Digital Life
10.07.2014

Lifelogging: Wer nicht mitmacht, wird bestraft

Der Soziologe Stefan Selke hat das Phänomen des Lifeloggings untersucht. Im Interview erklärt er, warum Fitness-Armbänder in die Transparenzgesellschaft führen.

Fitnessbänder und Smartwatches sind erst der Anfang. Sensoren, Bewegungsmesser und Kameras erfassen zunehmend unser Leben. Daten werden gespeichert, ausgetauscht, verglichen und analysiert, um gesünder zu leben, den Schlaf zu optimieren oder der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Verfechter des Lifeloggings sind fest davonüberzeugt, dass mehr Daten zu einem besseren Leben führen. Der deutsche Soziologe Stefan Selke teilt diesen Optimismus nicht. In seinem vor kurzem im Econ Verlag erschienen Buch "Lifelogging" wirft er einen kritischen Blick auf den Trend zur digitalen Selbstvermessung. Im Gespräch mit der futurezone erklärt er, wie das Lifelogging unsere Gesellschaft verändert.

futurezone: Mit Geräten wie Smartwatches oder Fitnessbändern, die etwa Schritte und Kalorienverbrauch zählen hat das Lifelogging die gesellschaftliche Mitte erreicht. Worin liegt der Reiz dieser Art der Körpervermessung?
Stefan Selke: Der Reiz liegt sicherlich darin, dass es unmittelbares Feedback gibt und das die Daten vorrätig gehalten und miteinander verbunden werden können. Selbstvermessung gab es historisch gesehen aber schon immer. Angefangen von Briefen und Tagebüchern bis hin zu Listen. Dazu gekommen sind die Visualisierungsmöglichkeiten der getrackten Körperreaktionen und Körperparameter, die ja die meisten Apps und Portale bieten.

Welche Rolle spielt das Teilen, der Austausch dieser Daten?
In der Vergleichbarkeit der Daten liegt natürlich auch ein großer Reiz, wenn etwa Jogging-Strecken vermessen und verglichen werden. In der Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft sind Menschen anfällig für Listen, Rankings und Positionierungen.

Welche Erkenntnisse können aus dieser Selbstvermessung gewonnen werden?
Im Grunde sind es Basiseinsichten, die wir eigentlich wissen, aber auf diese Art wieder lernen. Wir haben das prinzipielle Wissen, was gesund und was schädlich ist, aber vielleicht brauchen wir die technische Absolution. Die Selbstvermessung ist sicherlich kein Nonsense. Es werden aber bestimmte Dinge ausgeblendet. Es kommt zu einer einseitigen Fokussierung. Nicht messbare Aspekte des Daseins, etwa sinnliche Aspekte, werden tendenziell ausgeblendet. Die sind nicht so schön operationalisierbar wie Kalorien oder Schritte.

Verändert diese Technik den Menschen?
Wo Prozesse und Leistungen von Personen oder Institutionen vermessen werden, entstehen Standards und Normen. Das ist nicht nur beim Lifelogging so, sondern überall. Diese Normen werden sozial wirksam. Sie beschreiben nicht nur, sondern erzeugen auch einen Erwartungsdruck. Dass etwa ein Student beim Matehmatiktest eine höhere Punktezahl erreicht oder ein Menschen ungesunde Lebensweisen bleiben lassen. Wenn sie nicht zum sozialen Vergleich und zur Normierung eingesetzt werden, machen diese Listen auch gar keinen Sinn. Solche Standardisierungen gab es schon immer, in dem Moment wo sie technisch leicht abbildbar werden und sich über Online-Netzwerke in Sekundenschnelle weltweit verbreiten, erreicht sie aber eine ganz andere Durchschlagskraft.

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Versicherungen oder Krankenkassen Zugang zu solchen Daten haben wollen. Die ersten Krankenkassen bieten schon heute entsprechende Apps an. Braucht es gesetzliche Regulierungen, wozu diese Daten verwendet werden dürfen?
Es braucht eine gesellschaftliche Debatte darüber. Das ungeheure Potenzial dieser Ökonomisierung von Lebensdaten wird noch nicht erkannt. Das liegt vielleicht auch daran, dass heute weitgehend positive Sanktionierungen stattfinden. Wer sich etwa im Bezug auf seine Gesundheit präventiv verhält wird belohnt. Heute wird darüber nachgedacht, wie sich mit Belohnungssystemen Kosten im Gesundheitswesen reduzieren kann. Aber wenn sich diese Systeme verbreiten, werden wir auch die Schattenseiten kennen lernen, nämlich, dass Leute bestraft werden, die solche Systeme nicht nutzen.

Auch in der Arbeitswelt kommen solche Tracking-Systeme zunehmend zum Einsatz. Die Grenzen zur Überwachung verlaufen fließend?
In der Arbeitswelt gibt es dieselbe Dynamik wie im Gesundheitswesen, es gibt Kosten- und Konkurrenzdruck. Da gibt es doch nichts besseres, als diese Tracking-Systeme einzuführen. Es gibt sie ja schon heute in Form von Abrechnungssystemen. Wenn etwa in Teams Software entwickelt wird und zur Abrechnung dokumentiert wird, wer für welches Projekt gearbeitet hat. Auf den zweiten Blick offenbart sich dann, dass mit solchen Systemen auch Kontrolle möglich ist. Die Arbeitswelt wird sich ganz gewaltig verändern. Ich frage mich, wann die Gewerkschaften merken, was da im Gange ist und auf den Plan treten.

Sie führen in ihrem Buch auch den Social Health Bereich an. Patienten sammeln Daten über sich und tauschen sich mit Gleichgesinnten aus. So werden etwa Wirkungen von Medikamenten erforscht, um nicht von Angaben der Pharmaindustrie abhängig zu sein. Hat Lifelogging auch emanzipatorisches Potenzial?
Es ist eine der spannendsten Fragen, ob durch das Lifelogging auch neue Deutungskulturen und Wissensformen entstehen, etwa beim kollaborativen Selbstvermessen. Tausende Menschen, die ein Rheumamedikament anwenden, können sich ganz anders vernetzen. Dadurch entsteht Gebrauchswissen, mit dem Deutungsmonopole aufgebrochen werden können. Das passt auch wieder in eine lange Linie, die nicht mit Lifelogging begonnen hat, sondern mit der Idee von Gegenexperten. Das ist eines der wenigen Punkte, wo ich ein bisschen euphorisch bin, das kann wirklich ganz viel drehen. Es ist immer gut, wenn Deutungsmonopole aufgebrochen werden.

Sie schreiben dem Lifelogging das Potenzial zu, die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Sind wir auf dem Weg in die Transparenzgesellschaft?
Es findet ein schleichender Wandel statt, wir spüren ihn nicht sofort. Im Moment ist es ja nur ein geringer Teil, die als Frühanwender Lifelogging betreiben. Wenn es sich verbreitet, wird es aber von einer Generation auf die andere einen spürbaren Effekt in vielen Bereichen haben. Das ist ein Prozess, der zehn oder 20 Jahre braucht. Dann aber wird es völlig normal sein, diese Transparenz zu erzeugen - am Arbeitsplatz, in der Gesundheitsvorsorge aber auch in Beziehungen, wo etwa Sex getrackt werden kann. Wir werden in einer Transparenzgesellschaft leben in der alles bewiesen, vermessen und vorhergesagt werden kann und in der Ideen von Privatheit und informationeller Selbstbestimmung völlig erodieren. Eine gesellschaftliche Debatte darüber findet aber nicht statt.

Haben die Snowden-Enthüllungen dazu geführt, dass Leute wieder mehr auf den Schutz ihrer Daten achten und die Skepsis gegenüber solcher Formen der Datenspeicherung erhöht?
Ich glaube, dass es eine solche Skepsis im Moment nicht gibt, weil das tiefer gehende technische Verständnis, was da eigentlich passiert, bei vielen Leuten nicht vorhanden ist. Es fehlt die Vorstellungskraft dafür. Für viele Menschen ist ja schon das Telefon eine Blackbox.

Eine gesellschaftliche Debatte über Datenschutz und Datensicherheit wird seit den Snowden-Enthüllungen aber sehr wohl geführt.
Es ist mir zu wenig. Es ist eine halbierte Debatte. Die totalitäre Überwachung von oben wird seit Snowden und der NSA stark thematisiert, parallel dazu und fast unbemerkt gibt es aber auch diese Selbstveröffentlichung von unten, die Verfolgung einer freiwilligen oder scheinbar freiwilligen Transparenzgesellschaft. Die Debatte darüber fehlt mir noch.

Stefan Selke

Der 46-jährige Wissenschaftler ist Professor für Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Fakultät Gesundheit, Sicherheit und Gesellschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Furtwangen im Schwarzwald. Sein Buch "Lifelogging. Der vermessene Mensch" ist vor kurzem im Econ Verlag erschienen. Auf seinem Blog Stabile Seitenlage finden sich Zeitdiagnosen zum gesellschaftlichen Wandel.

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