Digital Life
12.05.2014

Windkraft aus den Alpen: Ökostrom für 24.000 Haushalte

Auf 1600 Meter Höhe in den steirischen Alpen entsteht derzeit der größte hochalpine Windpark Europas. Ein Lokalaugenschein.

Am Gipfel der Rattener Alm am Steinriegel in der Steiermark hat es im Mai fünf Grad. Der Himmel hüllt sich in eine dichte Wolkendecke aus der es leicht tröpfelt. Der Wind bläst. Er bläst so ordentlich, dass man selbst eingehüllt in einer dicken Windjacke leicht fröstelt. Direkt am Gipfel befindet sich ein rund 65 Meter hohes Windrad, das leise vor sich hin rattert. Kommt eine Windböe, ist das Rattern allerdings nicht mehr zu hören.

Seit 2005 stehen insgesamt zehn Windkraftanlagen entlang des 1600 Meter hohen Bergkamms – also dort, wo der Wind am meisten bläst. Nun wird der Windpark vom Betreiber Wien Energie unterhalb des Kamms direkt an den Gemeindegrenzen von Ratten und Langenwang um zusätzliche elf Anlagen erweitert.

Steinriegel: Windpark in den Alpen

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Baubeginn

Heute wird auf der Alm bereits das Fundament für die neuen Anlagen gelegt, erzählt Johann Janker, Geschäftsführer der Firma Ecowind, die den Bauprozess begleitet. Auch der Umladeplatz im Ortskern von Ratten, der im Tal liegt, ist bereits fertig. Der Weg zum Berggipfel hat es nämlich in sich. Über die engen Forstwege mit den spitzen Kehren und starken Steigungen kommen nur spezielle Bergfahrzeuge. Schließlich wiegen die Einzelteile einer Windanlage bis zu 1000 Tonnen.

Für die Flügel, die rund 35 Meter lang sind und die nicht in Einzelteile zerlegt werden können, gibt es sogar eigene Transportfahrzeuge. „Die Flügel wiegen zwar nur fünf Tonnen pro Stück, sind aber der längste Teil einer Windkraftanlage“, erzählt Janker. Bei den elf neuen Anlagen werden bei sieben die Rotoren am Boden zusammengebaut und im Anschluss als Stern hochgehoben. „Bei vier Anlagen setzen wir auf eine Einzelplattenmontage der Flügelblätter. Dadurch gibt es weniger Eingriffe in die Umwelt“, so Janker. Denn diese seien so weit wie möglich zu vermeiden.

Tourismusziel

Bürgerproteste gegen die neue Windkraftanlage habe es keine gegeben, so Janker. Schließlich gibt es am Berggipfel auch keine direkten Anrainer und das leise Geräusch der Windräder kann außer ein paar Wanderern, die sich in den Sommermonaten zum Gipfelkreuz aufmachen, niemanden stören. Für Wanderer ist der Windpark Steinriegel mittlerweile zu einem attraktiven Ausflugsziel geworden. Einige bleiben neugierig stehen, als die Bürgermeister von den beiden zuständigen Gemeinden, der steirische Landesrat für Nachhaltigkeit sowie die Wien Energie-Geschäftsführerin Susanna Zapreva beim Spatenstich ihre Schaufeln in die Erde stecken.

„Ab Herbst wird der Windpark Steinriegel mit 38,3 Megawatt Leistung Strom für 24.000 Haushalte produzieren. Damit kommen wir unserem Ziel, bis 2030 den Anteil der erneuerbaren Energien auf 50 Prozent zu erhöhen, einen Schritt näher“, sagt Zapreva, die in einer dicken Windjacke eingehüllt, den neuen Standort für den Windpark einweiht. Wien Energie investiert insgesamt 34,5 Millionen Euro in den Windpark. In 15 Jahren soll sich diese Summe amortisiert haben. Der Windpark selbst soll mindestens 20 Jahre in Betrieb sein.

In den neun Jahren seit der Inbetriebnahme von „Steinriegel 1“ hat es laut Janker keine Probleme gegeben. Wenn solche doch einmal auftreten sollten, kümmert sich ein sogenannter Mühlenwart um die Anlage. Im Winter gelangt der Mühlenwart freilich nur mit Ski und Pistenfahrzeug auf den Gipfel.

Lange Genehmigungsprozesse

Auch wenn es keine Einsprüche gegeben hat, hat der Genehmigungsprozess für „Steinriegel 2“, wie der neue Windpark heißen wird, rund 2,5 Jahre gedauert. „Selbst die Erweiterung eines Windparks geht nicht von einem Tag auf den anderen. Man muss wieder den kompletten Behördenweg durchlaufen mit Umweltverträglichkeitsprüfung, mit Gutachten über Schall und Schatten, Auswirkungen auf Mensch und Natur“, erzählt Gudrun Senk, Leiterin der Abteilung Erneuerbare Energien bei Wien Energie, der futurezone .

Im Herbst soll der neue Windpark dann in Betrieb gehen. Die neuen Anlagen sind dabei allerdings wesentlich leistungskräftiger als die alten, denn es hat sich aus technologischer Sicht in den vergangenen zehn Jahren, seit der erste Windpark konzipiert worden ist, viel getan: Statt 1,3 Megawatt liefern die neuen Anlagen bereits 2,3 Megawatt an Leistung. Das sei dabei noch nicht einmal das Maximum des technischen möglichen, sondern die Obergrenze für den hochalpinen Bereich, wie Senk erklärt. Die Anlage ist außerdem breiter und höher – mehr als 100 Meter bis zum Rotor sind dabei keine Seltenheit mehr.

Kein Zuviel an Energie möglich

Der Strom, der in Steinriegel produziert wird, gelangt über eigens gelegte Kabelleitungen ins Mürztal ins Umspannwerk Mürzzuschlag. Zehn Kilometer lang sei die Ableitung dorthin, erzählt Janker, und das Umspannwerk sei extra wegen dem Windpark erweitert worden. „Wir haben vom Umspannwerksbetreiber die Zusicherung, dass die Leistung, die der Windpark maximal produzieren kann (Anmerkung: das sind 45.000 Megawattstunden Strom pro Jahr), auch aufgenommen werden kann. Das war auch ein Teil des Genehmigungsverfahrens. Wir können also mit Sicherheit sagen, dass der Windpark Steinriegel nie zu viel an Energie produzieren wird.“

Insgesamt werden rund fünf Prozent der steirischen Haushalte künftig Strom aus dem alpinen Windpark beziehen. Für den Landesrat für Nachhaltigkeit, Johann Seitinger, ist das „ein Meilenstein“. „Erneuerbare Energien zählen zu den tragenden Säulen einer nachhaltigen, steirischen Energiepolitik“, fügt der Politiker hinzu. Wenn im alpinen Windpark der Wind also künftig mit Spitzengeschwindigkeiten von 200 bis 300 Stundenkilometern weht, kann man sicher sein: Der Wind bläst hier auch für einen guten Zweck.