Digital Life
07.08.2013

Radiomoderator twitterte über sterbende Mutter

Was heißt schon privat? Viele geben im Internet, in den sozialen Netzwerken mittlerweile sehr viel mehr preis, als andere wissen wollen: Details über Sex, Geburten auf Video. In den USA fiel nun wieder ein Tabu.

Sehr viel öffentlicher konnte Patricia Simon Newman Gilbands Sterben nicht sein. Sie war 84 Jahre alt  und lag auf der Intensivstation eines Chicagoer Krankenhauses. Ihr Sohn, Scott Simon, twitterte regelmäßig über ihre letzten Tage. Eine Totenwache in einer langen Serie von jeweils 140 Zeichen also.

Live-Sterbebegleitung für 1.2 Millionen Followers
Die Tweets repräsentierten die ganze Bandbreite von Gefühlen und Beobachtungen, die man empfindet, wenn ein nahestehender Mensch im Sterben liegt: „Meine Mutter kennt alle Ärzte und Schwestern auf der Intensivstation beim Namen. Niemand ist für sie ein Fremder."

Wenig später: „Was ist der tiefere Sinn, dass es gebratene Zwiebelringe in einer Spitalskantine gibt?"

Und dann noch am selben Tag: „Nächte sind am schlimmsten. Aber drum bin ich ja hier. Ich wünschte, ich könnte ihren Schmerz und ihre Angst aus ihrem Körper weg- und in meinem aufnehmen."

Dazwischen ist auch immer wieder Humor. „Meine Mutter sagt: Ich glaube, diese großartigen Reden auf dem Sterbebett werden alle rechtzeitig vorher geschrieben." Oder:  Mutter und Sohn machten schon die zweite Nacht keine Auge zu; sie hörten Arien aus La Bohème. Die Mutter meinte: „Vielleicht hilft die Opernmusik. Früher bin ich in der Oper immer eingeschlafen."

Als sie verstarb, twitterte Scott Simon: „Der Himmel über Chicago hat sich geöffnet, und Patricia Lyons Simon Newman betrat seine Bühne." Im nächsten Tweet nahm er Anleihe bei Shakespeares „Romeo und Julia": „Sie wird des Himmels Antlitz so verschönen, dass alle Welt sich in die Nacht verliebt."

Ein Radioveteran wird zum Pionier
Scott Simons Tweets wurden zum Tagesgespräch in allen Medien, - den alten wie den neuen. Das liegt u.a. in seiner Person begründet: Er ist ein angesehener, respektierter Radioveteran, der sich seine ersten journalistischen Sporen in einer Zeit verdiente, als man Artikel auf mechanischen Schreibmaschinene und mit Durchschlagpapier tippte. Der 61-Jährige präsentiert jeden Samstag in seinem typischen gemessenen, überlegten Stil den beliebten Wochenrückblick „Morning Edition Saturday" auf NPR ( National Public Radio), der US-Version von öffentlich-rechtlichem Radio.

 

Dass jemand wie er, der nun wirklich nicht zur Twitter-Generation zählt, etwas so Privates wie den Tod seiner Mutter mit einem Millionenpublikum teilen würde, überraschte. Aus einem Interview auf NPR geht hervor, dass die Tweets für ihn eine Art Bewältigung darstellten: „Anfangs wusste ich nicht, dass sie auf ihrem Totenbett lag; zumindest hoffte ich es nicht. Sie war so interessant, so humorvoll, so präzise in der Wahrnehmung, so sprühend...Ich wollte das mit anderen teilen."

Was versteht man unter Privatsphäre?
Die Reaktionen auf Scott Simons Tweets fielen überwiegend positiv aus. „Ich finde, was Scott Simon mit der Welt teilt, ist wunderbar und persönlich", lautete ein Kommentar unter einem Artikel in der Washington Post. Ein Leser der Los Angeles Times fand seine Totenwache auf Twitter „makaber und respektlos. Es geht ihm nicht um seine arme, sterbende Mutter. Es geht ihm nur um sich selbst".  Doch solche Kommentare waren in der Minderheit.

Es konnte nicht ausbleiben, dass auch Kulturhistoriker, Medienkritiker und Ethiker sich zu Wort meldeten.  „Über das Sterben eines nahen Angehörigen in Echtzeit zu twittern, ist eine neue Demarkationslinie, wie man Privatsphäre definiert", erklärt Art Caplan. Dem Bioethiker an der New York University war etwas unbehaglich zumute, als er von den Tweets erfuhr. „Mein erster Gedanke war: Weiß Scott Simons Mutter eigentlich davon?" Und in der Tat, sie wusste davon. Ob sie einen Begriff davon hatte, dass zumindest einige ihrer letzten Worte von 1,2 Millionen Followers ihres Sohnes gelesen und in der Folge via diverse Medien noch sehr viel weiter verbreitet wurden, bleibt freilich dahingestellt.

Konsequenzen ziehen
Art Caplan glaubt, aus diesem Präzedenzfall seien Konsequenzen für alle zu ziehen. Gespräche, wie jemand seine letzten Tage beschließen und welches Begräbnis er oder sie möchte, sollten in Zukunft einen weiteren Tagesordnungspunkt enthalten:  „Ob man damit einverstanden ist, dass die demnächst Hinterbliebenen das Sterben mit der größeren Allgemeinheit auf einem sozialen Netzwerk teilen."

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