Digital Life
04/24/2017

Guardians of the Galaxy Vol. 2: Gott hat einen Penis

Der zweite Teil der Guardians ist ein emotionales Familiendrama mit Aliens, Peniswitzen, ausgestorbenem Microsoft-Gerät und David Hasselhoff.

Der erste Teil von Guardians of the Galaxy war ein geplanter Überraschungshit. Überrascht waren die Kinobesucher, weil die Guardians nicht den massentauglichen Comic-Superhelden des bisherigen Marvel-Universums entsprachen. Geplant war die Überraschung von Marvel und Disney: Da die Zuseher noch keine Vorstellung von den Guardians hatten, konnte man unbelastet an die Sache rangehen und mit schrägen Humor und frischen Charakteren punkten.

Bei Guardians of the Galaxy Vol. 2 ist dieser Neulings-Bonus vorbei. Mit ihm geht auch die Leichtigkeit verloren, die den ersten Teil Charme verliehen hat. Dafür wird es persönlich, familiär und auf die Tränendrüse gedrückt.

Family Issues

Nachdem Teil 1 erklärt hat, wie die Guardians zusammengefunden haben und sie gleich zur Familie erklärt hat, ist in Teil 2 die Honeymoon-Phase vorbei. Tatsächlich werden den Guardians Rollen aufgezwängt, die an US-Familien-Serien aus den 80er und 90er Jahren erinnern.

Der mutierte Waschbär Rocket verhält sich wie ein aufmüpfiger Teenager, der Baum Baby Groot ist das niedliche Baby, dem alle Fehler verziehen werden. Die grünhäutige Gamora ist die Mama der ganzen Bande, weiß aber nicht so recht, wohin mit ihren Gefühlen für Quill und ihre Schwester. Und Quill? Der hat nicht nur die Liebesprobleme mit Gamora und Streit mit Rocket, sondern auch noch gewaltige Vater- und Vaterersatzkomplexe.

Drax sorgt für Lacher

Drax ist der Lichtblick der Bande. Er übernimmt die Rolle des grundehrlichen Kindes, das immer sagt, was es sich gerade denkt. Dadurch kommt es zu skurrilen, witzigen Situationen. Deshalb gehen in dem Film auch die meisten Lacher auf ihn, ohne, dass er zum Pausenclown wird. Mit Vol. 2 wird sich deshalb seine Fangemeinde schlagartig vergrößern.

Baby Groot wird in dem Film glücklicherweise nicht stark gepusht. Zwar hat auch er, genau wie alle andere Guardians, seine Screentime und guten Momente. Trotzdem schrammt er nur ganz knapp daneben vorbei fürchterlich auf die Nerven zu gehen, da er in seine Baby-Form noch eindimensionaler wirkt als der große, lebende Baum, der er in Teil 1 war.

Lange, ungrausliche Witze

Positiv überraschen die langgezogenen Sketches in dem Film, anstatt der üblichen, schnellen Punchlines und Wortwechsel, die nach zwei Sätzen vorbei sind. Die Dialoge und längeren Szenen funktionieren einfach, im Gegensatz zum Ghostbusters-Remake, das Ähnliches versuchte. Dort hatte man teilweise das Gefühl, dass den Schauspielern nicht gesagt wurde, dass die Szene schon vorbei ist und diese deshalb einfach weitergeredet haben.

Ein kleines Kunststück gelingt Guardians of the Galaxy Vol. 2 ebenfalls, wenn es um den Humor geht. Obwohl einmal gekotzt und zweimal über Penisse gewitzelt wird (einer davon betrifft das Gemächt von Gott), wird es nicht grauslich. Auf klassischen Fäkalhumor wird verzichtet.

Die 80er Jahre sind vorbei

Ein Teil des Charmes von Teil 1 war die 80er Jahre Musik und Quills Anspielungen auf die Populärkultur der Erde zu dieser Zeit. Im zweiten Teil funktioniert das nicht mehr ganz so gut. Hauptschuld daran ist der Soundtrack, der an das gefühlbetonte Familiendrama angepasst ist. Außerdem kommen die Anspielungen sehr häufig vor.

Das gilt zwar nicht für David Hasselhoff (von dem kann es nicht genug geben), aber wenn Quill minutenlang versucht die Situationen zwischen ihm und Gamora mit einer 80er Jahre TV-Serie zu vergleichen, wird es mühsam. Immerhin besteht die Hoffnung, dass sich der dritte Teil zumindest musikalisch von den 80er Jahren verabschiedet – Microsoft sei Dank.

Schluss mit lustig

Was den ersten Teil ebenfalls ausmachte, war eine gewisse Lockerheit, die sich durchzog. Bei Guardians of the Galaxy 2 wird der Film schon ab der Hälfte drastisch ernster. Zwar wird versucht mit Witzen die Stimmung aufzulockern, aber die ist schon zu sehr angespannt. Dadurch wirken einige der Gags gegen Ende des Films zu bemüht.

Großartige Enthüllungen und Wendungen darf man sich von Guardians of the Galaxy Vol. 2 nicht erwarten. Die Hauptstory ist vorhersehbar, inklusive dem rührigen Ende. Immerhin werden sich Marvel-Geeks über einen Kurzauftritt einer Figur freuen, die den meisten „normalen“ Kinobesuchern unbekannt sein wird. Dasselbe gilt für eine der insgesamt vier Post-Credit-Scenes.

Fazit

Guardians of the Galaxy Vol. 2 hat vielleicht nicht mehr das frische Gefühl des ersten Teils, schafft es aber durch den eher Marvel-untypischen Humor noch sympathisch zu sein. Der Film ist im Vergleich zum ersten Teil besser ausgearbeitet – ein paar Kanten wurden geschliffen. So sind etwa die Actionsequenzen fokussierter und konzentrierter, ohne, dass die Zeit dazwischen als langweilig empfunden wird.

Für Comic-Fans könnten die Kino-Guardians aber einen Teil ihrer Edginess eingebüßt haben. Bleibt zu hoffen, dass die Guardians in Teil 3 nicht komplett gestreamlined werden, um besser in das familienfreundliche Marvel-Universum von Disney zu passen. Abgesehen von dieser Sorge wird man aber auch als Kenner der Materie nach 136 Minuten Großteils zufrieden den Kinosaal verlassen.

PS: Gamoras Keilabsätze schauen furchtbar aus und der junge Computer-Kurt-Russell ist viel weniger gruselig als die Computergesichter in Rogue One.

Der Kinostart von Guardians of the Galaxy 2 ist am 27. April 2017. Altersfreigabe: 12 Jahre