuer von 16. Oktober bis 2. November in Wien stattfindet.