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Nachahmer
12/13/2010

Whistleblowing abseits von Wikileaks

Wikileaks ist nicht die erste Seite im Netz mit prekären Geheimdokumenten. Bereits seit längerem existiert mit Cryptome.org eine ähnliche Plattform, verschiedene andere Dienste sind ebenfalls in Planung.

Als eine der ersten klassischen Whistleblowing-Webseiten gilt die US-amerikanische Seite Cryptome.org. Jene wurde im Juni 1996 von John Young und Deborah Natsios ins Leben gerufen und verfolgt ähnliche Philosophien wie Wikileaks. Die beiden Gründer haben sich ebenso Meinungs- und Informationsfreiheit auf die Flaggen geschrieben und sind auch bereits in der Vergangenheit mit umstrittenen Geheimakten an die Öffentlichkeit getreten.

Cryptome: 54.000 Dateien

In einem Interview Anfang 2010 gab Young die Zahl der gehosteten Geheimdokumente mit rund 54.000 Dateien an. Besonders brisante Veröffentlichungen waren unter anderem eine Namensliste mit Agenten des britischen Geheimdienstes MI6 sowie tausende Fotos von getöteten US-Soldaten im Rahmen des Irakkriegs. Cryptome hat darüber hinaus auch bereits mehrere private Details wie Adressen oder Telefonnummern von US-Regierungsbeamten wie die von John Negropnte, ehemaliger Direktors des nationalen Nachrichtendienstes, veröffentlicht. Mittlerweile existiert auch der Ableger Cryptome CN, der sich auf die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten aus China spezialisierte

Wie auch Wikileaks hatte Cryptome bereits mit den Behörden zu kämpfen. So wurde John Young laut eigenen Angaben auf Cryptome.org bereits vom FBI kontaktiert und ihm deutlich nahegelegt bestimmte Veröffentlichungen zu unterlassen. Cryptome musste außerdem bereits den Hosting-Provider wechseln. Auch PayPal fror im März dieses Jahres den Cryptome-PayPal-Account ein und stoppte somit Spendenzahlungen über ihr Portal.

Openleaks
Mehrere ehemalige Wikileaks-Mitarbeiter bringen in dieser Woche laut Medienberichten eine eigene Enthüllungs-Plattform an den Start. Openleaks unterscheidet sich allerdings konzeptionell deutlich vom Vorbild. Die Macher wollen die Dokumente nicht selber veröffentlichen, sondern einen toten Briefkasten einrichten. Andere Medien und Organisationen sollen ihn nutzen können, um anonyme Hinweise auf Missstände entgegenzunehmen, sagte Sprecher Herberg Snorrason der //Süddeutschen Zeitung// (Montag).

Als mögliche Kooperationspartner nannte er neben Zeitungen auch Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaften und Regierungen. Sie sollen monatlich zwischen 200 und 500 Euro zahlen - je nach Größe und Finanzkraft. Darüber hinaus setzt Openleaks auf Spenden. Den Finanzbedarf bezifferte Snorrason auf "mehr als 100 000 Euro im ersten Jahr".

Die Köpfe von Openleaks haben bereits Erfahrungen mit dem Betrieb einer Whistleblowing-Plattform gesammelt: Daniel Domscheit-Berg und Herbert Snorrason arbeiteten für Wikileaks, stiegen aber nach Streitigkeiten mit dessen Gründer Julian Assange aus. Sie sehen sich aber nicht in Konkurrenz zu dem Australier: "Worauf wir abzielen, ist so fundamental anders, dass wir uns nicht als Wettbewerber sehen", sagte er dem US-Magazin //Forbes//. Assange selbst bezeichnete es als hilfreich, dass mehr Leute in diesem "Geschäft" tätig seien.

WAZ
Einen ähnlichen Ansatz wie Openleaks verfolgt die WAZ-Gruppe ("Westdeutsche Allgemeine Zeitung", "Westfälische Rundschau"). Jene will Informanten eine weitere Möglichkeit bieten, mit der Redaktion Kontakt aufzunehmen. Der Upload sei wie beim Online-Banking vollständig verschlüsselt und gesichert, schrieb David Schraven, Leiter des Ressorts Recherche.

Die Zeitungen der Gruppe würden die Dokumente nicht ungeprüft veröffentlichen, sondern als "Ausgangspunkt für weiterführende Nachforschungen" verwenden. Der Schutz unbeteiligter Mitarbeiter von Behörden oder Organisationen sei dabei sehr wichtig, so Schraven.

Indoleaks
Und dann wäre da noch Indoleaks, eine Enthüllungs-Plattform aus Indonesien, die am Freitag online ging. Der ostasiatische Klon von Wikileaks habe allerdings mit Startproblemen zu kämpfen, schreibt die Zeitung //The Jakarta Globe//: Ein Großteil der verlinkten Dokumente sei zunächst nicht abrufbar gewesen.

Öffnen konnten die Redakteure nur einen 35 Jahre alten Bericht, der ein Gespräch zwischen dem damaligen indonesischen Präsidenten Suharto und seinem US-Kollegen Gerald Ford über Ost-Timor wiedergab. Brisant ist das allerdings kaum. Zum einen stand das Dokument laut der Zeitung ohnehin nicht unter Geheimhaltung. Zum anderem sind die beiden Akteure längst tot, die frühere Provinz ist unabhängig.

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(futurezone/APA/dpa)