Andreas Schwirtz und die 3-D-Figuren seiner Töchter

© Fabberlounge

3D-Druck
06/05/2015

Fabberlounge: "Wir kopieren die Wirklichkeit"

Andreas Schwirtz fertigt in der Fabberlounge 3D-Porträts an. Mit der Dachfirma VirtuMake will er alles abdecken, was mit 3D-Druck zu tun hat: "Wir sehen uns als 3D-Copyshop."

von Gregor Gruber

Man ist von einem Gerüst umringt, an dem zahlreiche Kabel entlang laufen. Andreas Schwirtz gibt Tipps für die beste Pose. Drückt er auf den Auslöser, entsteht nicht ein, sondern 56 Fotos. Diese werden in seinem 3D-Fotostudio, der Fabberlounge, zu einem Computermodell zusammengesetzt und anschließend ausgedruckt. So erhält man sich selbst als 3D-Figur. Die futurezone sprach mit Schwirtz über die Herausforderungen bei der 3D-Fotografie, Metalldrucker und die Zukunft des Designs.

futurezone: Wieviele 3D Figuren haben Sie bisher ausgedruckt?
Andreas Schwirtz: Über 1000 sind es sicher schon, zu Weihnachten waren es besonders viele. Der beliebteste Maßstab ist 1:10, die Figuren sind dann 16 bis 19 cm groß.

Gibt es Sonderwünsche, wie etwa ein 3D-Photoshop, um Leute schlanker zu machen?
Ich habe bisher nur drei Kunden gehabt, die weniger Bauch wollten. Es kommt also vor, ist aber eher die Ausnahme. In der letzten Konsequenz wollen die Leute sich aber schon so, wie sie wirklich sind.

Sie bieten auch Figuren im Maßstab 1:1 an, also Originalgröße. Hat schon jemand dieses Angebot wahrgenommen?
Wir hatten Anfragen dafür, aber noch keine Figur gefertigt. Der Preis schreckt ein bisschen ab. Die Produktion ist aufwendig, die lebensgroßen Figuren werden aus Styropor gefräst, um es einigermaßen wirtschaftlich zu machen. Das geht dann schon in die Tausende Euro. Wenn es günstiger wäre, hätte ich schon ein paar verkauft.

Wie wird diese 1:1 Figur gefräst?
Mit den Daten wird eine CNC-Maschine gesteuert. Es sind dieselben Daten, die wir für den Druck verwenden, nur wird eben aus Styroporblöcken gefräst statt 3D-gedruckt. Die Figur ist so nur einfarbig, weshalb sie im Nachhinein koloriert werden muss. Die Blöcke müssen auch zur fertigen Figur zusammengesetzt werden, weil es keinen Block gibt, der groß ist genug, um die Figur am Stück daraus zu machen. Deshalb steckt hinter der 1:1-Figur viel mehr Handarbeit.

Was sind die Vorteile der Rundum Fotografie gegenüber einen „echten“ 3D-Scan?
Für das 3-dimensionalisieren von Menschen ist Fotografieren die beste Möglichkeit. Mit dem Kamera-Rig kann ich Momente einfangen, weil alle Kameras gleichzeitig auslösen. Deshalb sind Scans mit Kindern und Tieren auch deutlich einfacher. Ein zweiter Vorteil ist die Farbechtheit. Beim Handscanner wird man mit einem Blitz auf kurze Distanz bestrahlt. Bei diesem Verfahren kriegt man die Farben nicht so hin wie mit einem Kamera-Rig. Wir sind auch Händler von Artec 3D-Handscannern. Der Scan dauert länger, aber liefert zum Beispiel bei sitzenden Leuten auch gute Ergebnisse.

Wie ist das Kamera-Rig bestückt, mit dem die Scans gemacht werden?
Es sind 56 Kameras, hauptsächlich Canon 600D Spiegelreflexkameras, ein paar 1100D und 1200D. Im ersten Finanzierungsschritt habe ich 40 Kameras gehabt und bald gemerkt, dass das zu wenig ist und ausgebaut. Immer wenn ein bißchen Geld übrig bleibt, kaufe ich neue Kameras. Das Ziel sind 100 Stück, damit man die Gewissheit hat auch alle versteckten Bereiche zu erwischen. Je mehr Kameras, desto weniger Nacharbeit ist erforderlich.

Drücken Sie beim Shooting nur das Knöpfchen oder helfen sie den Kunden, die richtige Pose zu finden?
Was ich in meiner bisherigen Zeit als 3D-Fotograf herausgefunden habe: Wichtig ist, dass die Leute authentisch sind, also so dastehen oder sitzen, wie sie in Wirklichkeit sind. Das versuche ich beim Shooting herauszuholen. Das macht sehr viel aus. Man soll die Leute so in Szene setzen, dass sie sich selbst wiedererkennen. Dazu gehört etwa die Reproduktion der typischen Hand- und Körperhaltung. Das ist auch das, was Spaß macht, das Interagieren mit dem Kunden.

Was sollte man beim Shooting anziehen, was gibt es zu beachten?
Zieh das an, womit du dich am wohlsten fühlst. Bei 3D-Figuren schauen bunte Materialen und wallende Stoffe, Mützen und Schals, besonders beeindruckend aus. Texturen sind immer gut. Man kann auch Einfarbiges und Schwarz digitalisieren, aber das ergibt ein höheres Bildrauschen und damit mehr Arbeit. Wir können aber etwa auch eine blaue Jeans scannen und später schwarz einfärben, wenn es gewünscht ist.

Haben sie auch eine Windmaschine, um die wallenden Stoffe in Bewegung zu versetzen?
Nein, aber das haben wir schon oft überlegt. Wir haben es mit einem Ventilator probiert, aber der war zu schwach.

Bewegungen beim Shooting sind problemlos möglich?
Ja, wir können eine zehntausendstel Sekunde einfangen. Wir haben schon Posen gehabt, bei denen Leute springen. Wir haben auch eine Anfrage gehabt für die Digitalisierung seines Falken im Flugs. Technisch ist das möglich, aber es ist leider nicht zustande gekommen. Wir haben schon überlegt, wie wir das Shooting machen, ohne, dass uns der Falke das Studio zerfetzt.

Ist das die Richtung, in die Sie gehen wollen? Spezial-3D-Shootings statt simpler Statuen?
Ich mag außergewöhnliche Shootings. Es gibt im Grunde zwei Arten von Anbietern: Die einen bieten 3D-Figuren möglichst günstig an, da ist man dann auch von der Methode etwas eingeschränkt. Da geht es im Grunde nur darum, dass man ein simples 3D-Foto macht und druckt. Es gibt aber sicher auch einen Markt für künstlerisch anspruchsvolle Werke, für Leute, die etwas Besonderes wollen. Und da sehen wir uns. Wir werden versuchen, in Zukunft Themenshootings anzubieten. Fantasy ist ein großes Thema und Leute, die ihr Hobby darstellen wollen. Der Markt boomt bereits in den USA, Cosplayer sind beispielsweise ein dankbares Publikum.

Planen Sie auch Cosplay- und andere Messen zu besuchen?
Die Fabberlounge ist ein Wiener Studio, das so eingerichtet ist, dass man aufwendige Shootings machen kann. Ich sehe mich nicht als jemand, der auf Messen abklappert und die Massen digitalisiert, das sollen andere machen. Wir wollen ein bißchen in den Art-Bereich. Unser Studio ist zudem nur bedingt transportabel. Wir haben schon für andere Unternehmen mobile Studios gebaut, meist Raspberry-Studios. Diese bestehen aus Raspberry-Pi-Mini-Computern und Kamera-Modulen. Wir werden aber schauen wohin der Trend geht.

Haben Sie einen fotografischen Hintergrund?
Nein, aber ich habe einen guten Freund der Fotograf ist, der hat mir am Anfang geholfen und mich ein bisschen unterrichtet. Ich komme aus der Technikparte und habe 3D-Drucker schon früher verwendet, etwa für Prototypen. So bin ich zum 3D-Fotografieren gekommen.

Was war bisher das schwerste Shooting?
Das Shooting für Austrias Next Topmodel war anspruchsvoll, da waren die 16 Kandidaten bei uns. Zwei Faktoren waren herausfordernd: Die tierischen Requisiten, wie Schlange und Vogelspinne, und die Kandidaten, die nicht auf ein 3D-Shooting vorbereitet waren. Wir haben versucht sie mit den Tieren in Szene zu setzen, da hatten ein paar Berührungsängste. Die ganze Inszenierung war schwierig und innerhalb von zwei Tagen musste alles fertig sein. Wir haben über 200 Shoots gemacht und irrsinnig viele Daten produziert. Wir mussten die geeignetsten raussuchen, die Renderings machen, die schon nächsten Tag im Internet gezeigt wurden und dann noch drucken. Das war schon stressig. Den Druck hat damals 3D Solutions für uns übernommen, weil wir noch keinen eigenen Drucker hatten.

Bekommen Kunden nach dem Shooting die 3D-Daten zur Verfügung gestellt?
Die AGB sind wie beim Fotografen. Man bekommt das Bild, in dem Fall die 3D-Figur, das Copyright bleibt beim Fotografen. Wir löschen die Daten nach sechs Monaten. Wenn jemand die Daten archivieren will, machen wir das gerne. Wir geben die Daten an sich nicht her. Man kann sie kaufen, aber das kostet extra. Dafür sind Nachdrucke günstiger. Man kann später einen neuen Ausdruck bestellen, der ist dann bis 50 Prozent günstiger.

Die eigentlichen Druckkosten machen also nur die Hälfte des Preises aus?
Ja, die Kosten sind etwa 50:50, je nach Größe der Figur. Pro Figur sitzt man zwischen ein bis drei Stunden um händisch nachzubearbeiten. Bei einigen Figuren dauert es länger, etwa wenn 3D-Objekte separat eingefügt werden müssen. Das kann der Fall sein, wenn Objekte schwarz sind oder stark glänzen. Wir haben schon mal einen Trompetenspieler und einen mit einer großen Pfeffermühle gehabt. Die Trompete haben wir durch ein fertiges, Royalty-Free-Modell aus dem Internet ersetzt. Die Pfeffermühle haben wir in CAD selbst nachgemacht.

Könnte man auch im Nachhinein Objekte einfügen, die beim Scan gar nicht vorhanden waren?
Wir haben noch keinen Katalog für diese Extraarbeit, aber gehen tut alles, es ist immer eine Frage des Aufwands. Wenn man sich selbst als Figur am Klavier haben will, muss man nicht den Flügel ins Studio mitnehmen. Man macht den Scan von der Person und druckt nachher das Klavier im korrekten Maßstab dazu aus.

Wie groß ist ein Scan, der aus den Fotos von 56 Kameras entsteht?
Etwa 650 Megabyte. Man braucht die hohen Texturdaten und ein genaues Gitternetz zu erzeugen, die Grundstruktur des 3D-Modells. Das Gitternetz wird aus den Texturen generiert. Die Texturdaten die wir derzeit generieren, sind in deutlich höherer Auflösung, als man derzeit in 3D drucken kann. Jetzt bringt das noch nichts, aber in ein paar Jahren gibt es vielleicht neue Methoden und bessere Druckauflösungen.

Mit welchen 3D-Druckern arbeiten Sie?
Für den Figurendruck kommt hauptsächlich ein 3D Systems Projet 660 zum Einsatz. Für den günstigeren, einfarbigen Druck nehmen wir FDM-Drucker, ähnlich den 3D-Druckern für den Heimgebrauch. Dadurch, dass wir uns mit 3D Druck Wien zusammengetan haben, haben wir auch einen Stereolithografie-Drucker, mit dem hochpräzise Kunststoff-Teile gefertigt werden.

Kamera-Rigs kommen auch bei Animationen und Motion Capturing zum Einsatz. Wollen sie das zukünftig auch anbieten?
Wir haben schon Anfragen von Fotografen, die in diese Richtung gehen und die Daten für virtuelle Inhalte und Renderings verwenden wollen. Mit unserer Anzahl an Kameras könnten wir das jetzt schon machen, aber für Animationen ist viel Rechenleistung nötig. Wir müssten also die Computerleistung erhöhen. Das ist sicher der nächste Schritt.

Abgesehen davon, was ist als nächstes geplant?
Wir sind bereits im Bereich Objektscan tätig und werden in der Reproduktion von Gegenständen viel machen. Wir arbeiten mit der Akademie der Wissenschaften, mit dem Naturhistorischen Museum und anderen Museen zusammen. Wir wollen ein Anbieter sein der Objekte jeglicher Art digitalisiert. Einerseits um sie zu Archivieren und andererseits um sie zu reproduzieren, vielleicht in der digitalen Welt zu verändern und sie dann mit 3D-Druck wieder in die reale Welt holen. Da ist ein Riesengebiet, das da auf uns wartet.

Und außerhalb des Kunstbereichs?
Die Nachfrage für Objektscans von Industrie- und Privatkunden wird immer größer. Wenn die Leute jetzt wissen, dass es in Wien einen Shop gibt, der Objekte kopieren und digitalisieren kann, dann nutzen sie es auch. Man bringt etwa seinen alten, abgerissenen Legostein der nicht mehr hergestellt wird. Die Teile werden gescannt, ergänzt bzw. digital repariert und ausgedruckt. Ich weiß gar nicht wo wir in einem Jahr sind, es passiert alles so schnell.

Fabberlounge ist das 3D-Fotostudio der 3D-Scan-Firma Virtumake, und 3D Druck Wien fertigt die Modelle an. Wie kann man dieses Konstrukt aus den drei Dienstleistern zusammenfassen?
Wir sehen uns als 3D-Copyshop, wir kopieren die Wirklichkeit. Wir werden 3D Druck Wien übernehmen, oder assimilieren, wie die Borg sagen würden. Dadurch wächst das Unternehmen. So können wir auch für Architekten oder Industriepartner, die schnell etwas brauchen, ausdrucken. Wenn heute ein Architekt in den siebten Bezirk ins Geschäft kommt und ein Modell braucht, ist der Druck morgen fertig, wenn es schnell gehen muss. Diese Nische wollen wir besetzen. Bei uns gibt es professionelle 3D-Dienstleistung, auch in kürzester Zeit.

Bekommt man als 3D-Copyshop nicht auch Probleme mit dem 3D-Copyright?
3D-Druck-Copyright ist ein Thema, bei dem es noch viele Grauzonen gibt. Wir sagen zu den Kunden: „Wir arbeiten in eurem Auftrag, für das Copyright seid ihr verantwortlich.“ Wir verbreiten selbst keine Gegenstände. Bisher hatten wir noch nicht den Fall, dass wir einen Auftrag hinterfragen mussten - etwa warum ein Kunde 100.000 Mickey-Maus-Figuren ausgedruckt haben will.

3D-Modelle aus Metall können bereits mit CNC-Fräsen angefertigt werden. Haben Metall-3D-Drucker überhaupt Zukunftspotenzial?
Auf jeden Fall. Mit Metall-3D-Druckern können alle möglichen organischen Formen reproduziert werden. Das ist Bionik: Man kann sich die Natur zum Vorbild nehmen und leichte aber stabile Objekte herstellen, wie es bisher nicht möglich war. Man muss nicht mehr klassisch mit dem Gedanken designen: „Kann ich das Bohren, kann ich das Fräsen?“ Man kann völlig neu an das Designen herangehen und organische Objekte kreieren. Unser Design wird in 30 bis 40 Jahren ganz anders aussehen. Die Generation, die jetzt damit aufwächst und das hoffentlich in den Schulen gelehrt bekommen wird, wird das Vorantreiben.