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Musik Shazam: "Wir wissen vorher, was ein Hit wird".

Foto: Copyright: Graham Jepson
Seit der Einführung von Apples iPhone zählt der kostenlose Musik-ID-Dienst Shazam zu den beliebtesten Apps. Aber auch auf Android und anderen Plattformen ist der Service, mit dem man Informationen zu gehörter Musik abrufen kann, Standardausstattung. Die futurezone hat das Hauptquartier in London besucht und mit Technologie-Chef Jason Titus über die Zukunft des musikalischen Fingerabdrucks gesprochen.

Mit mehr als 250 Millionen Usern und zehn Millionen Abfragen pro Tag ist Shazam längst vom Start-up-Geheimtipp zur Standardausrüstung auf Smartphones und Tablets geworden. Die Idee war einfach wie genial. Man hört im Radio oder sonst wo ein Lied und möchte wissen, wer der Sänger oder die Band ist und auf welcher CD es zu finden ist. Die Shazam-App liefert all diese Informationen, indem man das Smartphone einfach zur Audioquelle hält und der Dienst den abgespielten Song erkennt.

futurezone: Shazams Ursprung geht ja einige Jahre vor die Smartphone-Revolution zurück. Was hat sich seit dem Start im Jahr 2002 verändert?
Jason Titus: Vor der Smartphone-Ära funktionierte Shazam als SMS-Service. Man rief eine Nummer an, hielt das Handy zur Musikquelle und bekam per SMS Titel und Interpret sowie die Möglichkeit, den Klingelton zu erwerben. Mittlerweile umfasst unsere Datenbank 250 Millionen Titel. Der größte Schritt war aber, Shazam auf TV-Inhalte auszuweiten.

Wie und wo können User Shazam beim Fernsehen nutzen?
Schon jetzt wird Shazam beim Fernsehen verwendet, etwa wenn ein Song in einer Serie läuft. Das sehen wir daran, wenn ein Uraltsong plötzlich massenhaft bei Shazam getaggt wird, weil er im Abspann von True Blood oder einer anderen Serie vorkommt. In den USA haben wir jetzt begonnen 160 TV-Kanäle einzuspeisen. Shazam erkennt das Programm und liefert mehr Infos zur Sendung, zu den Schauspielern und zur verwendeten Musik.

Um das Programm von 160 Sendern abzudecken, müssen doch Unmengen an Daten gespeichert werden. Wie groß ist ihre Datenbank?
Ja, das ist eine gute Frage. Der Vorteil der Fingerprint-Technologie von Shazam ist, dass sowohl bei Musik als auch bei TV-Inhalten datenmäßig nur ein Bruchteil des Ausgangsmaterials gespeichert werden müssen, damit die Erkennung funktioniert. Im Gegensatz zur Musik bleiben die Inhalte der 160 Kanäle auch nur sieben Tage auf unseren Servern gespeichert.

Wann kommt dieser Service nach Europa?
Der europäische Markt ist aufgrund der vielen Sprachen und Lizenzen in den diversen Ländern natürlich eine große Herausforderung. Erste Experimente bei Fernsehwerbungen in Deutschland, Großbritannien und einigen anderen Ländern haben aber gezeigt, dass das Interesse riesig ist. Ein deutscher Toyota-Spot, der über Shazam zu Webinhalten führte, wurde allein 50.000 Mal getaggt. Das hat uns selber überrascht.

Wie sehen weiterführende Inhalte aus? Was hat der User davon?
Bei Autos kann man natürlich mehr Infos, etwa Bilder vom Innenraum, geboten bekommen oder auch einen Link zum nächsten Händler in der Nähe. In den USA haben wir auch mit Filmstudios zusammengearbeitet. Wurde ein Blockbuster-Trailer mit der Shazam-App getaggt, bekamen die User gleich einen Link zu Beginnzeiten und Tickets für Kinos in der Umgebung.

Wie kommt es eigentlich, dass Shazam sein Hauptquartier in London hat?
Das hat traditionelle Gründe. Die Gründer sind zwar Amerikaner, wir fanden damals vor zehn Jahren aber in Europa die weitaus besseren Marktbedingungen vor. Zu der Zeit hat man in den USA einfach nicht verstanden, dass man mit mobilen Services Geld machen kann. In Europa waren der Mobilfunk und kostenpflichtige Dienste wie SMS-Versand schon gut etabliert.

Jason Titus, Shazam
Foto: Copyright: Graham Jepson

Die Musikindustrie hat sich in den vergangenen zehn Jahren enorm verändert. Welche Rolle spielt eine derart populäre Plattform wie Shazam?
Wir wissen durch die Abfragen unserer User in der Tat schon vor Radiostationen und Verkaufscharts, ob ein Song ein Hit oder eine unbekannte Band erfolgreich wird. Mittlerweile ist es so, dass viele Radiostationen erst Musik spielen, wenn sie in den Shazam-Charts auftaucht. Mit aufsteigenden Musikern von Anfang zusammenzuarbeiten und schnell auf derartige Trends zu reagieren, macht einen wesentlichen Teil unseres Erfolgs aus.

Wie landet neue Musik im Shazam-Archiv?
Wir haben viele Musik-Scouts, die in den verschiedenen Regionen der Welt ihre Augen und Ohren offenhalten. Uni-Campusse etwa sind eine gute Quelle, um angesagte Musik zu entdecken. Manches passiert halbautomatisiert, durch Alben-Veröffentlichungen, man kann uns aber auch auf Twitter oder Facebook immer Tipps geben, sei es als Musiker oder auch einfach als User. Vieles wird immer noch manuell in unser System eingespielt, etwa Vinyl-Platten.

Shazam war von Anfang an auf dem iPhone stark, auch weil die App sehr früh im Store vertreten war. Wie wichtig war Apple für Shazam?
Das iPhone hat definitiv alles verändert. Sieben, acht Jahre lang hieß es immer, der mobile Markt wird abheben, aber nichts geschah. Die iPhone-Einführung und dann vor allem auch der Lauch des App Stores hat die Dinge in Bewegung gebracht. Am Anfang hat aber auch Apple von uns profitiert, weil die User mit unserer App ihren Freunden zeigten, was mit dem iPhone alles möglich ist.

Mittlerweile sind viel mehr Android- als Apple-Smartphones im Umlauf. Unterscheiden sich die User?
Wir arbeiten sehr eng mit Google zusammen, unsere Android-User sind sicherlich genauso aktiv bei Shazam. Beim Musikkonsum gibt es auf Android aber immer noch Herausforderungen. Das beginnt beim Kaufen von Musik, wo es viele verschiedene Stores bis hin zu Angeboten der Netzbetreiber gibt und hört beim Synchronisieren zwischen PC und Smartphone auf. Mit dem Apple-Ökosystem lässt sich Musik einfach kaufen und verwalten, zudem verwendet praktisch jeder sein iPhone zum Musikhören.

Sie haben die Fragmentierung bei Android angesprochen. Zusätzlich bedient Shazam ja eine Vielzahl von anderen Plattformen. Wie aufwändig ist das?
Es geht oft mehr Zeit für das Testen drauf, als wir uns wünschen. Allein Android ist ja in Wahrheit eine Vielzahl von Plattformen. Auch wenn wir andere Plattformen weiterhin bedienen, fokussieren wir stark auf Android, iOS und Windows Phone. Letztere ist insofern für uns spannend, da sie beim Interface einen anderen Weg als die anderen gehen.

Inwiefern hilft HTML5 beim Betreuen der Plattformen? Werden Apps dadurch nicht ohnehin bald obsolet sein?
Das sehe ich überhaupt nicht so. HTML5 hilft aktuell vielleicht, eine ähnliche User Experience auf verschiedenen Plattformen zu schaffen - etwa um die Darstellung von Song-Listen zu vereinheitlichen. Native Apps werden aber immer reichhaltiger sein, indem sie auf die Funktionen der jeweiligen Plattformen zurückgreifen - etwa wenn es um Benachrichtigungen oder integrierte Social-Networking-Features geht.

Sie klingen recht skeptisch, was die HTML5-Zukunft betrifft.
Wie gesagt, HTML5 hat einige Vorzüge und wir würden gerne auch noch viel mehr damit machen, aber der Standard entwickelt sich leider nur langsam. Es gibt einfach zu viele Player und diese mögen sich nicht besonders.

Auch Shazam setzt bei der eigenen Infrastruktur auf die Cloud. Viele populäre Services hatten in der Vergangenheit mit Ausfällen zu kämpfen. Wie hoch ist das Risiko?
Das Risiko hat weniger mit dem Cloud-Anbieter als mit dem Design der eigenen Services zu tun und damit, ob man die Last auf verschiedene Standorte aufteilt. Die Aufregung, wenn einmal etwas passiert, ist nur deshalb groß, weil zur gleichen Zeit 200 Start-ups betroffen sind.

Eigene Server schützen also nicht vor Ausfällen?
Services durchgehend bereitzustellen, ist immer eine große Herausforderung. Die Realität ist doch, dass die angesprochenen Start-ups auch Ausfälle verzeichnet hätten, wenn sie ihre eigenen Server betrieben hätten - nur halt nicht zur gleichen Zeit. Glauben Sie mir, ich habe selbst mit eigenen Augen erlebt, wie auch in großen Unternehmen mit riesigen Datenzentren das Wasser nach einem Rohrbruch auf die Server tropfte. Da ist man relativ machtlos.

Sie kennen die Branche gut, waren jahrelang bei Unternehmen wie Altavista und Yahoo tätig. Was hat sich seit den Anfangstagen des Internets geändert? Ist alles noch schnelllebiger geworden?
Die Geschwindigkeit bei der Entwicklung von Innovationen ist interessanterweise eine der wenigen Konstanten. Was sich allerdings ständig verändert, ist wo die Fortschritte erzielt werden. Am Anfang ging es um statische vs. interaktive Webseiten, um Websuche, dann kamen die kostenlosen E-Mail-Clients, schließlich die sozialen Netzwerke. Aktuell verschiebt sich alles in die mobile Welt.

Viele ehemalige Marktführer wie Yahoo tun sich mit diesen geänderten Voraussetzungen schwer. Warum eigentlich?
Ein derartiger Umbruch, wie wir ihn jetzt mit mobilen Services erleben, ist gerade für traditionell gewachsene Konzerne sehr schmerzhaft, weil das ganze Geschäftsmodell in Frage gestellt werden. Yahoo hat einige große Chancen verpasst, aber selbst Google hat sich enorm schwer getan, sich auf die neue Situation einzustellen. Das Problem liegt irgendwo auch auf der Hand: Wenn ich mit traditionellen Services Hunderte Millionen Dollar erwirtschafte, baue ich als Unternehmen nicht gleich die Konzernstruktur um, nur weil am Rand - etwa im mobilen Geschäft - ein paar Millionen gemacht werden.

Wie will Shazam erfolgreich bleiben und nicht die selben Fehler wie Yahoo und Co begehen?
Wichtig ist, dass man sich ganz stark an den Bedürfnissen und Erwartungen der User orientiert. Eine App muss einen bestimmten Sinn und Zweck erfüllen. Das erklärt auch, warum die iPhone-Taschenlampe als ganz elementares Beispiel immer noch in den Top 100 zu finden ist, ein heute angesagtes Game aber übermorgen von der Bildfläche verschwindet. Darüber hinaus muss man sich auf das konzentrieren, was man perfekt kann und wo man sich vom Wettbewerb unterscheiden kann.

Bei Shazam ist das der Abgleich von gespeicherten Sound-Files aller Art. Wie lange wird es dauern, bis man Stimmen erkennen und zu Personen zuordnen kann?
Im nicht-kommerziellen Bereich gibt es derartige Lösungen sicher schon. Um so etwas kommerziell aufzuziehen, muss man entsprechende Anwendungsszenarien finden, die für User sinnvoll wären. Die technischen Voraussetzungen sind von unserer Seite her sicher nicht schlecht.

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(futurezone) Erstellt am 06.12.2012, 06:00

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