© APA/Teresa Zötl

European Newspaper Congress
05/03/2011

„Medien konkurrieren mit Angry Birds“

Der diesjährige European Newspaper Congress steht ganz im Zeichen von iPad und Co. Zum Auftakt wurden am Montag im Rahmen des Publisher Forums neue Strategien präsentiert und diskutiert. Dabei wurde deutlich: Die Zeitungshäuser stehen nicht mehr nur untereinander im Konkurrenzkampf um die Leser, vielmehr müssen sie heute online und auf mobilen Plattformen mit unzähligen Unterhaltungsangeboten um die Zeit und das Interesse der Nutzer wetteifern.

von Claudia Zettel

„Sind Tablets der Anfang vom Ende der Zeitungskrise?“ Mit dieser Frage eröffnete Carlo Campos, Direktor der Innovation Media Consulting Group, seinen Vortrag auf dem European Newspaper Congress, der derzeit in der Messe Wien über die Bühne geht. Es gebe durchaus Anzeichen dafür, dass die Industrie wieder durchstartet, so Campos. „Die Verlage haben die vergangenen Jahre dazu genutzt, ihre Häuser neu aufzustellen und sie fangen damit an, ihren Inhalten einen Preis zu geben.“ Laut Campos geht es der Zeitungsbranche nun nicht mehr nur um Masse, sondern vielmehr um den Wert der Inhalte und dabei gelte: „Nur für das, was rar, was knapp ist, dafür kann man von den Nutzern Geld verlangen“, ist der Experte überzeugt. Und Geld verlangen, darauf sollte sich die Zeitungsbranche konzentrieren, die zahlenden Leser seien künftig jene, denen etwas geboten werden müsse.

Die Zeitungshäuser sollten sich in Zukunft vor allem auf eines besinnen: Inhalte. „Wir sind Wein-, nicht Flaschenmacher“, so Campos. Dabei brauche es unterschiedliche Inhalte für unterschiedliche Plattformen. Auf einem Tablet könne man mit Text alleine nicht mehr punkten, es sei wichtig sich auf das veränderte Nutzererlebnis, auf die Bedienung mit den Fingern einzustellen. „Zeitungen müssen zur News-Marke werden“, sagt Campos, der die Branche auch dazu ermahnt, sich stärker an den Leserbedürfnissen zu orientieren, als sich nur mit den eigenen Produktionsbedingungen zu beschäftigen.

Zu viel Content und zu wenig Zeit
Tablets bieten viele neue Möglichkeiten für die Verlage, aus Sicht von Alfredo Trivino, Direktor für Kreativprojekte bei News International im Murdoch Konzern, gehen in ihnen alle Ausdrucksformen - Text, Audio und Video – auf. Trivino, der auch die iPad-Zeitung The Daily mitentwickelte, wirft aber auch die Frage auf, ob Tablets tatsächlich die Freunde der Zeitungen oder langfristig doch eher deren Feinde sind. Eines steht für den Medienmann schon jetzt fest: Insgesamt ist heute zu viel Content – sowohl online als auch offline – verfügbar. Die Nutzer hätten zu wenig Zeit, all diese Inhalte zu konsumieren und sich auch noch daran zu erfreuen. „Heute wetteifern alle um die Zeit der Leser“, so Trivino.

Der noch größere Wettbewerber sei jedoch das Interesse der Nutzer. Dieses verteile sich heute auf die unterschiedlichsten Bereiche. „Angry Birds ist ein direkter Konkurrent der Medien“, so Trivino. Es sei nun die große Herausforderung für die Medienhäuser, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu erlangen. Dabei müssten sie über das Kerngeschäft von Nachrichten hinaus denken und das Publikum mit neuen Angeboten überraschen. „Auch Gaming sollte zum Beispiel in die iPad-Apps eingebunden werden“, sagt Trivino.

iPad alleine reicht nicht
Angesprochen auf die aktuellen Nutzerzahlen von The Daily wollte sich Trivino nicht äußern. Ein Grund mehr für Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien der NZZ-Mediengruppe, das Erfolgsrezept Tablet in Zweifel zu ziehen. Er warnt davor, alle Energien und Hoffnungen ausschließlich auf das iPad zu richten und glaubt nicht daran, dass Zeitungs-Apps derzeit allzu viel Geld einbringen. „Nur Tablet ist auch zu wenig und nicht alles muss unbedingt eine App sein“, so Hogenkamp, der im Zuge seines Vortrags „App Economy oder Apple Economy“ auch Kritik an Apples geschlossenem System übte. Derzeit gelte in der Branche weithin der Anspruch, möglichst alle Inhalte „magazinig“ aufzubereiten. „Aber es gibt auch einen Grund, warum Tageszeitungen anders aussehen als Magazine. Es kann nicht der einzige Weg sein, alles auf Magazin hin zu trimmen“, sagt Hogenkamp. Das iPad habe bei den Verlegern diesen Reflex ausgelöst, weil es allein aufgrund seines Formats dem ähnlich sei, was sie seit jeher kennen. Auch Hogenkamp ist davon überzeugt, dass die Nutzer im Mittelpunkt stehen müssen, sich Zeitungen künftig noch mehr daran orientieren müssen, was das Publikum will.

Die Frage der Monetarisierung werde häufig viel zu schnell gestellt, meint Hogenkamp. In diesem Punkt müsse sich die Branche an Unternehmen wie Google oder Facebook ein Beispiel nehmen, die sich zunächst sehr lange nur darauf konzentiert haben, was sie ihren Nutzern bieten können. Die Frage nach dem Geldverdienen sei lange Zeit überhaupt nicht gestellt worden.

Kontroverse
Für Konfrontationen in der anschließenden Podiumsdiskussion sorgte Kirsten Annette Vogel vom TOP.IfM Institut für Medienprofis. Sie ist der Ansicht, dass die steigende Internetnutzung negative Auswirkungen auf den Menschen hat. „Seit das Internet immer stärker in den Redaktionen eingesetzt wird, steigen auch die Burn-out-Fälle. Die Internetnutzung überfordert unsere Gehirne“, ist Vogel überzeugt. Die Menschen bräuchten weiterhin etwas Physisches in der Hand, die Berührung mit der Zeitung fehle im Netz. Konsumenten gleichermaßen wie Mitarbeiter seien nicht ausreichend dazu ausgebildet, um richtig mit dem Internet umzugehen.

„Information-Overload ist Quatsch“, meint hingegen der leidenschaftliche Twitterer Hogenkamp. Eine Flut an Nachrichten habe es schließlich immer schon gegeben, auch an den Kiosken könne man nicht alles gleichzeitig aufkaufen und konsumieren. Auch Christian Lindner von der Rhein Zeitung und Pitt Gottschalk vom Axel Springer Verlag konnten mit Vogels Warnungen vor dem Internet nur wenig anfangen. „Twitter, Facebook und Blogs sind bei uns für jeden Einsteiger Pflicht. Darin sehen wir die Zukunft“, so Gottschalk. Lindner sieht den Overload-Effekt im Netz sogar als sehr nützlich an: „Das ist für Print-Redakteure wunderbar. So bekommen sie erstmals auch die vielen positiven Rückmeldungen auf ihre Arbeit mit.“

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