© Tamara Gmaschich

Netzpolitik
11/23/2010

Gegen Pseudonyme im Netz II

Bitte nur gute Kritiken, oder: der Wert der sozialen Gepflogenheiten. Teil 2 der Serie von Bettina Winsemann (twister) über "Pseudonyme" im Netz und warum diese oft nicht mit Anonymisierung gleichzusetzen sind.

Wer eine Abschaffung von Pseudonymen fordert, der fordert in den meisten Fällen auch eine jederzeitige Identifizierbarkeit auf direktem Wege. Indirekt ist sie in vielen Fällen bereits gegeben bzw. es gibt konkrete Hinweise auf die Identität eines Verfassers einer Meinung, z.B. durch spezifische Ausdrücke oder aber durch den Anbieter eines Portals als Mittler.

Etliche Firmen bieten mittlerweile die Möglichkeit der Kundenrezension an und Portale wie Ciao bestehen lediglich aus Rezensionen zu Produkten. Gerade bei Ciao zeigt sich, dass Pseudonymisierung nicht Anoymisierung bedeutet, denn die Verfasser der Rezensionen erhalten für ihre Tätigkeit ja auch eine Entlohnung, weshalb die Angabe der Bankverbindung sowie auch eine Adressenangabe notwendig sind. Selbst bei falschen Angaben der Adresse würde die Bankverbindung zu einer direkten Person führen, was z.B. bei Verleumdungen oder ähnlichem hilfreich ist. Ciao allerdings greift bei derartigen Problemen hart durch, schon allein um sich vor Prozessen zu schützen.

Das Recht auf gute Kritik

Doch viele sind der Meinung, sie hätten ein Anrecht auf gute Kritiken, was ihr Produkt angeht und bewerten schlechte Kritiken als geschäftsschädigend. Hier liegt ein Denken zugrunde, das aus wirtschaftlichen Aspekten die Meinungsfreiheit einschränken möchte. Rezensionen sind Meinungsäußerungen und auch durch den persönlichen Geschmack des Rezensenten geprägt, wer nur gute Rezensionen zulassen will, der argumentiert oft damit, dass der andere eine solche Kritik nicht abgeben würde, würde er seine Identitität preisgeben. "Im Internet lässt man schon mal die Sau raus." heißt es. Obgleich dies bei Beleidungen, Verleumdungen etc. (die es auch im realen Leben anonym gibt) zutreffen kann, steht bei der Kritik an der eigenen Person, dem Unternehmen oder dem Produkt ein Aspekt im Vordergrund, der sowohl bei den Befürwortern als auch den Ablehnenden der direkten Identifizierbarkeit vorherrscht: Angst.

Beide Seiten haben berechtigte Ängste - der eine fürchtet Gewinneinbußen oder gar Rufmord, der andere fürchtet wirtschaftliche Nachteile, Jobverlust oder "lediglich" den Verlust von Freundschaften. Anonyme oder pseudonyme Kritik bedeutet die Möglichkeit, eine solche Kritik zu äußern, ohne dass sich die Konsequenzen ergeben, die sich im realen Leben bei direkt geäußerter Kritik ergeben (könnten). Dies ist der Fall da die sozialen Gepflogenheiten, die oft auch zu Täuschungen führen, bei anonymen Meinungsäußerungen nicht gelten. Dies lediglich mit "die Sau rauslassen" zu bezeichnen greift jedoch zu kurz.

Ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk, Oma

Lügen und Verschweigen spielen im sozialen Miteinander eine große Rolle. Während Eltern ihren Kindern gerne beibringen, dass Lügen etwas Verwerfliches ist, erfahren Kinder recht schnell, dass einerseits die Eltern sich selbst nicht daran halten, andererseits aber auch eine absolute Ehrlichkeit schnell das soziale und wirtschaftliche Aus bedeuten kann. Von Schülern kritisierte Lehrer neigen dazu, diesen das Leben schwer zu machen, was für die Zukunft erhebliche Nachteile bedeuten kann. Vorgesetzte, denen ein eindeutig unkluges Verhalten vor Augen geführt wird, zeigen sich nicht immer dankbar; Verwandte, deren Geschenke als "scheußlich" bezeichnet werden, reagieren beleidigt. Das soziale Miteinander ist geprägt von Halbwahrheiten, Verschweigen und Lügen, auch wenn die Beweggründe hierfür verschieden sind.

Gerade eine offene Kritik gilt für viele bereits als Angriff und wird entsprechend gekontert. Dies führt gerade im Geschäftsbereich oft genug dazu, dass Vorgesetzte lediglich mit nickenden Jasagern agieren, was zwar kontraproduktiv, oft jedoch gewünscht ist. Die anonyme Möglichkeit der Kritik bietet so auch die Chance, den nachteiligen Konsequenzen zu entgehen. Wäre diese genommen, würde oft genug Schweigen bzw. einhellige, ggf. nur aus taktischen Gründen stattfindende Zustimmung herrschen.

Gehen Sie direkt ins Gefängnis

Dies sind jedoch Aspekte, die noch nicht berücksichtigen, dass in anderen Ländern die anonyme bzw. pseudonyme Meinungsäußerung von zentraler Bedeutung für die Bevölkerung ist. Kritik an der Regierung wird beispielsweise in China gerne mit langjährigen Haftstrafen in Arbeitslagern beantwortet. Während es leicht ist zu sagen, dass sich dies nur in Diktaturen ergeben könnte, ist zu bedenken, dass jedes Land seine eigenen Einschränkungen der Meinungsfreiheit, unabhängig von den Fällen wie Beleidigung oder Verleumdung etc., hat. Gerade aber auch im Bereich der Wissenschaft sorgen diese Einschränkungen oft für Eingrenzungen, die im Internet durch Anonymisierer und Proxies etc. umgangen werden können. Hier seien die in Deutschland stets angesprochenen "Bombenbauanleitungen" erwähnt, die z.B. auch die Diskussion über diverse chemische Experimente unmöglich machen. Bei einer direkten Identifizierbarkeit der Diskutanten könnte so mancher damit rechnen, Besuch von der Polizei zu erhalten.

Der Wunsch nach jederzeitiger Identifizierbarkeit im Internet ist nachvollziehbar, würde aber letzten Endes nicht nur in einer Schweige- und Lügenkultur resultieren, sondern auch Regeln für das Internet aufstellen, die im normalen Leben nicht gelten. Dazu kommt, dass gerade auch bei der politischen Willensbildung anonyme Meinungen bzw. Stimmen stets eine Rolle spielten. Nicht zuletzt sind Wahlen nicht nur frei und gleich, sondern auch geheim. Hier gilt quasi ein Vermummungsrecht. Gerade wenn es heißt, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein dürfte, müsste man somit überlegen, ob nicht das reale Leben im Vergleich zum Internet viel "rechtsfreier" ist, sind dort doch pseudonyme und anonyme Meinungen und Transaktionen an der Tagesordnung, ohne dass die Politik hier für deren Abschaffung plädiert.

Mehr zum Thema:

Gegen Pseudonyme im Netz

(Bettina Winsemann/twister)