Schwere Vorwürfe gegen das Online-Netzwerk

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Digital Life
05/10/2016

Facebook soll unliebsame Artikel unterdrückt haben

Ehemalige Facebook-Mitarbeiter werfen dem IT-Konzern vor, die Auswahl der "Trending News" willkürlich und nach Interessen des Unternehmens gefiltert zu haben.

In ausgewählten Ländern – Österreich gehört nicht dazu – wird Facebook-Nutzern eine Auswahl an News-Artikeln unter der Kategorie "Trending" angezeigt. Diese Auswahl vermittelt den Eindruck, dass die dort auftauchenden Artikel im sozialen Netzwerk gerade besonders beliebt sind und für Diskussionen unter den Nutzern sorgen. Facebook selbst gibt an, dass diese Zusammenstellung auf einer Vielzahl von Faktoren basiert - etwa Engagement, Aktualität, Location und Pages, die die jeweiligen Nutzer folgen.

Ehemalige Facebook-Mitarbeiter werfen dem Unternehmen nun vor, dass diese angeblich "neutrale" Auswahl von populären Artikeln gar nicht objektiv, sondern von Menschenhand gesteuert ist.

Von wegen objektiv

Die Mitarbeiter, die für das Kuratieren der Trending-Artikel zuständig sind, schreiben Facebook-kompatible Headlines, fassen die Themen zusammen und verlinken diese zu News-Seiten. "Themen wurden einfach unterdrückt bzw. in die Trending-Sektion gehievt. Das kam ganz darauf an, wer gerade Dienst hatte", so der Vorwurf eines ehemaligen Facebook-Trending-Kurators.

Demnach haben die Kuratoren zwar Zugriff auf ein Tool, das ihnen die populärsten und höchst-gewertetsten Artikel anzeigt, was jedoch tatsächlich unter "Trending" auftaucht, wird von den Mitarbeitern ausgewählt.

Wie ein ehemalige Facebook-Mitarbeiter gegenüber Gizmodo erklärt, schafften es Artikel über konservative Politiker wie Mitt Romney, dem umstrittenen Fernsehmoderator Glenn Beck oder der CPAC, einer politischen Konferenz mit konservativen Aktivisten und Politikern nicht in die Trending-Section, da die meisten Kuratoren andere politische Ansichten hatten. "Es war absolut biased. Die Auswahl war sehr subjektiv", so ein anderer ehemaliger Facebook-Mitarbeiter.

Breaking News

Auf die gleiche Art wurden Eilmeldungen manuell in die Trending-Section gehoben, obwohl es die entsprechenden Artikel in so kurzer Zeit nie auf "natürlich virale" Weise in die engere Auswahl geschafft hätten.

Ein Grund dafür soll die Konkurrenz bei Echtzeit-Informationen zwischen Facebook und Twitter sein. "Wenn etwas auf Twitter überall war und auf Facebook noch nicht, wurden wir angeschrien", zitiert Gizmodo einen ehemaligen Trending-Kurator.

Komplizierte Themen, nur nicht Facebook

Neben der ideologisch gefärbten Auswahl, der Willkür der Mitarbeiter und der konkurrenzbedingten Echtzeit-Anzeige wurden auch komplizierte Sachverhalte oder Themen, die Facebook gut aussehen lassen zu Trending-Topics gemacht. So wurden beispielsweise entsprechende Artikel als "trending" angezeigt, nur um das soziale Netzwerk als einen Ort erscheinen zu lassen, an dem über Hard-News und ernsthafte Dinge diskutiert wird.

Etwa als das Interesse der Facebook-Nutzer am syrischen Bürgerkrieg abnahm, wurden entsprechende Artikel dennoch unter Trending angezeigt, da es das soziale Netzwerk und seine Nutzer in einem bessern Licht erscheinen lässt. Mit demselben Hintergedanken wurden Artikel zu "Black Lives Matter" manuell in die Trending-Section verpflanzt.

Mitarbeiter wurden angehalten, Artikel über Facebook ganz von den Trending-Topics auszusparen. "Uns wurde mitgeteilt, Artikel über das Unternehmen selbst nicht anzufassen", so ein ehemaliger Mitarbeiter. "Es musste von mehreren Seiten eindeutig freigegeben werden, wenn eine Story über Facebook selbst in die Trending-Section sollte."

Facebook kontert

Um den Vorwürfen entgegenzutreten äußerte sich Facebook mit einem Statement, in dem behauptet wird, dass Vorwürfe über Verzerrungen und Manipulationen sehr ernst genommen werden und dass es schlicht unwahr sei, was die ehemaligen Mitarbeiter behaupten. Auch der zuständige Facebook-Manager bezog persönlich Stellung und schreibt, es gebe keine Beweise dafür, dass auf Facebook politische Ansichten oder unangenehme Themen unterdrückt beziehungsweise gepusht werden.

Die Mitarbeiter, die in dem Gizmodo-Bericht zitiert werden, waren bei Facebook in den Jahren 2014 und 2015 tätig. Sie gaben an, dass der Trending-News-Algorithmus ständig verbessert wurde, sodass Artikel immer seltener manuell zu Trending-Topics gemacht werden mussten. Außerdem erklärten sie, dass die Arbeitsweisen und Anweisungen an die Trending-Kuratoren permanent geändert wurden und werden, sodass es nicht nachvollziehbar ist, wie der Auswahlprozess aktuell aussieht.

Wie jetzt?

Gizmodo schreibt, dass der kritische Bericht über die gefilterten Facebook-Trending-News ebendort unter den "Top Posts" aufgetaucht ist. Bleibt nun die Frage, ob der Artikel tatsächlich auf "natürlich virale" Weise dort hinkam, oder ob ein Mitarbeiter den Artikel dort platziert hat, um es so aussehen zu lassen, als sei der Auswahlprozess neutral und objektiv.