Digital Life
23.05.2011

"Technische Begabung ist keine Genderfrage"

Der weibliche Anteil in der IT-Welt ist nach wie vor sehr gering. Aufgrund gesellschaftlicher Strukturen, veralteter Lehrpläne und fehlendem Angebot wird die Begeisterung für technische Berufe oft schon im Keim erstickt. Österreich habe in dieser Hinsicht eine besonders konservative Haltung, meint Informatikprofessorin Gerti Kappel im Interview mit der futurezone.

„Ich habe nicht den Eindruck, dass sich in der IT- und Technikwelt in den vergangenen Jahren viel geändert hat“, sagt Gerti Kappel, Informatikprofessorin an der TU Wien, im Gespräch mit der futurezone. Es gebe zwar einzelne Bereiche, in denen der Frauenanteil mittlerweile deutlich gewachsen sei – etwa Architektur oder Technische Chemie und Technische Mathematik. „In der Informatik hingegen ist die Zahl der Frauen sogar zurück gegangen, insgesamt haben wir an der TU im Moment einen Frauenanteil von etwa 20 Prozent“, so Kappel. Immerhin: Seit vergangener Woche ist es offiziell, die Technische Universität wird ab 1. Oktober mit Sabine Seidler als Rektorin erstmals in der Geschichte von einer Frau geführt werden.

 

Kappel will nicht schwarzmalen, denn eigentlich wäre es gar nicht so schwer, am Status-quo etwas zu ändern, ist sie überzeugt. „Das Problem liegt viel zu oft noch in alten Klischees und gesellschaftlichen Strukturen begraben. Österreich ist in Sachen Naturwissenschaft und was die Berufswahl betrifft absolut konservativ“, so die Informatikerin. Jede Gesellschaft definiere für sich, was wichtig ist. „Frauen machen leider immer das, was `nicht wichtig` ist“, sagt Kappel.

 

Die Gründe für das massive Ungleichgewicht der Geschlechter in der IT- und Technikwelt sind komplex und vielfältig. Sie reichen von der Schulausbildung bis hin zu fehlenden Vorbildern für junge Frauen und Mädchen. Aber auch Punkte wie Familienplanung und zu wenig Unterstützung seitens Eltern und Lehrer tragen weiter dazu bei, dass der Frauenanteil in der Technik und Forschung gering ist. Weltweit ist nur ein Viertel der Beschäftigten im Bereich Computer- und Information-System-Management weiblich, bei Computer-Hardware-Technologien ist sogar nur jeder zehnte Arbeitsplatz von einer Frau besetzt.

 

https:// futurezone.at/digitallife/2132-girl-geek-dinner-frauen-leben-das-internet.php

Fehlendes Bildungsangebot„Technische Begabung hat nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Leider werden junge Mädchen nach wie vor schon sehr früh in Klischees gepresst“, kritisiert Kappel. Das fange im Schulunterricht an, wo Mädchen noch immer zwangsweise zum „Textilen Werken“ verdonnert würden. In den Schulen, aber auch in den Familien selbst gebe es noch sehr viel Nachholbedarf, denn die Begeisterung für Technik sei bei Mädchen und Frauen durchaus vorhanden. „Das beweisen etwa unsere Sommer-Workshops auf der TU, wo Mädchen ab zehn Jahren teilnehmen können und mit diversen technischen Richtungen vertraut gemacht werden“, erzählt Kappel. Das Interesse der Teilnehmerinnen, aber auch das der Eltern sei immens groß. „Es fehlt einfach noch an einem breiten Angebot, vor allem in den Schulen. Ich würde mir besonders im polytechnischen Bereich mehr Aktivitäten wünschen und zwar ab sofort.“

Prominente IT-Frauen

1/10

Marissa Mayer

Carol Bartz

Caterina Fake

Arianna Huffington

Sheryl Sandberg

Brigitte Ederer

Petra Jenner

Carly Fiorina

Meg Whitman

Mitchell Baker

IT-Unternehmen wollen FrauenVon Seite der IT-Unternehmen ist der Wunsch nach mehr weiblichen Mitarbeitern durchaus vorhanden. „Wir bemerken hier eine verstärkte Nachfrage. Das kann mitunter daran liegen, dass sich Firmen heute gerne auch mit Frauen `schmücken`, vielfach ist es den Unternehmen aber heute tatsächlich ein aufrichtiges Anliegen, Frauen zu beschäftigen“, sagt Kappel. Nachholbedarf sieht die Informatikerin vor allem noch bei Punkten wie Kinderbetreuungsstätten, etwa innerhalb großer Konzerne, aber auch beim Thema Karenz. „Ich wünsche mir eine verpflichtende Karenz für Männer.“

 

Das National Center for Women and Information Technology  an der University of Colorado hat erhoben, das derzeit nur sechs Prozent der Top-100-Technologieunternehmen Frauen an der Spitze haben. Nur 22 Prozent aller Programmierer sind weiblich. Blickt man sich um, stechen auf internationaler Ebene nur wenige Frauen in prominenten Positionen ins Auge. Dazu zählen etwa Marissa Mayer bei Google, Yahoo-Chefin Carol Bartz oder Carly Fiorina, ehemalige Chefin von HP. Ein Beispiel aus Österreich liefert Ex-SPÖ-Politikerin Brigitte Ederer, sie sitzt im Vorstand der Siemens AG in München und betreut die Wirtschaftsregion Europa. Auch Microsoft Österreich wird mit Petra Jenner seit 2009 von einer Frau geführt.